Hollwood-Star Kevin Spacey. Foto: imago/APress
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Nach Missbrauchsvorwürfen Kevin Spaceys zynisches Coming Out

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Der Hollywood-Star will von den Missbrauchsvorwürfen gegen ihn ablenken. Das macht Opfer sexualisierter Gewalt ein weiteres Mal unsichtbar. Ein Kommentar.

Es ist ein lange Geschichte von Missbrauchsvorwürfen, Schweigen, Wut und Scham, die das Magazin „Buzzfeed“ am Sonntagabend veröffentlichte. Der Schauspieler Anthony Rapp, bekannt aus Star Trek, schildert darin, wie er 1986 als 14-Jähriger von einem späteren Hollywood-Superstar sexuell belästigt worden sei - und zwar von Kevin Spacey.

Rapp kannte Spacey, damals 26, von gemeinsamen Auftritten am Broadway. Spacey hatte ihn zu einer Party in seine Wohnung eingeladen. Im Laufe der Nacht habe ihn ein offensichtlich betrunkener Spacey gegen seinen Willen aufs Bett gehoben, sich auf ihn gelegt, ihn sexuell bedrängt - so schildert Rapp den Übergriff. Nach einer kurzen Zeit der Schockstarre konnte sich Rapp aus dem Griff Spaceys lösen. „Bist du sicher, dass du gehen willst?“, soll Spacey noch gefragt haben, als Rapp die Wohnung verlassen konnte.

2001 wurde Spaceys Name rausgelassen

Die Geschichte hat Rapp schon im Jahr 2001 dem englischen Magazin „Attitude“ erzählt. Damals entschied sich die Redaktion allerdings, den Namen von Spacey nicht zu nennen. Und auch sonst kann man dem Buzzfeed-Text entnehmen, wie Spaceys Übergriff offenbar vielen bekannt war - aber, ähnlich wie bei Harvey Weinstein, niemand wirklich einschritt. Ohnmächtig beobachtete Rapp Spaceys Aufstieg, gefangen in Selbstzweifeln, aber auch wütend über das, was damals geschah. Erst jetzt, im Zuge der Vergewaltigungs- und Belästigungsvorwürfe gegen Weinstein, entschloss er sich, den Übergriff endgültig öffentlich zu machen.

Über Kevin Spaceys Homosexualität wurde in Hollywood seit langem spekuliert. Zwar hat der Schauspieler selber schon Witze über die Gerüchte gerissen. Doch öffentlich bestätigt hat Spacey die Gerüchte nicht. Privates sei Privates, hat er wiederholt gesagt, und sich in einem Interview sogar mit einem gemobbten Teenager verglichen, der in den Selbstmord getrieben wird, weil seine sexuelle Identität infrage gestellt wird.

Spacey fühlt sich nun "encouraged"

Nach den Missbrauchsvorwürfen indes brauchte Spacey nur wenige Stunden, um sich zu outen. In einem Tweet ging er auf die Vorwürfe ein. Zwar erinnere er sich an nichts. Aber wenn er sich so verhalten habe, wie Rapp es schildere, müsse er sich entschuldigen. Wie auch immer: Durch Rapps Geschichte fühle er sich nun „encouraged“, also „ermutigt“(!), „andere Dinge in meinem Leben anzusprechen“. Er habe Beziehungen zu Männer und Frauen gehabt, immer wieder „romantische Begegnungen mit Männern“: „Jetzt habe ich mich entschieden, als schwuler Mann zu leben.“

Ein Coming Out, das es in sich hat. Dass Spacey so tut, als könne man mal eben so wählen, schwul zu sein, ist dabei noch das Harmloseste - selbst wenn er damit die Rhetorik von vermeintlichen Homoheilern übernimmt, die so tun, als ob man diese Wahl mit der richtigen Therapie rückgängig machen könnte.

Nun kann natürlich jede/r selbst entscheiden, wann er oder sie über die eigene sexuelle Identität spricht und ob überhaupt. Das gilt selbstverständlich auch für Prominente. Gerade für Schauspieler bedeutet ein Outing oft ein Karrierehindernis, in Hollywood wird offene Homosexualität noch immer als Makel gesehen.

Ein Ablenken von Missbrauchsvorwürfen

Spacey aber kann man getrost unterstellen, dass er nun mit seinem Coming Out vor allem davon ablenken wollte, unter dem Verdacht zu stehen, einen 14-Jährigen sexuell belästigt zu haben. Im Tarnmantel der queeren Community hoffte er das eigene Image aufzubessern: Mit „Mut“ und „Courage“ hat das wenig zu tun, viel dagegen mit Berechnung und Zynismus.

Das Manöver Spaceys mag kalkuliert und durchsichtig sein. Es verfing aber dennoch. Tatsächlich stellten nicht wenige Medien zunächst die Geschichte „Spacey outet sich als schwul“ in den Vordergrund. So der amerikanische TV-Sender ABC, der Spacey fast bejubelte: „He comes out in an emotional Tweet“.

Die Nachrichtenagentur Reuters meldete: „Oscargewinner Kevin Spacey erklärt, er lebt jetzt als schwuler Mann.“ Das Online-Magazin queer.de, das größte Homo-Medium in Deutschland, postete seine Spacey-Geschichte sogar mit der Überschrift „Willkommen im Club!“ auf Facebook. Gemeint war damit nicht etwa der Club der Belästiger, sondern die schwule Gemeinde.

Zwar wurden die entsprechenden Artikel inzwischen verändert oder gar gelöscht. Die Perspektive des vermeintlichen Opfers rückte so dennoch zunächst aus dem Fokus, Anthony Rapp wurde quasi ein weiteres Mal unsichtbar gemacht. Spacey tat das Seinige dazu, um den Missbrauchsvorwurf zu relativieren. Zu seiner Wahl, jetzt als schwuler Mann zu leben, gehöre auch „ehrlich und offen damit umzugehen. Das fängt damit an, mein eigenes Verhalten zu analysieren“, schrieb er in seinem Tweet - ganz so, als ob Homosexualität mit sexuellen Übergriffen konstitutiv einhergeht. Homo oder hetero ist bei den Vorwürfen gegen ihn aber völlig egal: nicht-einvernehmlicher Sex oder der Versuch dazu bleibt Missbrauch, unabhängig von der sexuellen Identität.

Spacey befeuert ein schlimmes Ressentiment gegen Schwule

Besonders schmerzhaft ist der ganze Vorfall, weil Spacey mit seinem Coming Out gleichzeitig eines der schlimmsten Ressentiments gegen schwule Männer befeuerte: nämlich dass sie heimlich alle pädophil seien. Die Homosexuellen, deren Hilfe er sich offenbar erhoffte, warf er so gleichsam unter den Bus.

Normalerweise erhalten Prominente, die ihre Homosexualität öffentlich machen, von anderen queeren und auch nicht-queeren Promis Zuspruch und Solidarität. Bei Spacey war das Gegenteil der Fall. „So betrunken und ungeoutet kann man gar nicht sein, um damit einen sexuellen Übergriff auf einen 14-Jährigen zu entschuldigen“, twitterte der Autor Dan Savage.

Der Schauspieler Zachary Quinto, der mit Spacey zusammen in dem Film „Margin Call“ spielte, kritisierte ihn als „manipulativ“. Dieser hätte ein Vorbild für tausende Jugendliche sein können, die mit ihrer sexuellen Identität kämpfen. „Stattdessen hielt er die Wahrheit so lange zurück, bis er dachte, dass sie ihm nutzen könnte - genauso wie ihm sein Schweigen vorher nutzte“, sagte Quinto. „Wer hätte gedacht, dass es noch etwas Furchtbareres gibt als die ewige Klemmschwester Kevin Spacey - nämlich den geouteten Kevin Spacey“, ätzte das US-Magazin „Daily Beast“. Netflix hat jetzt angekündigt, die extrem erfolgreiche Serie „House of Cards“ einzustellen, in der Kevin Spacey die Hauptrolle spielt - angeblich sei das schon seit Monaten geplant gewesen.

Spacey will sich an die Nacht nicht mehr erinnern, ein weiteres, allerdings sehr gewöhnliches Ablenkungsmanöver. Noch ist nicht erwiesen, was damals wirklich geschah. Sollten die Vorwürfe tatsächlich stimmen, hätte Spacey sich besser als jemand geoutet, der andere sexuell belästigt hat.

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