Aljoscha Rompe und Christoph Zimmermann von "Feeling B", Dunckerclub, Berlin-Prenzlauer Berg, 1986, DDR. Fotograf Harald Hauswald war dabei. Foto: Jaron Verlag / Harald Hauswald / OSTKREUZ - Agentur der Fotografe
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Ost-Berlin in Bildern Auf der anderen Seite

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Neu aufgelegt: Harald Hauswalds Ost-Berliner Fotobuch landete einst auch auf Mielkes Schreibtisch.

Der Harald Hauswald war aber auch überall mit seiner Kamera – ein fotografiersüchtiger Mensch und ein Chronist seiner Zeit: Damals war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR, heute ist die Teilhauptstadt von einst eingemeindet ins große Ganze, kaum noch zu unterscheiden vom westlichen Teil Berlins.

Und deshalb haben sie im Verlag die schöne und vielsagende Unterzeile „Die verschwundene Stadt“ gewählt: Ost-Berlin, das war einmal. Und ist lange her. Mehr als ein Vierteljahrhundert. An diesem 9. November genau 27 Jahre.

Weißt du noch...

Aber nicht lange genug, um noch immer Assoziationen und Erinnerungen wachzurufen: Weißt du noch... wie man in der Straßenbahn Zeitung las (statt in ein Handy zu glotzen); wie man im „Hackepeter“ in der Dimitroffstraße und im „Prater“ scherbelte; wie sie am 1. Mai auf dem Alex mit riesengroßen Fahnen demonstrierten und die Leute auch schon 1986 am Fernsehturm-Eingang Schlange standen.

Harald Hauswalds Kamera stand nie still. Der Fotograf, sagen Freunde, fand sich eines Tages in seinem Schatz gar nicht mehr zurecht: Tüten voller Bilder und Negative, Straßenszenen, Alltagsbeobachtungen, Porträts der sogenannten kleinen Leute mit Kindern, Hunden, Einkaufstaschen und bei Abschiedspartys vor der Ausreise ins gelobte Land.

Offene Gesichter. Junge, glatte Haut der Jugend. Grobkörnige, unverputzte Fassaden. Die alternative Szene von Prenzlauer Berg und alte Herrschaften beim Tanz auf dem Hirschhof in der Oderberger Straße. Die Schriftzüge sind längst verblasst oder verschwunden, die Trabis entschleunigt, der letzte Wachaufzug 1990 an der Neuen Wache ist ebenso Geschichte wie der stolze Blick in die Friedrichswerdersche Kirche oder auf die Gläserne Blume im „Palast“.

Die verschwundene Stadt auf 122 Fotos – und in zwei starken Texten, die die Bilder einrahmen und Hauswalds Fotos, deren Geschichte und Brisanz kommentieren. Übrigens stellt die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 200.000 Euro zur Verfügung, damit Harald Hauswalds Archiv mit 230.000 (!) Farb- und Schwarzweiß-Negativen erschlossen und digitalisiert wird.

Der heute 63-jährige, in Radebeul geborene Fotograf wurde in der Bundesrepublik erstmals 1987 durch das gemeinsam mit Lutz Rathenow veröffentlichte Buch „Berlin-Ost: Die andere Seite einer Stadt“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nun ist daraus „Die verschwundene Stadt“ geworden, einige Bilder sind dazugekommen, auch Lutz Rathenows Text im Original von 1987. Und in jenem großen Format, das dem 30. Jubiläum dieses Kultbuchs mit seinen Bände sprechenden Schwarzweiß-Fotos angemessen ist.

"Ost-Berlin bleibt interessant"

Ilko-Sascha Kowalczuk, der Historiker und Stasi-Kenner, beschreibt die Auswirkungen des Buches, das es bis auf den Schreibtisch von Erich Mielke geschafft hatte. SED, Kulturministerium und MfS versuchten, „das Machwerk“ zu verhindern: „Die SED musste etwas gegen Rathenow und Hauswald unternehmen, aber sie wusste nicht, was – was sie auch tat, alles schlug negativ auf sie zurück. Die Biermann-Lektion hatten die SED-Genossen verstanden.“

Das Bilderbuch ist also nicht nur Momentaufnahme und Zustandsbeschreibung einer (Teil-)Stadt, ihrer Bewohner und der Infrastruktur eines Gemeinwesens, das sich stolz Hauptstadt nannte – sie ist auch ein Zeitdokument mit Texten vom Damals fürs Heute. „Die Nachfrage nach dem Buch war nie größer als heute“, schreibt Kowalczuk, „Ost-Berlin bleibt interessant, auch wenn es längst aufgehört hat, zu existieren.“ In diesem Buch bleibt lebendig, was historisch längst überwunden ist.

Das gilt auch für das Essay von Lutz Rathenow. „Schienenersatzverkehr, die S-Bahn fährt wieder nicht. Den Grund kennt keiner der Leute, die sich an der Haltestelle des Ersatzbusses einfinden – Einübung in die Geduld. Der permanente Ausnahmezustand. Die Lücken im Pflaster. Das Schlagloch im Belag. Jede Straße biete eine spezifische Art zu stolpern.“

Nichts ist uns fremd.

Harald Hauswald (Fotos)/Lutz Rathenow (Text): Ost-Berlin. Die verschwundene Stadt. (Mit einem einführenden Essay von Ilko-Sascha Kowalczuk). Jaron-Verlag, Berlin. 128 Seiten,

122 Fotos, 20 Euro.

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