Daniela Kühn (1970-2015) Foto:
p

Nachruf auf Daniela Kühn (Geb. 1970) Furchtlos vor Jehovas Zorn

10 Kommentare

Sie wandte sich ab von der Christensekte, entkam dem System aus Macht und Angst. Und bekam kaum genug von der Liebe, und die Männer kaum genug von ihr. Der Nachruf auf eine Lebenshungrige.

Mama, am Herd. Mama, ins Bibelstudium versunken. Mama, Zeugin Jehovas, angstvoll das Jüngste Gericht erwartend. Und vorfreudig auch. Denn dann wird sie zu den Geretteten gehören.

So blickt sie aufs Jenseits und blendet aus, dass Armageddon längst da ist: Im Wohnzimmer wütet der eigene Mann, ein Trinker, der die drei Töchter verprügelt. Auch Daniela, die Jüngste.

Wo bleibt Jehova?

Jehova ist nicht in Retterlaune, denn Jehova ärgert sich über blaue Schlümpfe. Blaue Schlümpfe haben seine nimmermüden Zeugen bei einem ihrer Schützlinge gefunden. Blaue Schlümpfe, welch eine Verhöhnung der göttlichen Schöpfung. Die Schlümpfe werden vernichtet, vor den Augen Danielas, eine Abschreckungsmaßnahme.

Wer aber schützt die Kinder?

Die Mutter senkt den Kopf und murmelt das Tischgebet.

Ich war umgeben von Opferfrauen, wird Daniela später in ihr Tagebuch schreiben. Das Kind Daniela will keine Opferfrau werden.

Ein Junge will sie sein. In ihrem Zimmer herrscht größtmögliche Unordnung. Wenn sie schon Mädchen sein muss, dann wenigstens kein Mäuschen. Schön ist sie mit dem dichten, dunklen Haar und den Mandelaugen. Reicht nicht, findet Daniela, die rauswill aus ihrem Gefängnis, und setzt sich Leuchtsignale auf: Lidschatten, Lippenstift, Make-up, Puder, Rouge, Kajal, Lip-Liner, Eye-Liner, Nagellack, noch mehr Lippenstift, noch mehr Kajal und natürlich Parfum.

Kürzester Rock, höchste Absätze

Auf einer Klassenfahrt klettert sie nachts aus dem Bett, um Dorfjungs zu treffen. Sie schwänzt die Mathearbeit, um bei der Schuldisko mitzutanzen. Silvester verlässt sie die Wohnung der Eltern bieder gekleidet, eine Plastiktüte schlenkernd. Darin befinden sich der kürzeste Rock und die Schuhe mit den höchsten Absätzen.

Daniela fürchtet Jehovas Zorn nicht.

Doch schon nach der zehnten Klasse scheint ihr Wagemut verflogen: Sie macht einen Hauswirtschaftskurs beim Lette-Verein und eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Sie heiratet einen Zeugen Jehovas. Wandelt sie, nach kurzer Rebellion, jetzt doch auf den Pfaden einer Opferfrau? Von wegen.

Noch auf der Hochzeitsreise lernt Daniela einen Bankkaufmann kennen. Sie bekommen eine Tochter. Nach sieben Jahren kehrt sie zurück zu dem geschiedenen Ehemann, verlässt diesen erneut. Verliebt sich in einen alten Klassenkameraden, in einen Kollegen, in den Mann, der zwecks Kaufinteresses eine Visitenkarte hinter den Spiegel ihres Autos geklemmt hat.

Gar nicht genug bekommt Daniela von der Liebe, und die Männer bekommen nicht genug von ihr.

Ihre Mähne ist mal schwarz, mal lila, der Lippenstift mal blutig, mal rosé, in einer Hand hält sie Kaffee, in der anderen eine Zigarette, ihre Augen leuchten wie je.

Sie liest Alice Miller, sie tanzt Salsa, sie malt, sie plant mit ihrer heranwachsenden Tochter einen Gnadenhof für altersschwache Tiere. Sie liebt Dreier-BMWs und nimmt dem Handwerker den Schraubenschlüssel aus der Hand, weil sie die defekten Rohre besser reparieren kann.

Was macht eine wie sie eigentlich hinter den wechselnden Schreibtischen der Berliner Amtsstuben? Grob kann Daniela sein, wenn sie unzufrieden ist mit sich selbst. „Papierficker“ nennt sie sich.

Die Hand der Meerjungfrau bleibt leer

Die neue Stelle als Leiterin einer staatlichen Seniorenfreizeitstätte gefällt ihr besser. Daniela näht, schnippelt, dekoriert, veranstaltet Tanznachmittage, motiviert Ehrenamtliche.

Lustig, lebendig, so mag sie es.

Auf den Rücken lässt sie sich eine Meerjungfrau stechen, der Form ihrer Taille angepasst. Es ist die Meerjungfrau von Andersen, die sich von ihr Familie lossagt, weil sie lieben will. Die sich an Land wagt, auch wenn jeder Schritt schmerzt und sie ihre Stimme opfern muss. Für dieses Opfer sucht Daniela nach einem passenden zusätzlichen Symbol. Bis sie eins gefunden hat, muss die ausgereckte Hand der Meerjungfrau leer bleiben.

Daniela, die Kontrollierte, die nie schreit oder heult, hat sich verändert: Sie zeigt der Welt ihr nacktes Gesicht, ungeschminkt. Ihre Freundschaften werden beständiger, sie feiert Geburtstag, zum ersten Mal in ihrem Leben. Bei den Zeugen Jehovas darf man nicht feiern, am wenigsten sich selbst.

Noch immer ist ihr kein passendes Bild eingefallen für das Opfer der Meerjungfrau. Vielleicht, weil sie nur gewonnen hat mit ihrer Flucht aus einem System der Macht und der Angst. Daniela liebt und wird geliebt, von ihrer Tochter, ihrer besten Freundin und dem letzten Mann an ihrer Seite, dem ersten, der stark genug ist für sie. Bei ihm will sie bleiben, so geborgen fühlt sie sich in seiner Nähe.

44 Jahre alt ist sie, als der Hautkrebs zurückkehrt, der sie mit Anfang 20 kurz und unspektakulär befallen hatte. Ruhig und klar wirkt sie in ihren letzten Tagen.

Zur Startseite