Zusammen ist man weniger allein. In den USA war „Rent“ ein Hit, hierzulande gab es noch keine großen Inszenierungen. Foto: Promo
p

Musical "Rent" Ein bisschen Broadway in Berlin

Sophie Krause
0 Kommentare

Der Musicalklassiker „Rent“ gastiert Ende November im Admiralspalast – und mit ihm zwölf junge Schauspieler. Ein Probenbesuch.

Wenn Anna Hofbauer ihr Flanellhemd aufknöpft und in schwarzer Latexhose und pinkfarbenem BH bekleidet „Lass mich oder verlass' mich“ singt, dabei die Arme in die Luft streckt und ihre Stimme zum Vibrieren bringt, ist es einer dieser Momente, in denen einem plötzlich der Atem stockt. Hofbauers Stimme schallt eindringlich durch den kleinen Proberaum in Mitte.

Zwölf junge Schauspieler, Regisseur Walter Sutcliffe und Produzent Boris Hilbert stellen hier an einem Herbstvormittag Ausschnitte ihres Bühnenstücks „Rent“ einer Handvoll Pressevertretern vor. Hofbauer singt ihr Duett mit Nedime Ince – in „Rent“ ist das ihre Geliebte Joanne Jefferson – ebenfalls im Flanellhemd und ebenfalls mit röhrender Gänsehaut-Stimme.

Es geht um Rassismus, Drogen und Verrat unter Freunden

Das Broadwaymusical stammt aus der Feder von Jonathan Larson und ist in den USA seit Langem Kult; die Story erreichte in Deutschland jedoch nie den gleichen Erfolg und wurde bislang vor allem von Schauspielschülern und Schulklassen aufgeführt. „Rent“ orientiert sich an Puccinis Oper „La Bohème“ und handelt von einer Gruppe junger Menschen im New York der 90er Jahre, die sich mit der Liebe, aber auch mit Problemen wie Rassismus, Drogen und Aids herumschlagen müssen. Die Hauptfiguren sind die extrovertierte lesbische Performerin Maureen Johnson (Anna Hofbauer) und der mehr oder weniger skrupellose Benjamin Coffin III. (Martin Markert), der durch eine Hochzeit an zu viel Geld kam und seine Freunde verrät.

Mit der Botschaft von „Rent“, sagt Darstellerin Anna Hofbauer, könne sie sich identifizieren: „Lebe im Jetzt und genieße das. Du weißt nie, wann es zu Ende ist.“ Für die Wahlberlinerin, die schon als „Evita“ und „Kaiserin Elisabeth“ auf der Bühne stand und als „Bachelorette“ im Fernsehen auf Männersuche ging, ist die Rolle der kämpferischen und vorlauten Maureen eine neue Herausforderung: „Maureen ist eine Art Jeanne d’Arc“, sagt Hofbauer. „Die Herausforderung daran ist, dieser extrovertierte Haudrauf zu sein und das Schamgefühl draußen zu lassen. Dabei musste ich über meinen Schatten springen. Ich stehe alleine im BH auf der Bühne – wann macht man das sonst?“ Dennoch findet sich die 29-jährige Anna Hofbauer in ihrer Rolle wieder: „Für Frauenrechte und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, das teilen Maureen und ich. Da bin ich auch eine kleine Jeanne d’Arc.“

Hälse vibrieren, alle Körperfasern sind gespannt

Auch Martin Markert betritt mit seiner Rolle neue Ufer: „Ich finde es super, in diesem Stück den Bad Boy zu spielen, weil ich sonst immer der Sunny Boy sein soll“, sagt er. Auf der Musicalbühne stand Markert unter anderem als Jesus in „Jesus Christ Superstar“. Von seiner neuen Rolle in „Rent“ schwärmt Markert, gesteht aber: „Ich habe anfangs total unterschätzt, dass mein Part als Benjamin musikalisch sehr schwierig ist. Wenn man einen englischen Satz übersetzt, kommen fünf deutsche Sätze raus. Ich muss also immer on time sein.“

Die Interpretationen der Charaktere haben die Schauspieler zusammen mit Regisseur Walter Sutcliffe in einer Art Coaching erarbeitet. So soll das Stück lebendiger als frühere Adaptionen daherkommen. Wie es sich für ein Musical gehört, sparen die Künstler nicht an großen Gesten. Im Proberaum fühlbar und sichtbar sind die Anstrengung und die Energie, die die Darsteller in ihre Rollen, in ihren Gesang und Tanz stecken: Hälse vibrieren, alle Körperfasern sind angespannt, die Mimik sitzt. Das Stück „La vie bohème“, gespielt in ganzer Besetzung, zeigt die gigantische Stimmgewalt der Gruppe, die wie eine Wand von der Bühne bricht und beim Zuschauer Gänsehaut hervorruft. Die Männer und Frauen wirbeln in bunten Kostümen in Leopardenprints, Streifen- und Batikmustern, Leder-, Jeans- und Kunstpelzjacken durch den Raum.

"Mit AIDS wird immer noch leichtfertig umgegangen"

Dem Berliner Martin Markert bedeutet „Rent“ sehr viel: „Es ist unglaublich aktuell“, sagt er. Die Themen der 90er Jahre – Drogen, HIV und Aids – würden noch immer diskutiert. „Ich bin dankbar, dass wir solche medizinischen Fortschritte bei der Behandlung der Krankheit gemacht haben“, sagt Markert, „aber gerade in Berlin beobachte ich, dass mit HIV und Aids immer noch leichtfertig umgegangen wird.“ Dieses Problem behandelt „Rent“.

Für Markert hat die Geschichte der jungen Künstler, die in einer WG leben und ihre Träume verwirklichen wollen, biografische Parallelen: „Mir selber ging es genauso. Ich wollte Künstler sein, ich bin auf die Joop van den Ende Academy in Hamburg gegangen, habe in einer WG gewohnt, kaum Geld gehabt und alles für meinen Traum gegeben.“

Am 27. November spielt die Gruppe im Studio des Admiralspalastes. Damit beginnt die dreiwöchige „Rent“-Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Zur Startseite » Jamaika-Aus: Wie geht es weiter? Jetzt E-Paper testen!