Im Quadrat. Square Dance in Old Texas Town. Foto: Polaris/laif
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Old Texas Town Spandau Wild West

Pepe Egger
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Sie haben in der großen Stadt ihre eigene gebaut. Mit eigenen Regeln und einer Rolle für jeden: Bardame, Sheriff, Revolverheld, Cowboy. Old Texas Town ist ein amerikanischer Traum, geträumt seit fast 70 Jahren weit im Westen Berlins. Wer einmal hergefunden hat, geht nie wieder weg.

Hinter braunen Palisaden, zwischen Mary’s Saloon, der Bank of Texas und dem Longhorn-Hotel, steht ein Mann auf der ansonsten menschenleeren Main Street. High Noon in der Western-Stadt. Ralf Keber harkt das Laub der Birken zusammen, die zwischen den Häusern stehen.

Keber trägt eine gefütterte Weste und Arbeitshosen, lange graue Haare und einen ebensolchen Bart, seinen „Gesichtspullover“, wie er ihn nennt. Die Lederstiefel sind der einzige Hinweis darauf, dass er hierhergehört, dass Ralf Keber die meiste Zeit seines Lebens Jack Hunter ist, sieben Tage die Woche zugegen, als Bürgermeister dieser Stadt, als Bürgermeister von Old Texas Town.

Da ertönt eine Fanfare, die Trompeten schmettern, als würde gleich die Kavallerie um die Ecke biegen. Keber kramt sein Handy raus, meldet sich mit: „Historische Westernstadt Old Texas Town, Jack, hallo?“ Am anderen Ende will einer zwei Karten reservieren für Samstag, wenn sich wieder einmal das Stadttor für alle öffnet, den nächsten Tag der offenen Tür. „Ist gut, zwei Plätze“, an einem Tisch in Mary’s Saloon, wo dann getanzt wird und gefeiert. Hinterher sagt Keber, „nach der Quadrille sollen wir ein bisschen länger auf der Bühne bleiben, da will er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen.“ Keber nimmt das ungerührt zur Kenntnis, wird eingebaut, „geht klar, juti, Tschü!“

Ein Traum von Bonanza, von John Wayne

Old Texas Town ist ein amerikanischer Traum, geträumt seit fast 70 Jahren weit im Westen Berlins, Postadresse Paulsternstraße 18, in Siemensstadt, Spandau. Draußen wälzt die Geschichte durch die große Stadt, baut Mauern, reißt sie wieder ein, lässt Besatzungsmächte kommen und gehen, baut vorne raus eine Burger-King-Filiale und links eine „Eventarena“, und umgeben von den Palisaden lebt die Westernstadt stoisch weiter. Überlebt Brände und Bauvorhaben, als West-Berliner Unikum zuerst, und dann, seit der Wende, mit frischem Blut aus Ost-Berlin. Wächst, zieht immer von neuem Leute an, die hier ihr Glück finden können.

Die Stadt ist ein Traum von texanischer Weite, eingepfercht auf einem Hektar Land. Ein Traum von Bonanza, von John Wayne, der hier Ehrenbürger war, von Karl May, der Shiloh Ranch und einer Handvoll Dollar. Von Alamo und Winnetou, Wyatt Earp und Buffalo Bill: Welcome to the Cowboy Club Old Texas Berlin 1950 e.V., eingetragen im Vereinsregister beim Amtsgericht Charlottenburg. Auszug aus der Stadtordnung: „Waffen dürfen nur mit Genehmigung getragen werden.“

Jack Hunter sagt: „Nicht, dass man denkt, dass wir hier wie Kinder Cowboy und Indianer spielen, mit schießen, peng-peng-peng!“ Aber, sagt er, „wenn man dann in diese Sachen schlüpft“, unter Cowboyhüte, in die Lederstiefel, „dann ist man eben in einer anderen Welt, ja, isso!“

Kulissenhaft reihen sich hier eine Holzkirche, das Printing Office und das Jail aneinander, links und rechts der Main Street stehen die Stellmacherei, die Postkutschenstation Wells Fargo Express, gegenüber der Saloon, das Courthouse, der General Store, schließlich ein Dentist mit Apothecary, ein Wigwam und ein Nachbau von Fort Alamo. Nur, dass das alles eben keine Kulissen sind, sondern echte Häuser, die Innenräume bis ins Detail ausgebaut: Im Gefängnis gibt es Zellen mit Holzstockbetten, hinter dicken Eisengitterstäben, einem Geschenk der JVA Tegel.

Ausgehfein. Auch im Wilden West legte man Wert auf Stil. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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All das haben die 41 Vereinsmitglieder selbst gebaut, Planke für Planke, Stein für Stein. „Ich sach’ ja auch immer“, sagt Jack Hunter, „wir sind hier Modellbauer, aber wir bauen im Maßstab 1:1.“ Und mit dem Spleen, „dass man das eben so nachbaut, wie es 1870 war“.

Die Stadt ist Abenteuerspielplatz für ausgewachsene Männer und Frauen, mit berlinerndem Ernst und bloßen Händen erschaffen und erhalten. Und ein grandioses kollektives Unternehmen. Vermutlich ist dies das eigentlich Andere an dieser anderen Welt.

Ein Stück Arbeiterkultur, mitten im großen Berlin, das sich oft mehr nach Wildem Westen anfühlt als Old Texas Town: gesetzlos, wo der Einzelne zuweilen wenig zählt, wo oft das Recht der Stärkeren gilt und manchmal das der Fäuste.

Und, zweites Geheimnis, das hier ganz offen zur Schau getragen wird: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, Schiller hat das schon ganz richtig gesehen.

An einem Sonntagnachmittag im November, im Saloon sitzen drei Cowboys um einen Tisch herum, sie rauchen, trinken Whiskey. Die Männer pokern, ein Falschspieler fliegt auf, wirft die gezinkten Karten hin, die Hand geht zum Holster – Blei liegt in der Luft!

Da spürt er den Revolver von Jack Hunter im Rücken: Das Spiel ist aus, die Schießerei verhindert. Der Bürgermeister könnte den Spitzbuben jetzt aburteilen lassen, im Courthouse zwei Häuser die Straße runter, oder ihn aus der Stadt treiben lassen, hinaus nach Haselhorst vielleicht. Da ruft der Regisseur „Cut!“: Ein norwegisches Perkussionistentrio dreht ein Musikvideo, und Jack Hunter spielt mit, lässt sich schminken, lässt sich filmen, wie er auf der Main Street mit der Lederpeitsche knallt. Seine Frau Karin serviert den Filmleuten selbst gebackene Himbeerroulade.

Mit Dreharbeiten wie diesen, dem einmal im Monat stattfindenden Tag der offenen Tür und Hochzeiten in der kleinen roten Holzkirche finanziert sich die Stadt, das muss sein, weil sie schon allein 6000 Euro Straßenreinigungsgebühr im Jahr erwirtschaften muss. Ausgebucht ist man eigentlich immer.

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