1931 in der Waisenstraße: Der Knabe im gelben Pullover ist Jonny. Der Herr mit Gehstock und Hut in der Hand Charlie Chaplin. Foto: Archiv Markschiess van Trixp

Nachruf auf Jonny Markschiess van Trix (Geb. 1920) Applaus für Jonny!

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Er stand mal neben Chaplin: Der Knabe in Gelb. Und wollte mindestens so berühmt werden. Ganz hat er das nicht geschafft, aber fast. Der Nachruf auf einen Botschafter des Tingeltangel.

Das Wichtigste vorneweg: Am 17. Oktober, das ist der übernächste Dienstag, ist Beerdigung. Um eins auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. In Ost-Berlin ist das der Wichtige-Leute-Friedhof. Und dass Jonny wichtig war, ist ja wohl unbestritten. Das hatte viel mit dem Osten zu tun, einerseits. Andererseits lag es daran, dass er wichtig sein wollte, von Kindesbeinen an.

Womöglich war er es zu Hause nicht. Der Vater war verschwunden, die Mutter eine Putzfrau, also suchte der Knabe anderswo nach Anerkennung. Es waren die 20er und 30er Jahre, da erlebten die Kinder aus den einfachen Familien ihre großartigsten Momente, wenn Gaukler und Artisten mal vorbeikamen und für ein paar Pfennige und viel Applaus ihre Kunststücke vorführten. Da war die Mutter froh, als der Sohn Gaukler oder Artist werden wollte und sich dem Neuköllner Artistenverein „Union Victoria“ anschloss: Hauptsache, der Junge ist von der Straße. Allein in Neukölln gab es zu der Zeit vier solcher Vereine – wer heute Fußballer werden will, wollte damals ans Trapez. Julius hieß der Junge, ließ sich aber lieber Jonny nennen, denn was einen Julius umhaut, lässt einen Jonny doch nur müde lächeln.

Und das ist nun die Stelle, an der die Geschichte erzählt werden muss, die schon so oft erzählt wurde, die mit Charlie Chaplin. Später trug Jonny immer Karten bei sich mit dem Foto, auf dem er, blond und elfjährig, neben Charlie Chaplin steht. Vielleicht hatte der Pullover damals eine andere Farbe, auf dem nachträglich kolorierten Foto ist er gelb und leuchtet mehr als alles andere auf diesem Bild. Ein Fingerzeig, um wen’s hier geht. Jonny also gab das Bild heraus wie eine Visitenkarte: Das da, das bin ich! Chaplin habe damals Berlin besucht anlässlich der Premiere seines Films „Lichter der Großstadt“. Er habe sich in Berlins alte Mitte chauffieren lassen, um zu sehen, wie die Berliner Großstadtjugend lebt, Jonny habe gerade mit einem Freund dort Fußball gespielt, den Schauspieler erkannt, um sodann mit ihm via Dolmetscher in ein angeregtes Gespräch zu geraten, aus dem, so Jonny, später ein angeregter Briefwechsel geworden sei. Ob Letzteres so stimmt, sei dahingestellt, ebenso die Deutung, dass dieses Zusammentreffen ausschlaggebend für Jonnys Karriere war. Der Knabe auf dem Foto aber scheint tatsächlich er zu sein.

Wichtiger als Chaplin waren „Die fliegenden Codonas“, eine amerikanische Artistentruppe, die den dreifachen Salto vom Trapez vorführte und die Jonny mit 15 im „Wintergarten“ sah. Durch die Lüfte fliegen und sich auf der ganzen Welt bejubeln lassen – das wollte er auch!

Er trainierte in Neukölln, vollzog Kunststücke am „Hängeperch“, einer Stange, die an der Decke hängt, an welcher wiederum Artisten hängen und mit unglaublicher Kraft und Körperspannung die Gliedmaßen in alle Richtungen strecken. Vom Können allein wird aber keiner berühmt; um sich als Artist einen Namen zu machen, muss der Name irgendwie artistisch klingen. Darum hängte Jonny das van Trix ans Markschiess ran. Aber selbst das half wenig. Am Hängeperch ließ sich kaum Geld verdienen. Hinzu kam, dass er den Nazi-Kulturkontrolleuren keinen ordentlichen „Ariernachweis“ vorlegen konnte. Die Herkunft seines Vaters war ungeklärt. So reparierte er Fahrräder und Schreibmaschinen, war Portier, verteilte Programmhefte und klebte Plakate für Varietés. Die begann er auch zu sammeln, was viel später wichtig werden sollte. Vorerst fingen die Deutschen einen Krieg an, und Jonny, im allerbesten Kanonenfutteralter, zog hinein und gelangte irgendwie auch wieder raus. Über die näheren Umstände hat er nicht viel erzählt.

Entscheidend war: Nach dem Krieg, zwischen allen Trümmern wollten die Leute wieder unterhalten werden. Jonny stieg in die Manege, schaukelte am Trapez – und stürzte ab. 1946 war das, sechs Meter tief ist er gefallen. Sein rechtes Bein war hinüber und damit auch der Traum vom fliegenden Berühmtwerden. Nie würde er den Applaus bekommen, den er verdiente. Oder doch?

Zunächst verdingte er sich bei der Polizei. Er kannte sich ja in den zweifelhaften Gegenden um den Alexanderplatz aus und schob Dienst in einer Sonderkommission gegen Schieberei und Prostitution, kurz und jonnyhaft: „Ick war bei der Sitte. Könn’ Se sich dit vorstell’n?“

Auch was er des Weiteren alles war, kann sich natürlich überhaupt niemand mehr vorstellen. Eine Zeitlang managte Jonny eine Artistengruppe in Braunschweig, um dann, zurück in Berlin, beim Friedrichstadtpalast anzuheuern. Da war er für die Werbung zuständig und machte seine ersten Ausstellungen, wovon noch viele Dutzend folgen sollten.

Denn sein zweiter Drang neben dem des Wichtigwerdens war der des Sammelns. Was immer er zu seinem Thema, Zirkus, Varieté und Tingeltangel, in seinen Besitz bringen konnte, hortete er. Wenn er schon nicht in der Manege stehen konnte, so wollte er alles Großartige, das in Manegen geschehen war, bezeugen. Und wenn jemand das Wort Tingeltangel abschätzig benutzte, wenn jemand Zweifel daran hegte, dass Jonny dem Schönsten und Größten auf der Spur war, dann holte er die Kopie einer chinesischen Plastik raus, ein Balljongleur, sagte, dass das Original 3000 Jahre alt sei und dass etwas, das so alt sei, also der „Tingeltangel“, nichts Banales sein könne, „versteh’n Se dit?“

Bescheidenheit und Zurückhaltung gehörten nicht zu seinen Stärken. So erklärt es sich, dass dieser bunte Hund ohne Parteiabzeichen im Arbeiter- und Bauernstaat seinen bemerkenswerten Zickzackweg zurücklegen konnte und – zumindest hinterher – einer der besonders Großen war. Er kannte Hinz und Kunz, war mit jedem sofort per Du und hatte irgendwie bei allem Zirkushaften seine Finger im Spiel. Dass er, wie er berichtete, die Ost-Berliner Artistenschule gegründet hat, kann an der Artistenschule niemand bestätigen. Vielleicht war er irgendwie daran beteiligt, gut möglich, dass er Trainingsräume am Friedrichstadtpalast organisierte. Dass der „Kulturpark“ im Plänterwald auf seine Initiative hin gebaut wurde, stimmt jedenfalls nicht. Er war Assistent des Chefs, verantwortlich fürs Varieté in Zeiten, als die Pläne noch ein sozialistisches Las Vegas verhießen. Wegen Geldmangels wurde nichts aus dem Varieté, und der „Kulturpark“ blieb ein Rummel mit Riesenrad und Geisterbahn. Jonny schrieb Bücher über die Artistik, gründete eine Gewerkschaftsabteilung für Artisten, arbeitete für die Berliner Festtage und für die Konzert- und Gastspieldirektion.

Jonny Markschiess van Trix (1920-2017) Foto: privatp

Und über all die Jahre sammelte er Plakate, Programmhefte, Kostüme aus der ganzen Welt und setzte alles dran, seine Schätze der Öffentlichkeit zu präsentieren, auf dass die Öffentlichkeit Notiz von der reichen Geschichte des Zirkus nehme sowie von Jonnys Verdiensten um dieselbe. 1979 kaufte ihm das Märkische Museum für hunderttausend Mark die Sammlung ab, machte ihn zum Abteilungsleiter, und er, wissend um die Kraft der Namen, nannte sie: „Documenta artistica“.

Die folgenden Jahre verbrachte Jonny damit, seinem Lebenswerk einen würdigen Rahmen zu verschaffen, paktierte mit der Abteilung Kommerzielle Koordinierung des Herrn Schalck-Golodkowski und brachte es tatsächlich zustande, dass ihm in einem Neubau auf der Fischerinsel 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche hergerichtet wurden. Das war 1989/90, er war 70 Jahre alt und befand sich, auch wenn er da ganz anderer Meinung war, im besten Rentenalter. Das Märkische Museum, Eigentümer der Sammlung, war froh, den Sammler noch vor der Eröffnung der neuen Räume loszuwerden. Sie warfen ihm vor, allzu selbstherrlich und eher unwissenschaftlich mit den Dingen zu verfahren. Er warf ihnen Undank und Ahnungslosigkeit vor.

Die Ausstellung gab es ein Jahr lang, im neuen, großen Deutschland werden 500 Quadratmeter in bester Lage anders genutzt. Jonnys Sammlung landete im Speicher. In einem anderen Speicher befinden sich nun die unüberschaubaren Mengen Materials, die er in den restlichen Jahren noch zusammengetragen hat. Ein Testament gibt es nicht, Erben sind bislang nicht aufgetaucht.

Kaum einer wusste mehr über die Artistenwelt als der verhinderte Artist Jonny. Ob jemand fragte oder nicht, er teilte sein Wissen, erzählte von „Wasserminna“, die vom Pferd ins Wasserbecken sprang, und vom Elefanten Toto, der gern Bier soff und drum still genug stand, dass sein Magierherrchen ihn verschwinden lassen konnte. Gern erzählte Jonny auch von sich selbst, und wenn sie ihn zu Grabe tragen, wie gesagt, am 17. Oktober, 13 Uhr, dann werden mit Sicherheit einige seiner Geschichten weitererzählt. Es wäre gut, wenn das Publikum zahlreich erschiene. Schade nur, dass es auf Beerdigungen unüblich ist zu klatschen. Jonny hätte Applaus zugelassen.

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