Alexander Kobylinski, 1983 Foto: privatp

Nachruf auf Alexander Kobylinski (Geb. 1964) Wozu das Risiko?

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Sie hielten ihn für einen Aufrührer, gefährlich für den Staat. Ein Aufrechter war er, ohne Angst. In den Westen wollte er nicht, doch sein Anwalt, ein Mann im Stasi-Auftrag, empfahl es ihm. Ahnte er, dass die einzige Gefahr für ihn von ihm selbst ausging?

Mit 19 Jahren kam der Nicht-FDJler Alexander Kobylinski einer Bitte der FDJ-Leitung seiner Schule nach. Er war, wie er später sagte, „auch ein bisschen der Meinung, etwas zu sagen zu haben.“ Und wusste, dass das, was er sagen würde, kein bisschen den Vorstellungen der FDJ-Leitung entsprechen würde. Er wusste, dass er sein Abitur aufs Spiel setzte. Er wusste, dass er das System, das er so gern verändern wollte, kein bisschen verändern würde. Aber er konnte nicht anders.

Die Geschichte verrät einiges über diesen Mann und auch einiges über dieses System, das so menschengemacht war und folglich so oft so unsystematisch.

Es fängt schon damit an, dass die Ober-FDJler sich für die Abiturfeierrede diesen Langhaarigen aussuchten. Der war ja nicht nur kein Mitglied ihres Vereins, er war auch noch der Sohn eines Pfarrers. Wer ihn halbwegs kannte, wusste, dass aus seinem Mund nichts Staatsfrommes zu erwarten war. Da die DDR-Schule zwar viele Mitläufer aber wenig Redetalente hervorbrachte, waren sie froh, jemanden gefunden zu haben, der reden konnte und auch reden mochte.

Es bedarf eines gewissen diktatursensiblen Einfühlungsvermögens, die Rede, die Alexander am 1. Juli 1983 in der Aula der Friedrich-Schiller-EOS zu Weimar hielt, als so aufrührerisch und staatsgefährdend zu verstehen, wie dies die systemnäheren Teile der Zuhörerschaft taten. Wenn er etwa Tucholsky zitierte: „Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ,Lieber Freund, das mache ich schon seit 20 Jahren so.’ – Man kann eine Sache auch 20 Jahre falsch machen“, dann verstanden die Fachleute das als Generalangriff auf sämtliche sozialistischen Errungenschaften. Sätze wie: „Wir müssen lernen, mehr in Eigenverantwortung zu denken und zu handeln. Wir und unser Land brauchen Aufrichtigkeit“, konnte beklatschen, wer noch jung und offen war. Viele Schüler klatschten, ein paar Eltern auch. Die Lehrer schwiegen entsetzt; die dümmeren fragten sich: Was nimmt dieser Kerl sich raus?, die denkenden: Warum riskiert er so viel?

Die Ratschlüsse des Systems

Warum sollte ich es nicht riskieren?, fragte Alexander. Es ging nicht um Naivität oder Draufgängertum. Es ging um genau das, worüber er sprach: Aufrichtigkeit. Ein aufrechtes Leben. Wenn alle die Klappe halten, heißt das doch, dass einer mal die Klappe aufmachen muss.

Der Direktor fragte ihn, ob er das Gesagte zurücknehmen würde. Nein, antwortete Alexander. Und es hätte kaum jemand noch darauf gewettet, dass er am folgenden Tag sein Abiturzeugnis erhalten würde. Doch er erhielt es; die Ratschlüsse des Systems waren unergründlich.

Hier ein ausführlicher Bericht über den Vorfall sowie die Rede im Wortlaut

Was konnte nun aus diesem aufrechten jungen Mann mit Hochschulreife werden? Seinen Studienwunsch, Germanistik, hatte ihm das System bereits ausgeschlagen. Er jobbte erst mal in der Uhrenfabrik und als Museumsaufsicht. Nach Dienst traf er sich mit seinen Freunden, um, wie es die Staatssicherheit deutete, die Sicherheit des Staates zu untergraben. Das Gegenteil war der Fall. Es ging ihnen um Demokratie und um den Frieden, den sie von den östlichen Atomraketen ebenso bedroht sahen wie von den westlichen. Da die DDR-Staatsmacht der Meinung war, dass die einzig legitime Friedensbewegung in der DDR sie selbst sei, stellte sie die vier jungen Weimarer unter strenge Beobachtung. Die Stasi installierte eine Wanze, protokollierte auch die weinseligste Unterhaltung minutiös und nahm Alexander und seine Freunde im Januar 1984 fest. Sie hatten Flugblätter gedruckt, auf denen sie zum Boykott der Kommunalwahl aufriefen.

Alexander Kobylinski bei einer Kirchenveranstaltung in Weimar 1983 Foto: privatp

Untersuchungshaft, ein halbes Jahr Zermürbung, Alexander besteht auf einen Anwalt, er kennt einen guten, der bei seinen Eltern aus- und eingegangen ist, der Anwalt kommt und erweist sich als große Hilfe – für alle Seiten. Er überzeugt die Häftlinge, ein Geständnis abzulegen; alles andere würde die Sache nur weiter verzögern, und letztlich laufe es ohnehin auf einen Freikauf in den Westen hinaus, je eher desto besser. Alexander wollte nie in den Westen. Jetzt aber hat er den Knast kennengelernt, und der Anwalt sagt: „Mach was aus deinem Leben, Junge. Geh rüber!“

Im Juni die Gerichtsverhandlung, Alexanders Urteil: zwei Jahre, zwei Monate wegen „Behinderung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit“, ein weiteres halbes Jahr Knast, schließlich der Freikauf und im Januar 1985 die Ausreise ins gelobte Land der Freiheit und der Bürgerrechte. Im Auffanglager die übliche Prozedur, Verhör durch die Geheimdienste, Aufnahme der Personalien, erkennungsdienstliche Behandlung. Alexander kann es nicht fassen: Er kommt gerade aus dem Überwachungsstaat und soll hier seine Fingerabdrücke abgeben? Kommt überhaupt nicht infrage! – Dann bekommen Sie keinen Ausweis.

So verzögert sich die Prozedur um ein paar zähe Stunden, nach denen die Bundesrepublik Alexanders Fingerabdrücke und er ihre Staatsbürgerschaft erhält.

Viele, die aus der DDR-Subkultur in den Westen kommen, bilden dort, zumeist in West-Berlin, eine ganz ähnliche Subkultur. Man bleibt unter sich. Alexander nicht. Er beginnt sein Germanistikstudium in Göttingen. Und erhält seine erste Lektion in Freiheit: Nur weil man studieren kann, was man will, heißt das noch lange nicht, dass man studiert. Sein erstes Semester ist ein Streiksemester. Auf einer Versammlung lernt er Anja kennen. Er fällt ihr auf, weil er so besonnen ist. Wenn alle die Klappe ganz weit aufreißen, dann soll man sich zurückhalten. Er hat seine Meinungen, doch teilt er sie nur halb so laut mit. Womöglich meint es dieser Mann mit Migrationshintergrund einfach ernster als die lauten Ureinwohner.

Umringt von Glatzköpfen

Er zieht dann doch mit Anja nach Berlin, und auch dort streiken gerade die Studenten. Sie beteiligen sich an einer Hausbesetzung, Alexander lernt für eine Nacht auch mal den Westknast kennen, und als er mit dem Studium fertig ist, gibt es keine Mauer mehr. Doch fällt es ihm im Traum nicht ein, zurück in den Osten zu ziehen. Da hat er einen Strich gemacht. Und dann bekommt er es aus beruflichen Gründen auch noch mit den finstersten Seiten des Ostens zu tun: Als Fernsehreporter für die Sendung „Kontraste“ wird Alexander Spezialist in Sachen Rechtsradikalismus. Mit seinem Kamerateam fährt er durch Brandenburg und Sachsen, begibt sich auf Sommerfeste der NPD, ist umringt von Glatzköpfen – und bleibt ganz ruhig.

Die Kollegin, die immer mit ihm unterwegs ist, staunt: Der Mensch scheint wirklich keine Angst zu haben. Als die beiden über einen Medizinfirmenskandal recherchieren und mitbekommen, wie der kritisierte, mächtige Unternehmer Kontakte zur Intendantin des RBB knüpft, ist für sie völlig klar, dass man an die Intendantin einen Brief schreiben muss. Ein Unding in der öffentlich-rechtlichen Betonhierarchie! Entsprechend groß ist der Ärger. Andere hätten sich das nicht getraut, warum auch, so anders als der Osten war, ist der Westen nicht. Und Alexander ist im Westen kein anderer, als er im Osten war. Ein Angstfreier.

Ahnt er, dass die einzige Gefahr für ihn von ihm allein ausgeht?

Alexander ist Alkoholiker, einer, der sich viel zu früh an das Zeug gewöhnt und den Absprung nie geschafft hat. So mutig und konsequent er den Kleingeistern und Mutlosen begegnet, so hilflos ist er gegenüber seinem eigenen Verlangen. Da sind auch die Hilfsbereitesten hilflos.

Alexander Kobylinski 2014 Foto: privatp

Er hält den Anstrengungen des Reporterjobs nicht mehr stand – und widmet sich jahrelang, unterbrochen von seinen Abstürzen, einem letzten Großprojekt. Zufällig ist er dem Anwalt noch einmal begegnet, der ihn in der DDR vertreten hatte. Das war Wolfgang Schnur, einer der rätselhaftesten, skrupellosesten Stasiverräter. Alexander hatte Schnur damals für sein geradliniges, selbstbewusstes Auftreten bewundert. Er hatte sich gut vertreten gefühlt. Inzwischen weiß er, dass Schnur im Stasi-Auftrag unterwegs war.

Das macht ihn nicht bitter. Es interessiert ihn einfach. Täter? Opfer? Nie hätte Alexander sich selbst als Opfer begriffen. Bei Schnur, dem Täter, ist das anders: Der ist ein Opfer, ein kleiner Mann mit wenig Rückgrat, der sich benutzen ließ, um anderen das Rückgrat zu brechen. Alexander ist, vordergründig jedenfalls, ungebrochen genug, um diese Geschichte zu ergründen. Er wälzt Akten, spricht mit Schnur, er schreibt ein Buch und macht einen Film. Das Buch ist erschienen, und auch der Film ist fertig geworden. Er wird im Herbst im Fernsehen laufen, ein halbes Jahr nach Alexanders Tod.

Man mag das anders sehen, aber möglicherweise war die Rede, die Alexander Kobylinski mit 19 hielt, noch wichtiger als Buch und Film. Sie hat seinen Mitschülern gezeigt, dass man, wenn alle anderen schweigen, etwas sagen kann. Dass man das muss.

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