Regisseur Barry Jenkins, 37. Für das Drama "Moonlight" erhielt er dieses Jahr den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch und den besten Film. Foto: A24/DCMp

Regisseur Barry Jenkins im Gespräch "Moonlight ist ein stolzer schwarzer Film"

Andreas Busche
0 Kommentare

Regisseur Barry Jenkins im Gespräch über afroamerikanische Männlichkeitsvorstellungen, seine Kindheit in Florida und warum Schwarze im Kino niemals träumen.

Zur Person

Barry Jenkins, 37, studierte Film an der Florida State University in Tallahassee. Sein erster Film "Medicine for Melancholy", eine Indie-Produktion, wurde 2008 veröffentlicht und bereits positiv von der Kritik aufgenommen. Danach schrieb Jenkins als Drehbuchautor für die HBO-Serie "The Leftovers". Für das Drama "Moonlight" erhielt er dieses Jahr den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch und den besten Film. Er ist der erste Afroamerikaner, der beide Auszeichnungen in einem Jahr gewinnen konnte. Jenkins stammt aus Miami.

Ihr Film eröffnet mit dem Reggae-Stück „Every Nigger is a Star“. Das sind buchstäblich die ersten Worte, die man im Film hört. War das Lied gleich zu Beginn auch als Ansage gemeint, was für ein Film „Moonlight“ ist?

Boris Gardeners Song in der Eröffnungsszene zu benutzen, war eine bewusste Entscheidung. „Moonlight“ ist ein stolzer schwarzer Film. Gleichzeitig durfte er nicht mit dem elitären Gestus eines Prestigefilms daherkommen, die Geschichte sollte im Jargon ihrer Figuren sprechen.

Die Schlüsselszene ist der Moment, als Juan dem zehnjährigen Chiron im Meer das Schwimmen beibringt. Auch die Ästhetik der Szene ist charakteristisch für den gesamten Film: die Farbspiele, die Lichtreflexionen, die Kamera, die aus dem Wasser heraus filmt.

Es ist auch für mich eine zentrale Szene. Dieser Moment spiritueller Übertragung ist für Chirons weiteren Weg entscheidend. Diese Intimität zwischen den Figuren, dem Jungen und seinem Ersatzvater, war uns sehr wichtig. Die Ästhetik sollte das Bewusstsein Chirons widerspiegeln, und weniger von den Konventionen des Sozialrealismus beeinflusst sein. Wenn Juan im Film also Chirons Kopf halb unter Wasser hält, nimmt die Kamera diese Perspektive ein. Alex Hibbert konnte damals noch nicht schwimmen. Wir sehen also dabei zu, wie Mahershala Ali, der Juan spielt, Alex im Atlantik das Schwimmen beibringt. Er schickt den Jungen gewissermaßen in die Unendlichkeit des Meeres. Für solche Momente liebe ich das Kino.

Viele Afroamerikaner lernen, selbst wenn sie am Wasser aufwachsen, nie schwimmen. Ist der Ozean eine symbolische Barriere?

Ich glaube, dass die Traumata der Vergangenheit genetisch vererbbar sind. Der Atlantik hat für Afroamerikaner eine Vielzahl an Bedeutungen. Es erzählt nicht zuletzt davon, wie wir vor Jahrhunderten nach Amerika kamen. Ich bin selbst in Miami aufgewachsen, und auch ich hab mich selten am Strand aufgehalten.

Tarell Alvin McCraney, auf dessen Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ der Film basiert, und Sie wuchsen in Liberty City auf, einer schwarzen Nachbarschaft in Miami. Dort drehten Sie „Moonlight“ auch. Spielten Ihre Erinnerungen an den Ort Ihrer Kindheit eine Rolle?

Die Dreharbeiten waren stark von meinen Erinnerungen beeinflusst. Wenn Du in einer solchen Gegend aufwächst und nichts anderes kennst, fühlt es sich natürlich nicht besonders schlimm an. Es ist Normalität. Tarell beschrieb den Ort unserer Kindheit einmal als „schönen Albtraum“. Die Farben, die Lichter, der Geruch des Ozeans, alles blüht, die Luft vibriert. Das passt natürlich nicht zu unserer Vorstellung eines sozialrealistischen Films. Aber wir wollten diese Schönheit unbedingt bewahren, sonst wäre es gegenüber unseren Erinnerungen nicht ehrlich gewesen.

Waren Sie sich über die Ästhetik von Beginn an im Klaren? Die Bilder besitzen eine immaterielle, fast traumhafte Qualität.

Interessant, dass Sie das Wort ’traumhaft’ benutzen. Ich habe darüber während der Dreharbeiten viel nachgedacht. Wer nur das Kino kennt, könnte annehmen, dass Schwarze niemals träumen. Es gibt keine Traumsequenzen in Filmen mit schwarzen Darstellern – es sei denn, es handelt sich um ein Trauma. Da aber der gesamte Film durch die Erfahrungen Chirons gefiltert ist, war es mir wichtig, dieses Bewusstsein spürbar zu machen. Unsere Wahrnehmung ist nicht an erzählerische Konventionen gebunden, so funktioniert unser Bewusstsein nicht. Die Kamera sollten einen intuitiven Zugang finden.

Demgegenüber steht eine stilisierte, mitunter stark artifizielle Ausleuchtung.

Technisch gesehen war das Kino immer schon auf helle Haut fixiert: Setlicht, Make-up, selbst die Filmemulsion, auf der Kinobilder über ein Jahrhundert lang festgehalten wurden. Dunkle Haut reflektiert das Licht anders als helle Haut. Um Reflexionen zu vermeiden, wird sie mit Puder zugekleistert. Für mich dagegen ist feuchte, glänzende Haut ein Zeichen von Gesundheit. Darum habe ich am Set Puder verboten und stattdessen angeordnet, die Haut der Darsteller mit Öl zu behandeln. Das blaue Leuchten, das in der Schlusseinstellung von Chiron ausgeht: Das ist Alex’ Haut, die das Licht des Mondes und den Ozean reflektiert.

Womit wir wieder bei der Eingangsfrage sind. „Moonlight“ feiert seinen Protagonisten, obwohl ihm alles genommen wird: seine Eltern, seine Würde, selbst seine Sexualität.

Aus diesem Grund wollte ich „Moonlight“ unbedingt machen. Die Geschichte handelt von einem armen, kleinen, schwarzen Jungen, der mit seiner Sexualität ringt, seine Mutter ist crackabhängig – und der Film sollte dennoch wunderschön aussehen. Ohne dass ich dabei die soziale Realität romantisieren wollte.

Es ist ungewöhnlich, die Geschichte eines Coming-out mit einem Zehnjährigen zu beginnen. Warum wählte Tarell Alvin McCraney die Zeit vor der Pubertät als Ausgangspunkt?

Tarell erzählt vom Coming-out seiner Figur als ein Privileg. In dem Milieu, in dem Chiron aufwächst, haben die meisten Menschen keine Möglichkeit, sich ihrer Sexualität bewusst zu werden. Wenn Sie Tarell fragen, würde er Ihnen erzählen, dass er nicht einmal wusste, dass er schwul war, bis ihn jemand eine „Schwuchtel“ nannte. Er musste selbst herausfinden, was dieses Wort bedeutet.

War es schwierig, schwarze Darsteller für eine schwule Figur zu finden?

Ich hatte erwartet, dass es schwierig werden könnte, weil das Thema Homosexualität unter Schwarzen noch immer ein Tabu ist. Aber es kamen Hunderte von Bewerbungen. Für mich war beim Casting allerdings irrelevant, ob die Darsteller homosexuell oder heterosexuell waren – nach dem Gesetz darf diese Frage in Bewerbungsgesprächen ohnehin nicht gestellt werden.

Kennen Sie diesen sozialen Druck eines bestimmten Männlichkeitsideals aus ihrer eigenen Jugend?

Ehrlich gesagt, habe ich darüber früher nie nachgedacht. Erst die Arbeit an „Moonlight“ hat mich für dieses Problem sensibilisiert. In meiner Jugend habe ich mich unbewusst so verhalten, wie es die Gesellschaft von mir erwartete. Ich wusste, wie man einen Football wirft. Erst Tarells Stück hat mich dazu gebracht, über meine Rolle in der Gesellschaft nachzudenken. Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Warum wird Männlichkeit mit einer bestimmten Performance assoziiert? Und was macht das mit einem jungen Menschen, wenn er dazu gezwungen wird, sein Verhalten an eine gesellschaftliche Norm anzupassen?

Woher kommt dieser Normativitätszwang? Durch schwarze Rollenbilder in der Musik und im Sport? Oder weil Afroamerikaner per se stärker unter sozialer Beobachtung stehen?

Ja, ich denke, es hat viel damit zu tun, dass Afroamerikaner in der Öffentlichkeit kritischer beäugt werden. Aber die Gründe lassen sich auch in der Geschichte finden. Wir kamen als Sklaven nach Amerika, Afroamerikanern wurde nie ihre Männlichkeit zugestanden. Darum war die Identität afroamerikanischer Männer nach dem Ende der Sklaverei umso wichtiger. Nie wieder wollte man sich unterdrücken lassen. Maskulinität wurde zu einem Zeichen von Stärke.

Im Gegensatz dazu arbeiten Sie mit der Sprachlosigkeit ihrer Figur.

Ich wusste früh, dass das Schweigen in meinem Film eine große Rolle spielen sollte, weil ich dieses Verhalten selbst bei den Jungs in meiner Nachbarschaft beobachtet habe. Als Kinder waren sie lebhaft und expressiv. Aber je öfter sie sich anhören mussten, wie man sich als Schwarzer zu benehmen habe, desto stiller wurden sie. Das sind langsame, innerliche Prozesse. Ich musste also Darsteller finden, die eine Bandbreite an Gefühlen ohne große Worte ausdrücken konnten. Das Schweigen ist ein zentrales Motiv des Films.

Haben Sie als afroamerikanischer Regisseur das Gefühl, mit „Moonlight“ jetzt etwas repräsentieren zu müssen?

Es ist noch nicht bewiesen, dass sich etwas geändert hat. „Moonlight“ befand sich vier Jahre lang in der Produktion, lange vor der #Oscarssowhite-Kontroverse. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Vor fünfzehn Jahren gab es in der National Football League keine schwarzen Trainer, bis der Verband die Vereine zwang, mindestens einen afroamerikanischen Coach zu Bewerbungsgesprächen einzuladen. Und plötzlich merkten die Vereine, dass diese Trainer richtig gut waren. Zuvor waren sie nicht mal in Erwägung gezogen worden.

Was bedeutet das für die Situation von schwarzen Regisseuren in Hollywood?

„Moonlight“ sieht anders aus. Er klingt auch anders als alles, was man gemeinhin von einem Film über einen schwulen, schwarzen Jungen mit einer drogenabhängigen Mutter erwarten würde. Wenn wir es schaffen, alle diese Menschen mit ihren Vorurteilen ins Kino zu holen, hätte ich meine Schuldigkeit getan. Sobald der Film in der Welt ist, ist er ein Kunstwerk wie jeder andere Film auch.

Das Gespräch führte Andreas Busche. Es fand vor der Oscarverleihung statt. Lesen Sie hier eine Rezension zu Moonlight.

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Folgen Sie dem Queerspiegel in den sozialen Netzwerken:

Zur Startseite