Mashrou' Laila im Bacchus-Tempel von Baalbek (Libanon). Er gehört zu den am besten erhaltenen Sakralbauten der römischen Antike. Foto: Mashrou' Leila
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Die Rockband Mashrou' Leila und ihre Probleme in Jordanien Zeichen der Zensur

Maria Caroline Wölfle
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Ein Konzert der libanesischen Band Mashrou’ Leila wurde in Jordanien verboten. Eine Rolle spielt dabei, dass Sänger Hamed Sinno offen schwul ist. Heute tritt die Band in Berlin auf.

Es wäre so schön gewesen. Das römische Amphitheater, mit den uralten Steinen und der Aussicht auf Ammans Hügel ist der perfekte Ort für ein Konzert. Als die libanesische Band Mashrou’ Leila 2015 hier auftrat, war es eine gigantische Party, und auf genau die hatten sich die Fans am vergangenen Freitag wieder gefreut. Aber dann sagten die jordanischen Behörden das Konzert kurzerhand ab.

Das ist mehr als bloß ein Ärgernis. Denn Mashrou’ Leila steht für die Werte, die auch für einen großen Teil von Jordaniens Jugend erstrebenswert sind. Die Band ist dort auch deshalb so beliebt, weil sie von religiöser und politischer Freiheit singt, von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Weil sie sich mit ihren Songs für Bürgerrechte starkmacht und gegen Homophobie. Mashrou’ Leilas Musik wird gerne als „Soundtrack des Arabischen Frühlings“ bezeichnet.

Zu diesen Themen äußern sich in Jordanien wie im gesamten Nahen Osten nur wenige Künstler. Aus gutem Grund, denn es ist nicht ungefährlich, dies zu tun.

Für Mashrou’ Leila sind die Vorwürfe „oberflächliche Kulturkritik“

In Jordanien hatten Politiker und Religionsvertreter für die Absage des Konzerts gesorgt, muslimische wie christliche, vorneweg die katholische Kirche. Sie werfen der Band unter anderem vor, zur Revolution aufzurufen und den Teufel anzubeten. „Ertränk meine Leber in Gin / im Namen des Vaters und des Sohnes“, lautet eine Zeile des Liedes „Djin“. Vor allem aber sei die Musik der Band nicht mit Jordaniens kulturellen und religiösen Traditionen vereinbar. Eine Rolle spielt dabei gewiss auch, dass der Sänger Hamed Sinno offen schwul ist. Die jordanischen Behörden gerieten unter Druck – und gaben nach.

Mashrou’ Leila bezeichnen die Vorwürfe in einem Statement nun als „oberflächliche Kulturkritik“ und „undemokratische Verleumdung der Bandmitglieder“. Gleichzeitig löste die Absage eine für jordanische Verhältnisse gigantische Protestwelle aus, besonders in den sozialen Netzwerken. Bei der Debatte geht es allerdings weniger um die Band als um die Freiheit von Kunst und Kultur in Jordanien. Und darum, wer das letzte Wort hat: die Konservativen und Religiösen oder die Liberalen.

Jordanien gilt als moderat, ist aber umgeben von Unruheherden

„Die Regierung glaubt anscheinend, dass Events, die unbequeme gesellschaftliche Fragen aufwerfen, ein Sicherheitsrisiko darstellen“, sagt Amal Hammoudeh. Sie ist Managerin der Event-Agentur Citarra, die das Konzert in Amman organisiert hatte. „Mir ist schon klar, dass die Situation in der Region momentan nicht gerade einfach ist, aber wir wollen trotzdem die Pluralität fördern.“

Im Nahen Osten gilt Jordanien als moderat. Der Arabische Frühling fiel hier weitestgehend aus, stattdessen hat König Abdullah II. selber Reformen angestoßen. Gleichzeitig ist das Land umgeben von Unruheherden, vom Konflikt im Irak, dem Krieg in Syrien, von den Terrormilizen des IS. Millionen von Flüchtlingen suchen in Jordanien Zuflucht.

„Die Regierung will niemanden provozieren“, meint auch Saddam Sayyaleh. „Schon gar nicht, wenn es um Kultur geht.“ Der jordanische Aktivist engagiert sich für eine bessere Kulturpolitik in seinem Land. Die Regierung unterstütze Kunst und Kultur eigentlich nicht, sagt er. Es gibt nur wenige Förderprogramme, wenig Galerien und Kulturveranstaltungen, vor allem außerhalb Ammans. „Dabei machen gerade Kultur und Kunst den Geist frei.“ Jordanien, so Sayyaleh, habe das dringend nötig. Die Gesellschaft ist noch immer sehr konservativ, die Religion spielt für viele eine große Rolle. Letztlich sind es in Jordanien nicht nur die Behörden oder führende Religionsvertreter, die die Kunstfreiheit einschränken. Auch Teile der Gesellschaft tun sich schwer damit, Ungewohntes und Unbequemes zu akzeptieren.

Gewonnen haben im Fall von Mashrou’ Leila die Progressiven

Die Meinungsfreiheit ist in der jordanischen Verfassung verankert. Doch die Affäre um Mashrou’ Leila zeigt, dass das nicht ausreicht. Was die Zensur betrifft, steht Jordanien auf der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ derzeit auf Platz 135 von 180. Über Politik, Religion und die Königsfamilie redet man dort lieber nicht in aller Öffentlichkeit. „Eigentlich wollte ich gerade einen neuen Song über Religion veröffentlichen“, sagt der Rapper Krist. „Aber nach dem Wirbel von letzter Woche lasse ich das lieber. Sonst lande ich noch im Gefängnis.“ Krist rappt oft über Politik, etwa über die Korruption im Land. Er traut sich, vieles auszusprechen, hat die Zensur trotzdem im Kopf. Das geht vielen Künstlern in Jordanien so. „Manchmal will ich etwas schreiben und lasse es dann doch“, sagt er.

Gewonnen haben im Fall von Mashrou’ Leila dann doch die Progressiven: Die Behörden sagten die Absage des Konzerts wieder ab. Das lag vermutlich an internem Druck und daran, dass sie der Band nicht noch mehr Popularität verschaffen wollten. Aber auch der nationale wie internationale Protest dürfte eine Rolle gespielt haben. Fans von Mashrou’ Leila hatten sich schon darauf eingestellt, auch ohne Konzert zum Amphitheater zu gehen und dort einfach die Songs der Band laut zu hören. Manchmal muss man sich die Freiheit einfach nehmen.

Aufgetreten ist Mashrou’ Leila nicht, die Zusage kam 24 Stunden vor dem Termin – viel zu kurzfristig. Die Fans blieben zu Hause, in der Hoffnung, dass das Konzert ein anderes Mal stattfindet. Das Hin und Her der Behörden ist jedenfalls bemerkenswert. Den Künstlern in Jordanien macht es ein kleines bisschen Hoffnung.

Das Konzert im Berliner Yaam am 6. Mai ist ausverkauft. Laut Facebookseite der Band ist ein zusätzliches Konzert am 5. Mai angesetzt, für das es noch Tickets gibt.

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