Annemarie Rahusen (1918-2017) Foto: privatp

Nachruf auf Annemarie Rahusen (Geb. 1918) „Ich muss tatsächlich die Wäsche anderer Leute waschen“

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Sie wuchs auf in einer Welt, die noch einen Restglanz der ganz alten bewahrte. Flucht nach London, Heirat nach Bombay - und wieder befand sie sich in einer Welt des kultivierten Glanzes. Doch wo waren ihre Eltern?

Es soll Damen geben, die Papiertaschentücher benutzen! Womöglich verlassen diese Damen das Haus auch mit blassen Lippen und bloßen Ohren. „Ich“, verkündet Annemarie mit 90 und auch noch mit 99, „setze ohne Ohrringe und ohne Lippenrot nicht einen Fuß vor die Tür.“ Und hätte man ihr vorgeschlagen, ganz ohne Schmuck und Farbe auf einem Empfang zu erscheinen, wäre sie vermutlich stöhnend in Ohnmacht gefallen.

„Vergiss nicht“, sagt sie an einem Maimorgen zu ihrem Mann, „heute Abend gehen wir ins Ambassador.“ Zugegen werden sein der thailändische Botschaftsrat, ein Luftwaffenattaché, ein Gouverneur. Die Menükarte verzeichnet Siebziger-Jahre-Genüsse: Schildkrötensuppe, getrüffelte Poularde, Eisauflauf „Grand Marnier“. Drei Tage darauf bittet das Schlosshotel im Grunewald zu einer Soirée mit Staatsgästen aus Indonesien. Lautlose Kellner bringen Kalbssteak au four und Mandelcrème. Annemarie parliert auf Englisch mit dem Herrn zu ihrer Rechten, mit der Dame links, verschmilzt mit dieser exklusiven Welt der Abgesandten.

Sie kommt aus dieser Welt, obgleich diese im Jahr ihrer Geburt, 1918, vom K.-u.-k.-Glanz auf ein eher bescheidenes Maß zusammengeschnurrt war. Das prächtige Wien, die bourgeoise Wohnung, Personal, Porzellan, Silber, weiche Teppiche, das gab es noch. Die langen Sommer im Sanatorium der Großeltern mütterlicherseits, Dr. Ferdinand Ziffers Wasserheilanstalt in Gräfenberg, Österreich-Schlesien, „630 Meter über dem Meere“; der herrliche Wald, „der Duft, den seine mächtigen Fichten und Tannen spenden“, die Anstalt, die „Bade-, Gesellschafts- und Speisesäle enthält, nebst 50 Wohnzimmern, Liegehallen, Tennisplatz und Luftbad“, die Hydrotherapie, „physikalisch-diätetische Heilmethoden“, zur Anwendung „bei Krankheiten des Nervensystems, der Atmungsorgane, Muskeln, bei Frauenleiden“. Und Sigmund Freuds Couch steht noch in der Wiener Berggasse 19: „Der Psychotherapie, dem traitement moral, wird die weitestgehende Aufmerksamkeit zugewendet.“

Annemarie Rahusen (1918-2017) Foto: privatp

Dann wird diese Welt ausgelöscht, denn gewissen Leuten, obwohl hochgradig therapiebedürftig, liegt nichts, rein gar nichts an der Moral. Am 15. März 1938 zieht Hitler über den Heldenplatz. Ab dem 4. Juni 1938 steht Freuds Couch in London, wohin sich auch Annemarie am 1. Januar 1939 rettet. Ihre Eltern und Großeltern sitzen mit aufgenähtem Judenstern in Prag fest, bevor sie nach Theresienstadt deportiert werden.

Annemarie arbeitet in London als Au-pair-Mädchen, putzt, kocht, „muss“, wie sie mit Höherer-Töchter-Attitüde sagt, „tatsächlich die Wäsche anderer Leute waschen“. Sie lernt einen indischen Zahnmedizinstudenten kennen, geht mit ihm 1943 nach Bombay. Die Eltern? Keine Nachricht, sie würden nachkommen, hatte es geheißen, aber niemand kam. 1945 forscht sie nach, es dauert, keine Informationen, bis 1946, bis zu diesem Schreiben: „ … dass Ihre Eltern und Großeltern den 8.5.1945 nicht überlebt haben.“

Sie bekommt drei Töchter, geht vormittags in den einen Klub, nachmittags in einen anderen, spielt Bridge mit den Society-Damen, für die Söhne und Töchter gibt es ja Kindermädchen, für den Haushalt Dienstboten. Man speist fein bei Abendgesellschaften, plaudert kultiviert, hin und wieder Delikates hinter vorgehaltener Hand, haben sie schon gehört, Annemaries Mann mit Ilse, ihrer besten Freundin? Annemarie kommt es als Letzter zu Ohren. Aber irgendwann geht der Schock vorüber. Eine beste Freundin wirft man nicht fort. Als der Mann, viel später, stirbt, stehen zwei Witwen an seinem Grab, und Annemarie lacht über die anderen Trauergäste, „die alle dumm gucken“.

Sie ist inzwischen mit einem Niederländer verheiratet, der ein Arbeitsangebot in Berlin bekommt. Deutschland. Wie soll sie das schaffen? Dorthin. Seit Jahren zieht sich zäh die Bearbeitung der Bitte um Entschädigung für das Sanatorium. Sie entscheidet sich 1961 dennoch, mit ihrem Mann nach Berlin zu gehen.

Schnell knüpfen sie Kontakte in Botschaftskreisen, geben Teenachmittage und opulente Abendessen, oft bis nachts um drei, danach liest Annemarie noch eine Stunde, um acht muss sie schon wieder raus, zur Arbeit im Büro. Sie richtet sich ein in diesem deutschen Leben, in dem es keine Dienstboten und keine Klubs mehr gibt, in dem sie allein kochen und putzen muss und trotzdem auf Empfängen repräsentieren kann, in dem sie von einem Schloss zur nächsten Kirche zur nächsten Gartenanlage reist, in dem sie die alten Wiener Mehlspeisen zubereitet und „heuer“ anstatt „dieses Jahr“ sagt, in dem sie manchmal daran denkt, dass ein anderer Weg für sie vorgesehen war, dass sie einmal Medizin studieren wollte, in dem ihr 1988 mitgeteilt wird, dass sie für das Sanatorium eine Entschädigung von 13 000 Mark erhält. In dem sie mit 99 Jahren stirbt.

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