Vor allem Grundschullehrer sind Mangelware: Jahrelang wurden tausende Bewerber abgelehnt. Foto: dpap

Lehrer an Berliner Schulen Quereinsteigerquoten steigen auf 70 Prozent

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An Berlins Schulen nimmt die Zahl ungelernter Lehrkräfte weiter zu. In einem Bezirk sind nur drei von 66 neuen Grundschullehrern vom Fach.

Die Zahl der Quereinsteiger nimmt weiter zu. Seit Schuljahresbeginn ist ihr Anteil unter den neuen Lehrern durch nachträgliche Einstellungen von 40 auf über 46 Prozent gestiegen. Bei den Grundschulen liegt er sogar bei 56,5 Prozent – nochmal drei Prozent höher als vor einem Monat. Dies belegt eine neue Aufstellung der Bildungsverwaltung, die dem Tagesspiegel vorliegt. Besonders betroffen sind die Brennpunktbezirke.

An der Spitze liegt Mitte, wo 126 von 944 Berliner Quereinsteigern landeten. Dicht folgen Spandau und Neukölln. Am wenigsten kamen in Charlottenburg-Wilmersdorf an (33). Anteilig gesehen liegen Spandau und Reinickendorf vorn: Mit Quoten von weit über 60 Prozent.

In Bezug auf die Grundschulen bedeutet dies, dass es sich in Mitte und Neukölln sogar bei über 70 Prozent der neu eingestellten Kräfte nicht um ausgebildete Lehrer handelt. Zudem sind bei den übrigen 30 Prozent die gelernten Grundschulpädagogen in der Minderheit: Meist musste die Bildungsbehörde auf Oberschullehrer zurückgreifen.

Tausende Bewerber waren abgelehnt worden

Am extremsten wirkt sich der Mangel in Marzahn-Hellersdorf aus: Von 66 neuen Grundschullehrern sind nur drei für diese Schulform von Klasse 1 bis 6 ausgebildet (4,5 Prozent). Das erinnert an die Bilanz im Februar 2016: Damals konnten für 33 offene Stellen an Reinickendorfer Grundschulen nur sechs dafür ausgebildete Pädagogen gefunden worden. Insgesamt gab es 2016 für 1000 zu besetzende Grundschulstellen nur 175 Grundschullehrer: Wie berichtet, hatten Berlins Hochschulen jahrelang Tausende Bewerber für das Grundschulstudium abgelehnt, was der Senat nicht stoppte. Erst 2016 setzte er diesem Vorgehen ein Ende und verlangte von den Hochschulen, mehr Kapazitäten für die Ausbildung der Grundschullehrer zu schaffen - und entsprechend zu finanzieren. Seit 2014 wird massiv um Quereinsteiger geworben.

Nur jeder Sechste hat die passende Ausbildung

Insgesamt liegt für alle Bezirke der Anteil der gelernten Grundschullehrer bei den Neueinstellungen zum Schuljahr 2017/18 bei nur 16 Prozent. Weitere 17 Prozent sind Oberschullehrer, und vereinzelt kommen noch die ehemaligen DDR-Lehrer für untere Klassen (LuK-Lehrer) hinzu: Diese Pädagogen spielen in den West-Bezirken kaum eine Rolle, wohingegen in Marzahn-Hellersdorf 30 Prozent der neu Eingestellten LuK-Lehrer sind, in Treptow-Köpenick 20 Prozent. Wie berichtet, fehlten zuletzt sogar erfahrene Grundschullehrer für die Ausbildung der Referendare.

Elf Quereinsteiger an einer einzigen Schule

An den Sekundarschulen ist die bezirkliche Verteilung der Quereinsteiger ähnlich wie bei den Grundschulen: Auch hier liegt Marzahn-Hellersdorf vorn mit zwei Dritteln Quereinsteiger. Dem Vernehmen nach sind allein der Mozart-Gemeinschaftsschule elf Quereinsteiger zugeordnet worden. Insgesamt liegt der Anteil der Quereinsteiger an den neu eingestellten Sekundarschulkräften bei knapp 43 Prozent und an den Förderschulen bei 52 Prozent – also fast so wie bei den Grundschulen. Besser stehen nur die Gymnasien da: Hier fällt jeder vierte der „Neuen“ unter diese Kategorie.

Zwei Drittel haben nur ein passendes Fach studiert

Tom Erdmann, der Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, wies darauf hin, dass rund zwei Dritteln der Quereinsteiger nicht nur das Lehramtsstudium fehlt, sondern dass sie sogar nur ein potentielles Schulfach studiert haben. Sie müssten also berufsbegleitend das obligatorische zweite Fach nachstudieren, wofür jedoch zurzeit an den Hochschulen „die Kapazitäten nicht reichen“, so Erdmann.

Weniger Entlastungsstunden vom Finanzsenator

Der GEW-Vorsitzende wiederholte am Donnerstag auch seine harsche Kritik an der Bildungsverwaltung in Bezug auf den Wegfall der zunächst geplanten Entlastungsstunden für die Grundschulen. Wie berichtet, sollte es pro Schule eigentlich bis zu sechs zusätzliche Lehrerstunden pro Woche geben, weil Grundschulen – anders als die Ober- und Berufsschulen – kaum Kapazitäten für das Management oder für die Fachbereichsleitung haben. Nach der Intervention des Finanzsenators blieb aber nur eine Stunde übrig. Erdmann hatte von „Wortbruch“ gesprochen und kritisierte, dass die Gremien nicht genügend beteiligt worden seien. Auch der Grundschulverband bekam von dieser Rücknahme der geplanten personellen Verbesserungen keine Kenntnis.

„Dass die GEW jetzt von Wortbruch spricht, lässt Maß vermissen“, meinte dazu die bildungspolitische SPD-Sprecherin Maja Lasić. Immerhin gebe es eine Stunde zusätzlich und später dann zwei Stunden in 2018 und ab 2019 drei Stunden. „Dies sind nicht die sechs Stunden, die wir alle gerne hätten und für die die Bildungsverwaltung gekämpft hat, aber es ist ein Mehr an Entlastung“, betonte Lasić.

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