Susanne Richter (1928-2017) Foto: privatp

Nachruf auf Susanne Richter (Geb. 1928) "Ich mach' jetzt Mozart, isses recht?"

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Sie war Kindermädchen, Mutterersatz und Haushaltshilfe in einem sozialistischen Adelshaus. Die Chefin: Schauspielstar, der Chef: Großagitator. Die Trauerrede auf eine Frau fürs Leben

Barbara Schnitzler wuchs in einem für sozialistische Verhältnisse erstaunlich großbürgerlichen Haushalt auf. Die Mutter, Inge Keller, war ein Schauspielstar, der Vater, Karl Eduard von Schnitzler, ein agitierender Großjournalist. Entscheidend für Barbara war Susi, Kindermädchen, Haushaltshilfe, Frau fürs Leben. Zu ihrer Beerdigung hat Barbara Schnitzler diese Rede gehalten.

Eines Sonntags stand Susi in der Küche, um eine Nachspeise für angekündigte Tischgäste zu bereiten. Sie schlug mit den Quirlen der Küchenmaschine die Sahne. Ihre Chefin, meine Mutter, kam zornig herein: „Suse, was machen Sie hier für einen Lärm. Ich höre gerade Mozart!“ Susi reagierte prompt: „Und ich mache hier auch Mozart!“ Fortan kam sie vor dem Sahneschlagen immer mit der Frage: „Chefin, ich mach jetzt mal Mozart, isses recht?“

Susanne, Mücke, Mückemaus, die Richtern, Suselchen, Susi, Suse – für mich war sie von Kind auf und bis zum Schluss: Tschu-Tschu. Als ich geboren wurde, war sie seit drei Jahren bei meinen Eltern „im Dienst“.

So ist sie dorthin geraten: Meine Großeltern hatten in Niedercunnersdorf in der Oberlausitz einen Steinbruch und eine Textilfabrik besessen. Meine Mutter fragte später dort nach einem Mädel, das Lust hätte, nach Berlin zu kommen, um ihren Haushalt zu führen. Es war das Jahr 1950, sie war schon mit meinem Vater zusammen, lebte aber noch allein in West-Berlin. Dass sie, gerade 26 Jahre alt und ohne Kinder, eine Haushälterin brauchte, verstand sich von allein, sie kam aus besseren Verhältnissen.

Susi hatte nach der Schule eine Hauswirtschaftslehre in Löbau absolviert. Im sogenannten Pflichtjahr, kurz vor Kriegsende, war sie beim Schulze, Gottfried in der Mosterei, war dort Kindermädchen und stampfte das Sauerkraut. Eine Vorstellung, die mir als Kind großen Eindruck machte: Susi mit hochgerafften Röcken, barfuß das Sauerkraut stampfend. Susi wollte nach Berlin, weg aus ihrer Heimat. Ihr Vater Walther, der sie abgöttisch liebte, litt, als seine Mückemaus das Dorf verließ.

Es gibt einen Brief meiner Mutter an sie vom Oktober 1950 mit der dringenden Bitte, den Dienst früher anzutreten, ihre damalige Wirtschafterin habe sich krankgemeldet, eine Premiere stand an, und tags darauf der Umzug nach Karlshorst, wo sie mit meinem Vater zusammenzog. In dem Brief bittet sie Susi, auf keinen Fall ihr Bettzeug zu vergessen und beschreibt für den Fall, dass es ihr nicht möglich sei, sie vom Anhalter Bahnhof abzuholen, den Weg bis zur Bayernallee entweder per S- oder U-Bahn, ganz leicht zu finden. Ich stelle mir vor, wie Susi aus dem Dorf, noch keine 22 Jahre alt, zumute war. Inge konnte sie abholen, gottlob.

Und jetzt: Susi in der Großstadt. Sie traf auf meine Eltern, die zwar noch jung waren, meine Mutter nur vier, mein Vater sechs Jahre älter als sie, die sich aber schon zu recht anspruchsvollen Persönlichkeiten entwickelt hatten mit einem Umfeld, das für Susi völlig neu war. Wie bewegte sie sich auf den Straßen, wie telefonierte sie (in Niedercunnersdorf gab es erst Jahre später ein Telefon), wie war ihr zumute, wenn sie meine Eltern in der Öffentlichkeit erlebte, Inge auf dem Theater, den Chef (nie nannte Susi ihn anders, auch als er längst nicht mehr bei uns lebte) im Rundfunk, später im Fernsehen. Es gibt einen kurzen Brief von ihm zum 20-jährigen „Dienstjubiläum“ 1970 – längst lebten meine Mutter, Susi und ich ohne ihn –, in dem er ihr für ihre Treue dankt, ihre Liebe und Verantwortung zu mir. Sie muss unter seinem Weggang 1959 gelitten haben, denn die Chefin wurde nun schwieriger. Sie brauchte Susi nicht nur als Kindermädchen und Wirtschafterin, sondern auch als Frau, die ihr zuhören und sie trösten würde. Tags darauf betonte meine Mutter das Angestelltenverhältnis umso mehr.

Oft fand ich Susi verzweifelt, aber immer hielt sie mit großer Loyalität zu ihrer Chefin. Es muss schwer für sie gewesen sein, keinen Rückzugsort für sich zu haben. Erst 1969, mit 41 Jahren, bekam sie eine eigene Wohnung.

Ich weiß nur von einem einzigen Mann, mit dem Susi eine Affäre hatte. Das war der Chauffeur meines Vaters, der selbst Frau und Kinder hatte. Susi wurde schwanger, der Chauffeur haute in den Westen ab. Mein Vater meinte, sie solle das Baby bekommen, ich würde mich über ein Geschwisterkind freuen. Meine Mutter war anderer Meinung – und Susi fügte sich. Es waren die 50er Jahre.

Zum Frauentag 1954 schrieb meine Mutter an sie: „Suse, der Hilfreichen und Mütterlichen von Herzen Dank zum heutigen Tag! Als Zeichen der Wertschätzung, liebe Suse, ab 1. September 200,00 DM! Ihre Inge Keller.“

Die Mütterliche, ja, das war sie. Zu Hause hatte sie wenig Zärtlichkeit erfahren und konnte ihre Zuneigung auch nur zaghaft ausdrücken, oft eher ruppig als sanft. Aber ihr entging nichts. Und ich, als Heranwachsende, konnte nichts verbergen. Schwindeln unmöglich. Sie war es, die mich früh und eher unsanft aus dem Bett trieb, die mir die Schulbrote machte, die jede Elternversammlung besuchte, die sich mit der Lehrerin der ersten Klasse anlegte, weil die tatenlos vom Fenster zusah, wie ich von meinen Klassenkameraden wochenlang am Schultor verprügelt wurde, weil ich die Tochter meines Vaters war. Die als Einzige von meinen Liebschaften erfuhr, mich damit aufzog oder tröstete – und die eines nachts ins Badezimmer gestürzt kam, mich ohrfeigte und mir den Finger in den Hals steckte, damit ich die Schlaftabletten meiner Mutter wieder herauskotzte, die meinen Liebeskummer beenden sollten.

Und sie kochte wunderbar! Es gab viele Einladungen und Feste in diesem Haus, sehr schnell war die kleine Küche voller Gäste, die begeistert Susi im Wege standen. Eine von Susi auf Pappe geschriebene Speisekarte, datiert vom März 1970: „Echte Pariser Zwiebelsuppe, deutschen Bohnen-Eintopf, echte Ukrainische Soljanka, Cunnersdorfer Plinsen mit Obstsalat. Getränke: Weißwein, Kirschsaft. Preisstufe 1.“ Das war in der DDR die höchste.

Unsere Radtouren ins Freibad Grünau, wo ich gefühlte fünf Sommer brauchte, um Schwimmen zu lernen. Susis Kommentar: „Bleierne Ente!“ Aber meine Bockwurst mit viel Senf bekam ich trotzdem. Dann fuhren wir durch den Wald zurück, „Hoch auf dem gelben Wagen“ singend, und trainierten den neuen Namen dieser Straße in Grünau, die wir überqueren mussten: Rabindranath Tagore. Susi: „Keen Schween wees, wer das nu woar!“

Als wir einen Plattenspieler bekamen, übten wir – natürlich nur, wenn „die Katze aus dem Haus“ war – Rock ’n’ Roll und Twist. Am liebsten hörten wir den „Babysitter-Boogie“, und da ich Susi versprochen habe, ihn bei ihrer Trauerfeier zu spielen, hören wir ihn jetzt.

Babysitter-Boogie von Ralf Bendix

Und unsere langen Sommer in Cunnersdorf! Wie ich, drei Jahre alt, im weißen Lieblingskleid hinter den Kühen ging und eine Kuh mich von oben bis unten vollschiss. Wie ich mit meinen Dorffreunden beim Rummel im August alle halbe Stunde zu Susis Vater, meinem Nenn- Opa, gerannt kam, der die Fahrwerke aufbaute und immer Dutzende Freikarten fürs Karussell in der Tasche seiner Cordhose hatte. Auch Geld steckte er mir zu, „Aber nix der Oma verroaten!“

Auch Susi war ein großzügiger Mensch. In Herzens- wie in Gelddingen. Sie war sparsam, aber knauserte nie. Und sie war immer zur Stelle, auf Susi war Verlass. Auch in der Begleitung meiner Töchter Pauline und Louise war sie uns eine große Hilfe. Nur Oma durften sie nicht sagen.

Susi hat nie mit ihrem Leben gehadert. Nach ihren Schlaganfällen lernte sie wieder laufen, sprechen, schreiben, alles reduziert, aber ohne ein Wort der Klage. In den letzten Monaten hat sie plötzlich wieder gesungen. Da fiel mir ein Lied aus Cunnersdorf ein, das sie mir beigebracht hatte, und sie erinnerte sich sofort:

Hoansel soaß an Schweinestoall,
flickte seine Schuh’,
Do koam Nubbersch Gretel rim
und guckt ’n Hoansel zu.

Hoansel, wenn de heiroatst,
heiroat oack miech!
’ch hoa ju noa drei Pfennge,
die lang’ fer miech und diech.

Dann war Schluss, die letzte Strophe wollte uns beiden nicht einfallen. Tschu-Tschu, jetzt, bei der Auflösung deines Zimmers, fand ich ein vergilbtes Heftchen mit Liedern in Oberlausitzer Mundart. Und die dritte Strophe:

Wenn mer warn verheiroat senn,
hoammer noa kee Haus.
Do keef mer uns an Henkeltoob
und gucken beede raus.

Tschu-Tschu! Jetzt machen wir wieder Mozart.

Rubinstein spielt Mozart.

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