Queere Demonstranten auf der Straße. Foto: David McNew/Getty Images/AFPp

Aktivismus-Debatte Queeres Scherbengericht

Jan Schnorrenberg
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Derzeit wird in Berlin über Sprechverbote im queeren Aktivismus diskutiert. Leider bleibt die Kritik oft oberflächlich, die Kombattanten wollen vor allem eins: Recht behalten. Eine Entgegnung auf Patsy l‘Amour laLove.

In der queeren Szene läuft etwas falsch: Mit diesem Befund holt derzeit die Polittunte Patsy l‘Amour laLove in zu einem Rundumschlag gegen queeren Aktivismus aus. Dieser würde Diskurse durch Sprachregulierungen verhindern und habe sich zu einer Politik der Verbote und Bußen entwickelt, lauten einige Thesen von Patsy – beschrieben in dem von ihr herausgegebenen Buch "Beißreflexe - Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten", unlängst auch nachzulesen in einem Gastbeitrag für den Queerspiegel.

Patsy hat durch "Beißreflexe" eine Diskussion im queeren Berlin und darüber hinaus angestoßen: über linken beziehungsweise queeren Aktivismus, über Identitäten und unseren Umgang miteinander. Ihre Thesen scheinen, genauso wie der Sammelband, einen Nerv zu treffen. Die erste Auflage des Bandes ist restlos verkauft, die Lesungen sind nicht weniger gut besucht.

Das muss aber nicht unbedingt etwas heißen. Die Debatte mag zwar hitzig geführt werden. Doch es ist weit weniger klar, worum es hier überhaupt geht, als es zunächst den Anschein hat.

Welche Formen von "queerem Aktivismus" sind eigentlich gemeint?

Sind einzelne Aktionsformen von "queerem Aktivismus" gemeint? Ist "der Queerfeminismus an sich" Gegenstand der Kritik, vielleicht die ominöse "Identitätspolitik" oder nur autoritäre Strömungen in der Linken? Muss die Kritik philosophisch an der "Queer Theory" ansetzen oder reicht es, über autoritäre Spielarten einzelner Aktivist_innen zu sprechen?

Weder die 27 Beiträge im Sammelband noch der Gastbeitrag der Herausgeberin beantworten diese Frage zufriedenstellend. Diese Unschärfe ist wenig hilfreich und schlägt sich am Ende auch in den Lösungsansätzen nieder, die sich zwischen kritischer Solidarität und kompletter Ablehnung bewegen. Für eine Debatte, die in der Community häufig ohne irgendwelche Grauzonen geführt wird, ist das bereits eine verpasste Chance.

Diese verpassten Chancen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Band. Oft wird sich da die Kritik an „Queer" und die Quellenarbeit zu einfach gemacht. So ist nur schwer nachvollziehbar, wieso die hochkomplexe Begriffsgeschichte von "Queer" nur über einen Band des Publizisten Tjark Kunstreich von 2015 aufgedröselt wird. Warum wird nicht auf das kontroverse Manifest der Organisation "Queer Nation" von 1990 Bezug genommen, um nur ein Beispiel zu nennen - oder auf andere Primärquellen?

Aktivismus wird als direkte Folge von Kränkung pathologisiert

Dass "Queer" heute etwa von vielen schwulen und bisexuellen Afroamerikanern als Selbstbezeichnung klar bevorzugt wird, ist eben nicht nur eine entpolitisierte Lifestyleentscheidung, sondern erfolgt in konkreter Abgrenzung zu einer Gay-Community, die sie selbst 2017 häufig nur als potente Sexobjekte sehen will. Details wie solche würden enorm dabei helfen, die schiere Komplexität des "Queeren" im Alltag zu fassen.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit "Critical Whiteness", einem Konzept, welches ursprünglich aus der US-amerikanischen Antirassismusarbeit stammt und seit einigen Jahren immer stärker in Deutschland rezipiert wird. Anstatt jedoch darzustellen, wie kontrovers und intensiv dieses Konzept in der antirassistischen Linken und der afrodeutschen Community diskutiert wird, werden seine Theorie und Praxis nahezu ausschließlich über einige Texte der Journalistin Hengameh Yaghoobifarah kritisiert.

Ebensowenig hilfreich ist, dass erstaunlich viele Beiträge "queeren Aktivismus" direkt als eine direkte Folge von "Kränkung", "Neid", "Masochismus" oder gleich "Wahnsinn" pathologisieren. Ihren Höhepunkt findet diese Argumentation bei Till Amelung, der universitäre Debatten über "Safe Spaces" als direkte Konsequenz von nicht verarbeiteten Traumata interpretiert und sich wünscht, dass Menschen, die durch Stigmatisierung und Gewalt traumatisiert wurden, sich mit politischer und akademischer Arbeit zurückhalten sollten.

Pointierte Beiträge zu "Homonationalismus" und "Pinkwashing"

Das wirkt deplatziert. Nicht nur, weil sich die ganze Debatte vor allem an LSBTIQ* richtet, also an eine Gruppe, deren Suizid- und Depressionsraten immer noch weit über dem Bundesdurchschnitt liegen. Sondern auch, weil sich Patsy l’Amour laLove selber auf Podien und Lesungen immer wieder mehr Respekt in der Debatte wünscht.

Gewonnen ist auch nicht viel mit schwer belegbaren Tatsachenbehauptungen. Dass "die queere Szene" in den USA sich dem Islam unterworfen habe und deshalb großflächig geleugnet haben soll, dass der Terroranschlag auf den Club "Pulse" in Orlando ein ebensolcher und ein Angriff auf die offene Gesellschaft war, wie Tjark Kunstreich sagt: Das ist einfach nicht nachvollziehbar. Und ja, es gibt auch wirklich "queere Aktivist_innen", mit denen man kontrovers diskutieren kann – und nicht nur solche, die auf Kritik mit Abwehr oder existenzbedrohenden Angriffen reagieren würden, wie mehrmals suggeriert wird.

Brauchbar für eine konstruktive Diskussion sind solche Standpunkte nicht. Sie gehen auch zu Lasten der guten und diskutablen Beiträge, wie etwa die pointierten und sehr gut argumentierten Kritiken der Begriffe "Homonormativität", "Homonationalismus" und "Pinkwashing" bei Nina Rabuza, Dierk Saathoff, Benedikt Wolf, Frederik Schindler und Dirk Ludigs. Sie zeigen alle auf unterschiedlichen Ebenen auf, über welche theoretischen Einfallstore Antisemitismus in queerfeministische Aktionsgruppen und Theorien gelangen konnte. Damit bilden sie jeweils eine solide Basis für einen kritischen Umgang, ohne den Hass auf Israel und den Westen als Grundkonsens eines wie auch immer gearteten Queerfeminismus darzustellen.

"Activist Burnout" ist leider keine Erfindung

Die Tragik von "Beißreflexe" (die auch eine Tragik der Community und der ganzen Debatte ist) besteht darin, dass die Stimmen, die für einen empathischeren und solidarischeren Diskurs stehen, von denen überlagert werden, die vor allem Porzellan zerschlagen. Selbstredend müssen autoritäre Strömungen innerhalb der Linken sichtbar gemacht und entschieden kritisiert werden; wie auch innerhalb der Community herausfordernde Kritik gestellt werden muss, auch und gerade in der Frage des gegenseitigen Umgangs miteinander. "Activist Burnout" ist leider keine Erfindung, sondern bittere Realität.

So aber überwiegt in der aktuellen Diskussion leider das Scherbengericht. Die Kritik verweilt zu häufig in genau der vollkommen unnötigen Oberflächlichkeit, die den ganzen - frustrierenden, weil unentwegt auf der Stelle tretenden - Diskurs seit einigen Jahren auszeichnet. Ein größerer Teil von "Beißreflexe" wird leider selbst zu einer der Echokammern, die der Band so vehement versucht zu kritisieren. Nur dass in dieser Echokammer Reizwörter wie Intersektionalität, Critical Whiteness, Definitionsmacht oder Privilegiencheck pauschal als unbrauchbarer Sondermüll ohne einen Funken emanzipatorisches Potenzial deklariert werden.

Nötig sind Debatten, die den eigenen Horizont erweitern

Die Debatte hat lange schon bestehende Gräben offen gelegt. Es macht wenig Sinn, diese Gräben jetzt groß zu beklagen – wohl aber mehr, daran zu arbeiten dass sie nicht noch größer werden. Was diese Community braucht, ist eine ernsthafte Diskussion, die erst einmal grundsätzlich anerkennt, dass der Gegenüber kluge Ideen hat – und dass man selber nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Eine Debatte, die nicht geführt wird, um am Ende Recht zu haben, sondern vor allem um den eigenen Horizont zu erweitern. Viele Gespräche, getragen von der Überzeugung, dass es besser ist miteinander zu sprechen als übereinander. Wenn wir das endlich hinbekommen, wäre das groß.

Der Autor studiert Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität und forscht für seine Masterarbeit derzeit zum Thema "Rechtspopulismus unter LSBTIQs". Seinen Blog finden Sie unter spektrallinie.de.

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