Spion im Kiez: Rhys Ifans in einer Szene aus "Berlin Station" Foto: Promo
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Netflix-Premiere "Berlin Station" Atemlos durch die Hauptstadt

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"Berlin Station" jagt seine Spione durch Berlin. Erzählerisch eher konservativ, macht sie die Hauptstadt zur Hauptdarstellerin.

Grauer Schneematsch, zugerümpelte Hinterhöfe, grafittibesprühte Ruinen und ein zerlöcherter Abhörturm auf dem Teufelsberg – typisch schäbig-schick präsentiert sich Berlin dem amerikanischen Serienfan bereits seit Oktober letzten Jahres. Die Stadt ist neben dem Spion Daniel Miller (gespielt von Richard Armitage) gleichberechtigte Protagonistin und Titelheldin der amerikanischen Serie „Berlin Station“, die am Dienstag auch in Deutschland über Netflix verfügbar ist.

Der Plot kommt dabei in klassischer Agenten-Manier daher: Millers Auftrag ist es, am Berliner CIA-Stützpunkt „Berlin Station“ (den es während des Kalten Krieges unter diesem Namen tatsächlich gab) einen Maulwurf aufzudecken. Die Devise: Verdächtige jeden, vertraue niemandem. Auch die Bildersprache wirkt konventionell: atemlose Verfolgungsjagden führen durch leerstehende Gebäude, während Männer in grauen Anzügen wichtige Gespräche in Cafés mit hohen Decken führen.

Neuer Blick auf Berlin

Was die neueste US-Serie, die in Berlin spielt, auszeichnet, ist vor allem ihr frischer Blick auf die Stadt. Anders als etwa die Berlin-Staffel von „Homeland“, die ihre Protagonisten vornehmlich auf den Prachtalleen der Stadt zeigte, zeigt „Berlin Station“ die deutsche Hauptstadt aus einer zwielichtigen Perspektive. Die Serie nimmt die Zuschauer auf eine Reise durch raue Hinterhöfe in Kreuzberg und dem Wedding, auf Ausflüge auf den verlotterten Flugüberwachungsturm am Teufelsberg oder auf die grauen Betonriegel im Osten der Stadt. Und das funktioniert auch: Berlin als unfertige, unübersichtliche Metropole, mit dunklen Schlupflöchern und einem Potpourri an historischen Kulissen aus verschiedensten Epochen ist einfach ein dankbarer Hindernisparcours für gestresste Agenten und ihre düsteren Ränkespiele.

Typischer "Euro flavor"

Die Serie traf in den USA dennoch nur auf mäßig begeisterte Reaktionen: Zu wenig Identifikationsfläche böten die Protagonisten, zu verworren die Erzählstruktur, kritisierte das Online-Filmmagazin „The Hollywood Reporter“. Auf der Metakritik-Plattform Rotten Tomatoes erreicht „Berlin Station“ mit 70 Prozent positiven Kritiken einen guten, wenn auch nicht überragenden Schnitt. Die „New York Times“ bemängelt die von Spionagethrillerautor Olen Steinhauer verfasste Geschichte, die wenig über die Realität von Spionage und Terrorbekämpfung auszusagen habe. Was die Serie rette, sei die Stadt: Berlins Nachtleben mit seinen Nischen für verschiedenste Gelüste und die deutschen Charaktere verliehen der Serie einen exotischen „Euro flavor“.

Berlin beliebt in Hollywood

Ob sich deutsche und vor allem Berliner Zuschauer in diesen Charakteren und den Bildern ihrer Stadt wiederfinden, diese Frage können deutsche Netflix-Nutzer ab Dienstag für sich beantworten. Mittlerweile dürfte es für die Berliner allerdings nichts besonderes mehr sein, ihre Stadt in amerikanischen Hochglanzproduktionen zu sehen: Neben „Homeland“ sorgte auch „Monuments Men“ 2013 mit Castings für lokale Komparsen und spektakulären Dreharbeiten unter anderem an der Neuen Wache für Aufsehen. George Clooney machte damals als Regisseur und Hauptdarsteller hinter grünen Plastikplanen vor, wie man Nazi-Raubkunst rettet und Matt Damon trat uniformiert zur Schatzjagd an.

Drehtrubel ist zum Alltag geworden

Seitdem hat man sich in Berlin an das Filmvolk gewöhnt: Trailer für Filmcrews gehören mittlerweile zum Stadtbild. Die Innen- und teilweise auch die Außenaufnahmen finden jedoch häufig – so auch bei den in Berlin angesiedelten Spionageserien – in den Studios in Babelsberg statt. „Berlin Station“ setzte bei der Auswahl der Drehorte auf weniger Heimlichtuerei und wesentlich mehr Zeit in der Stadt, anstatt Außensets im Studio nachzubauen: Drei Viertel des Materials wurden in Berlin gedreht.

Viel Beachtung weckten die Dreharbeiten indes nicht – mit Richard Armitage, bekannt als Zwerg Thorin aus „Der Hobbit“, Richard Jenkins („Eat Pray Love“) und Rhys Ifans („Notting Hill“) waren allerdings auch nur Schauspieler mit mittelmäßigem Bekanntheitsgrad am Set. Dieser Umstand stellt vor allem für den Berliner Zuschauer wieder die Stadt als heimliche Hauptdarstellerin in den Vordergrund – auch wenn der für diesen Anblick eigentlich nur aus dem Fenster schauen müsste.

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