Horst Hussel (1937-2017) Foto: David Heerde
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Nachruf auf Horst Hussel (Geb. 1934) Wirklichkeiten verschieben: großartig!

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Drei abgebrochene Kunststudien! Trotzdem oder auch deshalb war Horst Hussel einer der poetischsten Zeichner und Buchgrafiker überhaupt. Der Nachruf auf einen Nichtvereinnahmbaren.

Wie begrüßt man ein neues Jahrtausend und sich selbst darin? Am besten mit einer wahrhaften Sensation. Horst Hussel war sich der historischen Stunde sowie seiner Verantwortung vollauf bewusst, als er 2003 die von ihm wiederentdeckten „Tagebücher und Notenhefte des Komponisten Albrecht Kasimir Bölckow“ herausgab, des Schöpfers der legendären Sopranspindel sowie des Bassschracks.

Die erstaunte, begeisterte Musikwelt erfuhr, dass Albrecht Kasimir Bölckow aus Gägelow bei Wismar der wahre Erfinder der musikalischen Moderne war, zudem Urheber des später Furore machenden Dengeltons, Entdecker der nicht temperierten Harmonik auf Grundlage des lebenslangen Studiums ostasiatischer Tonsysteme, Verfechter des dissonanten Kontrapunkts, sowie der Erste, der das Geräusch auf souveräne Weise in seine Musik integrierte. Kritiker gaben zwar zu bedenken, dass Albrecht Kasimir Bölckow aus Gägelow nur ungenügend zwischen Ton und Geräusch habe unterscheiden können, aber das ließ sein Wiederentdecker nicht gelten. Schließlich war es Richard Wagner selbst – im selben Jahr, sogar im selben Monat wie Bölckow geboren –, der diesem bescheinigte: „Genie hat er, leider!“ Auch Hussel selbst traf dieser Satz verschiedentlich, meistens mit dem gleichen bedauernden Unterton.

Man könnte nun einwenden, dies sei ein Nachruf auf Horst Hussel, und daher müsse es schwer verstimmen, unter der Hand einen auf Albrecht Kasimir Bölckow aus Gägelow bei Wismar vorzufinden. Aber nichts könnte falscher sein, denn: Horst Hussel und Albrecht Kasimir Bölckow gehören zusammen, ungefähr so, oder ganz bestimmt so wie der Künstler und sein Werk.

Zwar war Hussel kein Musiker wie Bölckow, sondern einer der großartigsten, poetischsten Zeichner und Buchgrafiker des letzten Jahrhunderts und des von ihm so furios begonnenen neuen dazu, aber auch er war ein Meister der nicht temperierten Harmonik und des dissonanten Kontrapunkts. Wer eine Hussel-Zeichnung betrachtet, hörsieht irgendwann unweigerlich den Dengelton, und fast immer findet er auch die Sopranspindel. Hussels Zeichnungen machen, was allen zu wünschen wäre: Sie klingen!

Horst Hussel kam leider nicht wie Bölckow und Wagner im Mai zur Welt, sondern schon zwei Tage davor. Das nahm ihm die Möglichkeit, seine Anwesenheit auf Erden wie Letzterer zu kommentieren: „Im wunderschönen Monat Mai kroch Richard Wagner aus dem Ei; ihm wünschen, die zumeist ihn lieben, er wäre besser drin geblieben.“ Husseliger kann man das gar nicht sagen. Ein tiefer Weltvorbehalt spricht sich so aus, eine Reserve gegen jedes Realitätsprinzip. Es gibt gar keinen Grund, der Wirklichkeit mit Vertrauen, gar Naivität zu begegnen, schon gar nicht, wenn man wie er 1934 geboren wurde.

Als Horst Hussels Vater starb, war er sieben Monate alt und befand sich im Bauch seiner Mutter. Als er zehn wurde, erschossen Wehrmachtssoldaten seinen Stiefvater, den Textilkaufmann Friedrich Grünwald, wegen Befehlsverweigerung. Hussel selbst flog aus dem Wismarer Jungvolk. Er versagte bereits bei der Weihe einer Hitlerjugendfahne. Lodernde Flammen in Bronzeschalen, Trommelwirbel, Fanfaren – und Hussel stand, wenn auch nur seiner Größe halber, in der ersten Reihe. Der SS-Obersturmbannführer schritt die Reihe ab, Hussel salutierte mit stahlhartem Blick und machte dazu: einen Mädchenknicks. Der ganze spätere Hussel war schon da mitsamt seiner habituellen Unfähigkeit, Befehle überhaupt entgegenzunehmen. Die Jugendfreizeitangebote des Dritten Reichs kommentierte er später so: „Das Marschieren und Singen auf der Straße hatten nicht mein Interesse.“

Er lief stattdessen mit seiner Botanisiertrommel über die Wiesen und Felder um Wismar und streifte wohl auch Gägelow. Wer so unterwegs ist, der marschiert nicht. Zu äußerster Präzision neigte er jedoch schon damals. Kein Halm entging seiner Bestimmung. Seine 30-bändige „Flora Deutschlands“ würde er bei keinem Umzug stehen lassen, im Gegensatz zu Bildern, die ihm nicht mehr gefielen. Menschen, die das Ackergauchheil oder die Gewöhnliche Hundszunge nicht erkennen, sind ihm immer unheimlich geblieben.

Es gibt viele Maler ohne Ohren, die hören grundsätzlich mit den Augen. Anders Hussel. Vielleicht hätte er selbst nicht gewusst, was in seinem Fall zuerst da war, das Auge oder das Ohr. Nie vergaß er seinen ersten Puccini an der Wismarer Oper. Und wusste bald, was er werden wollte: Kulissenmaler am Theater.

Kulisse, das kommt von couler, das heißt Rinne. Eine Rinne also, auf der die Wirklichkeiten verschoben werden. Wirklichkeiten verschieben: großartig! Die Rinne war demnach ein weltverändernder Strich und zugleich Sicherheitsabstand zu allen Vereinnahmungsansinnen aus der Welt jenseits des Strichs. Auf den Strich kommt es an, begriff Horst Hussel.

Zuerst ging er nach Dresden, denn er hatte gehört, die dortige Kunsthochschule sei die letzte Zitadelle des Formalismus. Der Student langweilte sich ein ganzes Jahr an der Elbe, wahrscheinlich machte er schon damals den Eindruck eines etwas frivolen Leuchtturmwärters, fortwährend erstaunt über die Fülle des Nichts, das ihn umgab.

Irgendwann legte man ihm nahe, die Hochschule freiwillig zu verlassen, und zwar wegen „formalistischer Tendenzen“. Freiwillig, wegen formalistischer Tendenzen? Eins ist ganz sicher: Nicht die Dadaisten haben den Dadaismus erfunden, das war die Wirklichkeit selbst.

Doch es gab noch mehr Schulen, die nicht auf ihn gewartet haben. Berlin-Weißensee! 1954 war der spätere Gewohnheitsberliner da, verbrachte vier Jahre begrenzt amüsiert und hatte sein Diplom schon fast in der Tasche, als er auf einer öffentlichen Parteiversammlung in der Aula vom Podium herab vernahm, dass er exmatrikuliert sei, und zwar „vorsorglich“ wegen „westlich dekadenter Auffassungen“.

Westlich dekadente Auffassungen? Er hatte noch nie die Auffassungen anderer Leute. Aber vielleicht sollte er sie einmal kennenlernen. So kam er an die Hochschule für Bildende Kunst in Charlottenburg. Bald darauf lud ihn ein bekannter Kunsthändler und -sammler ein, er stand in diesem fremden Wohnzimmer und erkannte sofort, dass Auswahl und Hängung der Bilder keinesfalls von seinem Inhaber sein konnten. Er verlangte den Urheber zu sehen: Es war der sieben Jahre ältere Gerhard Ströch alias Altenbourg. Eine lebenslange Brieffreundschaft begann, im Zeichen des intimen Heimatrechts im Entlegenen: in entlegenen Jahrhunderten, entlegenen Büchern, bei entlegenen Künstlern, bei sich selber, zwei Entlegenen. In diesem Jahr erst hat der Quartus Verlag beider Briefwechsel veröffentlicht, der nun in gewisser Weise zu Hussels Vermächtnis wurde. Ebenso wie seine soeben in Frankreich erschienenen Bild-Interpretationen zu Alfred Jarrys Pataphysik.

Die Pataphysik ist eine durch und durch husselitische Wissenschaft. Sie untersucht die Gesetze, die die Ausnahmen verursachen. Ein typischer Anwendungsfall der Pataphysik ist die Berechnung der Oberfläche Gottes. Vielleicht hat Hussel nie etwas anderes getan. 1961 wurde er durch den Mauerbau auch von der Kunsthochschule Charlottenburg zwangsexmatrikuliert, aber ein Pataphysiker mit Abschluss wäre ohnehin lächerlich.

Nun hat Hussel die Oberfläche Gottes nicht berechnet. Er hat sie vermessen, mittels des Strichs. Hussels Striche sind tendenziell unendlich, bilden Labyrinthe, werden zu Figuren, zu Gespinsten voll zartester Anmut. Es liegt in ihnen eine gewisse Art von Notwehr und Zuversicht zugleich: Solange der Strich weitergeht, sind wir nicht verloren. Ein Hussel-Strich verneint dabei die meisten anderen Strichweisen. Etwa das Einen-Strich-drunter-Machen. Oder gar das Etwas-Durchstreichen. Der alles durchkreuzende Strich dagegen ist originär husselitisch. Als Buchillustrator war er einzigartig.

Wahrscheinlich hat Hussel es Gägelow immer übel genommen, dass die Gemeinde ihrem berühmtesten Sohn kein Museum eingerichtet hat, so wie sich löblicherweise eine Bölckow-Gesellschaft gründete und der Deutschlandfunk ein Feature mit Expertenstimmen produzierte. Andererseits verstand Hussel auch die Enttäuschung der Fremden, die auf dem Friedhof von Gägelow Bölckows Grab suchten und es nicht fanden.

Ja, wäre Albrecht Kasimir Bölckow denn wirklicher gewesen, hätte es ihn wirklich gegeben?

Für den Tod, diesen Hauptfeind der unendlichen Linie, hatte Hussel nur Verachtung. Noch so eine falsche Eindeutigkeit. Seinen physischen Körper hat er ihr und dem Krebs am Ende doch überlassen müssen, seinen pataphysischen Leib aber bekommt sie nie.

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