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Das Queer-Lexikon Was ist eine "Drag Queen"?

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Eine Drag Queen hat jede_r schon mal gesehen. Aber warum nennen sie sich so und was verkörpern sie? Eine neue Folge unseres Queer-Lexikons.

Drag Queens fallen auf. Jede_r hat wohl schon mal eine gesehen: auf dem Christopher Street Day begeistern sie als Flaggschiffe der Schwulenbewegung die Fotograf_innen mit ihren großen bunten Perücken, ihren glitzernen Kleidern und ihren hochhackigen Schuhen. Drag Queens sind aus Show und Film nicht wegzudenken, zu den berühmtesten gehören Lilo Wanders, Divine oder die Dame Edna.

Während die Mehrheitsgesellschaft das Phänomen kennt, weiß sie mit der Bezeichnung Drag Queen aber meistens nichts anzufangen. Und die vielschichtigen Aussagen, die der Auftritt einer Drag Queen transportiert, werden auch selten erfasst.

Wie der Begriff "drag" in die Homowelt kam, ist ungeklärt

Der Begriff „drag“ hat sich in der deutschen Homo-Szene vor etwa anderthalb Jahrzehnten eingebürgert und stammt aus der anglo-amerikanischen Homo-Szene. Wie der Begriff in diesen Zusammenhang kam, liegt aber im Dunkel der Geschichte. Verschiedene Hypothesen kursieren: Drag könnte die Abkürzung für „Dressed Resembling A Girl“ („angezogen nach Art eines Mädchens“) sein. Oder der Begriff könnte aus der Theaterszene des späten 19. Jahrhunderts stammen, die mit „to drag“ (deutsch: hinterherziehen) auf dem Boden schleppende Röcke bezeichnete.

Als „Drag Queens“ bezeichnen sich üblicherweise Personen mit männlicher* Identität, wenn sie in einem bestimmten Kleidung anlegen, die nach der heterosexuellen Norm für das andere Geschlecht vorgesehen ist und dabei deutlich übertreiben. Das lesbische Pendant sind Drag Kings. „Eigentlich sind Drag Queens nichts anderes als was man früher Transvestiten genannt hat“, hat Gloria Viagra, eine der berühmtesten Drag Queens Deutschlands, dem Queerspiegel gesagt: „Klassische Travestie ist Federn, Pailletten, Playback. Große Kostüme, große Gesten, alte Idole.“

Gloria Viagra trat an, um die "klassische Travestie" zu parodieren

Allerdings bezeichnen sich manche Drag Queens auch gerade deshalb nicht als Transvestiten, um sich von solchen Transvestiten abzugrenzen, die sich nur aus Fetisch-Gründen in den Drag (den Fummel) werfen. Der Begriff Drag Queen soll dann die politischen Absichten betonen. Der althergebrachte Begriff Transvestit war also breiter gefasst als er es heute ist. So kam die inzwischen 50-Jährige Gloria Viagra vor über 30 Jahren aus dem Berliner Tuntentum und trat – dem damaligen Sprachgebrauch nach als Transvestit – an, um mit anderen die  „klassische Travestie“ zu parodieren.

Drag Queens kleiden sich durchaus auch zur Unterhaltung und zur Selbstverwirklichung in Drag. Aber indem sie Geschlechternormen und –rollen drastisch überzeichnen, stellen sie sie auch spielerisch in Frage. Die berühmte US-Drag Queen Ru Paul hat einmal formuliert: „We’re born naked, and the rest is drag.“ („Wir werden nackt geboren, und der Rest ist drag.“) Damit hat Ru Paul den generell kulturellen Charakter von Gender (Geschlecht) auf eine einfache Formel gebracht.

Manche fühlen sich durch Drag Queens in ihrer "männlichen" Identität provoziert

Teile der Mehrheitsgesellschaft finden Drag Queens wunderbar – wie sonst hätte die Österreicher_in Conchita Wurst mit ihrem Lied „Rise Like A Phoenix“ im Jahr 2015 den European Song Contest gewinnen können? Andere fühlen sich von Drag Queens provoziert, weil sie an den Geschlechterrollen rütteln, besonders an der Vorstellung von Männlichkeit. Nicht nur Heteros, auch manche Schwule, betrachten „männliche“ „Femininität“ als Anschlag auf ihre Identität und verachten darum Tunten und Drag Queens. Wer so reagiert, beweist gerade, wie fragil die "männliche" Identität ist und belegt damit ungewollt den Satz von Ru Paul: Gender ist gemacht, nicht angeboren.

Das gesamte Queer-Lexikon finden Sie hier. Wir ergänzen es in lockerer Folge. Das Queer-ABC erscheint auf dem Queerspiegel, dem Blog des Tagesspiegel über LGBTI-Themen. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: queer@tagesspiegel.de.

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