Rainer Leppin, der ehemalige Leiter des maroden Fichtenbe-Gymnasiums, musste mit ansehen, wie seine Schule hinter Baugerüsten verschwand. Diese Gerüste werden noch bis mindestens bis 2017 stehen. Foto: Kitty Kleist-Heinrichp

Marode Schulen trotz Millionenprogrammen Verfall mit Ansage

Susanne Vieth-Entus
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Bildung in Berlin im Jahr 2015: Knöterich und Efeu im Klassenraum, Regen in der Turnhalle seit Sarrazins Zeiten und eine Schulsanierung, die 20 statt 14 Millionen Euro kosten soll.

Die Kraft der Berliner Pflanzenwelt – sie ist in der Alt-Lankwitzer Grundschule hautnah zu erleben: Nach dem Knöterich hat es nun auch der Efeu geschafft, sich durch das marode Gemäuer in die Innenräume vorzuarbeiten.

Die langen grünen Ranken werden im Dezember den „Adventskalender“ schmücken, mit dem die Elternschaft den Senat wieder auf baufällige Schulen aufmerksam machen will.

Das Material für den Kalender geht auch im zehnten Jahr der Initiative nicht aus: Trotz zusätzlicher Gelder tauchen immer neue Probleme auf. Jüngstes Beispiel: Die Kostenexplosion am Steglitzer Fichtenberg-Gymnasium. Seine Sanierung soll statt der bisher veranschlagten 13,7 Millionen sogar 20 Millionen Euro kosten, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung dem Tagesspiegel mitteilte. Bewilligt sind bislang nur fünf Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt.

Besonders entsetzt ist die Schule darüber, dass die Bauarbeiten erst 2017 beginnen, wie Hochbaustadtrat Michael Karnetzki (SPD) bestätigt. Daher werden die Absperrungen rund um die marode Fassade noch lange das äußere Erscheinungsbild der Schule prägen – ganz zu schweigen von der gesperrten Aula, den herausgefallenen Deckenplatten in Unterrichtsräumen und von Fenstern, die nicht dicht sind.

Schule will Ganztagsbetrieb aufgeben

Zwar hat Steglitz-Zehlendorf – nach bisherigen Schätzungen – den berlinweit größten Sanierungsbedarf und wird deshalb auch wieder überwiegend den besagten „Adventskalender“ bestücken, den der Bezirkselternausschuss 2006 ins Leben gerufen hatte. Aber auch andere Bezirke haben wieder beeindruckende Beispiele beizutragen.

Ein schmaler Flur mit drei Tischen sowie eine kleine Cafeteria mit zehn Plätzen sind alles, was der Bezirk den rund 700 Schülern des Rückert-Ganztagsgymnasiums mittags zur Verfügung stellt. Foto: Susanne Vieth-Entusp

Dazu gehört etwa, dass das einzige Ganztagsgymnasium von Tempelhof-Schöneberg, die Rückert-Schule, seit Jahren vergeblich auf eine Mensa wartet: Rund 700 Schüler müssen in einem unansehnlichen Flur essen, in dem aber auch nur drei Tische mit ein paar Stühlen stehen. Zudem reichen die Turnhallenkapazitäten bei weitem nicht für die Sport AGs, die für das Ganztagskonzept der Rückert- Schule unentbehrlich sind.

Jetzt will die Schule den Ganztagsbetrieb aufgeben, denn das nötige Geld für Mensa und Turnhalle ist nicht in Sicht – was die Beteiligten vor allem deshalb ärgert, weil ihnen vor Jahren als Gegenleistung für die Einrichtung des Ganztagsangebots finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt worden war.

Welche zeitliche Dimension sich hinter dem Zustand der Lankwitzer Grundschule verbirgt, zeigt sich auch daran, dass schon 2008 der Knöterich in die Schule hineinwuchs. Damals war es der Musikraum: Die fassungslosen Eltern wandten sich an Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD).

Alt Lankwitzer Grundschule - Efeu im Waschraum der Turnhalle Foto: Karin Retzkep

Inzwischen ist sein zweiter Nachfolger im Amt, und die maroden „Mobilen Unterrichtseinheiten“ (MURs) der Schule stehen immer noch. „Für die Zukunft plant das Schulamt, die Grundschule neu zu ordnen und den Abriss von zwei MURs für die Investitionsplanung anzumelden“, ist alles, was Karnetzki in Aussicht stellen kann.

Viel konkreter hört sich auch die Auskunft zur maroden Turnhalle nicht an, durch die es schon zu Sarrazins Zeiten regnete: Ob noch 2016 Sanierungsmaßnahmen in der Halle beginnen, „muss zwischen Schulamt und Hochbauservice noch abgestimmt werden“, lautet Karnetzkis Auskunft. Planungen für die „größeren Maßnahmen“ im Rahmen der Bauunterhaltung liefen zurzeit, Entscheidungen seien aber „noch nicht getroffen“.

„Man hat das Gefühl, hingehalten zu werden“

„Am meisten ärgert mich, dass man das Gefühl hat, hingehalten zu werden“, fasst Gesamtelternvertreterin Karin Retzke ihre Gemütslage nach dem mehrjährigen Kampf zusammen. Einziger Trost: Die Kellerdecke des ehemaligen Spielgerätehaus wurde „statisch saniert“, damit der Schülerclub einziehen konnte.

Viel Geduld braucht auch das Lankwitzer Beethoven-Gymnasium: Fenster, Sanitärbereich und Elektrik sind zwar für das Programm „Wachsende Stadt“ angemeldet. Allerdings verlangt das große Bauvolumen – 3,2 Millionen Euro – eine europaweite Ausschreibung. Aus diesem Grunde könnten Baumaßnahmen „vermutlich auch erst in 2017 erfolgen", bedauert Karnetzki. Immerhin seien aber „die maroden Fenster zu großen Teilen provisorisch gesichert“.

Eine der Eingangstüren zur Alt-Lankwitzer Grundschule. Foto: Karin Retzkep

Unklarer ist das bauliche Schicksal der Biesalski Förderschule. Auch sie stand 2014 im Fokus des „Adventskalenders“: Zwar wurden die Decken wieder in Ordnung gebracht. Aber das zweite Problem ist nicht behoben: Regen läuft von der Terrasse in den Geräteraum der Turnhalle. „Die Folge: feuchtes Mauerwerk, angeschimmelte Sportgeräte“, bemängeln die Eltern. Da es für die ehemalige US-Liegenschaft keine Bauunterlagen gibt, musste zunächst eine „Bauwerkserkundung“ stattfinden, um sich dem Problem überhaupt anzunähern. Erst in diesem November gibt es ein erstes Sanierungskonzept.

Zwei Schulen werden jetzt in Senatsregie saniert

Das Hochbauamt des Bezirks ist chronisch überlastet, weil es personell stark ausgedünnt wurde und besonders viel zu tun ist. Mit Geldern der Bauunterhaltung und des Schulanlagensanierungsprogramms gibt es noch etliche „mehr oder weniger größere Baumaßnahmen“ an 15 weiteren Schulen und „ebenso Wartungs- und Reparaturarbeiten an praktisch jeder Schule.

Alt-Lankwitzer Grundschule: Deckenplatten im Naturwissenschaftlichen Fachraum Foto: Karin Retzkep

Große Bauvorhaben gibt es am Arndt-Gymnasium und an der Grundschule am Insulaner. Nur der Umbau der Kopernikus-Schule und die 20-Millionen-Euro-Sanierung des Fichtenberg-Gymnasiums werden durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung organisiert: Dies wurde durch ein Amtsersuchen des Bezirks erreicht.

Voran geht es in der einzigen Pankower Schule, die 2014 im „Adventskalender“ vorkam: Die Eltern hatten bemängelt, dass es in der Grundschule im Hasengrund keine Mensa gab. Inzwischen steht fest, dass 2016 aus den Mitteln für die „Wachsenden Stadt“ eine kleine Sporthalle zu einem Mehrzweckraum mit Essensversorgung umgebaut werden kann, kündigt Bildungsstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) auf Anfrage an.

Jetzt droht der nächste Brandbrief - aus Schmargendorf

Gleichzeitig brechen aber wegen der steigenden Schülerzahlen neue Probleme auf: Aktuell leidet die Alt-Schmargendorfer Grundschule unter akuter Raumnot, der Hort soll in das Souterrain, die Rede ist von Schimmel und Feuchtigkeit, wie Günter Peiritsch vom Bezirkselternausschuss berichtet: Der Stoff für den nächsten „Adventskalender“ geht nicht aus.

Berlins Schulgebäude sind rund elf Milliarden Euro wert. Für die Bauunterhaltung würden nach immobilienwirtschaftlichen Standards pro Jahr rund 200 Millionen Euro gebraucht, es flossen aber bisher nur Beträge von zuletzt 80 Millionen. Durch dieses Missverhältnis entstand ein Sanierungsstau von geschätzt zwei Milliarden Euro. Um gegenzusteuern, gibt es ein einmaliges Zwölf-Millionen-Programm für Sanitäranlagen sowie aus dem Programm „Wachsende Stadt“ 100 Millionen Euro für die kommenden Jahre. Die Grundsanierung einer einzigen großen Schule kostet bis zu 30 Millionen Euro.

Berlinweite Vorschläge für den Adventskalender 2015 nimmt wieder der Bezirkselternausschuss Steglitz-Zehlendorf entgegen. Mails an: vorstand@bea-sz.de.

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