Der französische Autor É douard Louis. Foto: Emilio Naranjo/dpap

"Im Herzen der Gewalt" von Édouard Louis Schmerz und Wahrheit

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Eine Ich-Suche, die nie aufhört: Der französische Autor Édouard Louis erzählt in seinem zweiten Roman „Im Herzen der Gewalt“ von der Vergewaltigung eines Schwulen.

Es ist eine finstere Geschichte, die Édouard Louis in seinem zweiten Roman „Im Herzen der Gewalt“ erzählt: die einer Vergewaltigung, eines mutmaßlich versuchten Mordes. Louis erzählt vor allem aber auch, wie ihm, der zum Opfer wurde, diese Geschichte im Nachhinein entgleitet. Wie ihn das Gewicht dieser Geschichte, „die ich nicht als meine Geschichte akzeptieren wollte“, erdrückt hat.

Weshalb er zeitweise eine Form der Erinnerung finden möchte, „die dafür sorgt, dass ich mich, je mehr ich mich erinnere und mich in den Bildern auflöse, die mir geblieben sind, umso weniger in ihrem Mittelpunkt befinde.“ Das Schreiben dieses Romans ist der Versuch, die Macht über die eigene Geschichte und Vergangenheit, über sein Denken, sein Selbst zurückzuerlangen.

Am Heiligabend 2013 wird Louis nach einer Feier auf dem Heimweg von einem Mann angesprochen, einem Kabylen, Reda. Ob sie nicht noch was trinken wollten? Sie gehen in Louis’ Wohnung, reden, haben mehrmals Sex. Irgendwann bemerkt Louis, dass sein Handy weg ist, da ist Reda gerade in der Dusche. Als er zurückkommt, lugt Louis’ iPad aus dessen Mantel-Tasche. Sie beginnen zu streiten, schreien sich an. Reda bedroht Louis mit einer Pistole, schlingt einen Schal um seinen Hals, zieht ansatzweise zu, vergewaltigt ihn. Louis stößt ihn weg, sagt: „Jetzt gehst du, oder ich schreie“, tatsächlich verschwindet Reda – und eine Art Auslöschung setzt ein.

Komplexes Erzählgeflecht verschiedener Perspektiven

Denn wie traumatisch das Ganze ist, wie schwer es ist, sich nicht zu verlieren, merkt man, als Louis im Krankenhaus und auf Polizeistationen wieder und wieder die Geschehnisse dieser Nacht schildern soll. Oftmals werden sie ihm selbst geschildert, so kommt es ihm vor – die Wahrheit kennt immer mehrere Seiten. Das Erzählgeflecht dieses Romans ist komplex: Louis berichtet aus der Ich-Perspektive, lässt aber mehr noch seine Schwester Clara ihrem Mann erzählen, was passiert ist. Kursiv wiederum korrigiert Édouard Louis so manches, den Erzählfaden selbst wieder übernehmend.

Zudem schildert Clara die Eindrücke von ihrem Bruder, seine Kindheit, seine Entwicklung. Clara lebt weiterhin in jenem rassistischen, homophoben, trostlosen nordfranzösischen sozialen und familiären Milieu, das Louis in seinem eindrucksvollen Debüt „Das Ende von Eddy“ porträtiert hat. Und das ihn wieder einholt, da er sich wegen Redas Herkunft eigener rassistischer Anwandlungen erwehren muss – was in Krankenhäusern und bei der Polizei selbstverständlich ist, klar, ein Migrant!, will sich Louis nicht aufoktroyieren lassen.

„Im Herzen der Gewalt“ ist eine Mischung aus Selbst- und Gesellschaftsanalyse, wie sie auch Louis’ Freund Didier Eribon in seiner „Rückkehr nach Reims“ unternommen hat, hier nur in sehr offener Romanform. Und es ist die Geschichte der Wiederaneignung eines Selbst, einer Ich-Suche, die wohl nie aufhört. Denn am Ende zitiert Édouard Louis Imre Kertész, dass er mit dem Schreiben den Schmerz suche, denn „der Schmerz ist die Wahrheit“. Und: „Wahrheit ist das, was mich verzehrt.“

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 220 Seiten, 20 €.

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