Zu Gericht. In Moabit saß schon der Hauptmann von Köpenick auf der Anklagebank. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Kriminalgericht Moabit Zu Besuch in Berlins Justizpalast

Stefanie Golla
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Im Kriminalgericht Moabit treffen Mörder und Falschparker aufeinander – ein Rundgang im größten Strafgericht Europas.

Um Lisa Janis Arbeitsplatz zu finden, benötigt man vor allem Intuition. Das Büro der Sprecherin des größten Strafgerichts Europas liegt mitten in einem Labyrinth aus Gängen, Treppen und Fluren, die keiner Symmetrie zu folgen scheinen. Die Gefahr, verloren zu gehen, ist groß im Kriminalgericht Moabit in der Turmstraße 91, wo täglich bis zu 300 Verhandlungen stattfinden. Der Besucher wird also schon beim Betreten gezwungen, den richtigen Weg (wieder) zu finden. Und er sollte sich anstrengen, denn Zuspätkommen kann für Verfahrensbeteiligte teuer werden.

Wer die Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hat, steht in einer riesigen Eingangshalle, so groß, dass problemlos das Brandenburger Tor hineinpassen würde. Eine geschwungene und verschlungene Steintreppe führt den Besucher empor, doch der Mensch bleibt eine verschwindend kleine Größe in diesem monumentalen Barockbau. Angeklagte, Zeugen, Richter, Staatsanwälte und Verteidiger – alle Protagonisten des immerwährenden Streits um Gerechtigkeit müssen durch dieses Entree, vorbei an Wahrheit und Lüge, Streitsucht und Friedfertigkeit, die als allegorische Steinfiguren jeden Ankömmling von oben herab mustern.

Hauptgebäude mit Historie

Als das Gebäude 1906, damals als Neues Kriminalgericht Moabit, eröffnete, war es das modernste Berlins – vollständig elektrifiziert und mit eigener Wasserversorgung und Telefonanlage ausgestattet. Die Historie ist dem Hauptgebäude, das ab den 50er Jahren durch weniger schmuckvolle Gebäude mehrmals erweitert wurde, deutlich eingeschrieben – faszinierend für den Besucher, aber nicht immer zeitgemäß für den Gerichtsbetrieb der Gegenwart.

Lisa Jani arbeitet seit zwei Jahren in der ältesten Gerichtspressestelle Deutschlands. „Das Interesse an Gerichtsprozessen, kleinen wie großen, war in der Weimarer Republik enorm hoch. Die Pressestelle wurde damals eingerichtet, um die vielen Journalisten im Auge zu behalten“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern, „das ist heute natürlich anders, ich verstehe mich eher als Vermittlerin.“ Das große Interesse von damals beschert ihr heute einen vergleichsweise geräumigen Arbeitsplatz in einem Gebäude, das aus allen Nähten platzt.

"Von Bußgeld bis Mord"

Sämtliche Strafsachen des Berliner Landgerichts werden hier verhandelt, dazu alle Strafsachen der Berliner Amtsgerichte, also „vom Bußgeld bis zum Mord“, erklärt die Sprecherin, die selbst Richterin ist. Dabei sei „Kriminalgericht“ kein juristischer Begriff, sagt Jani. Ein Blick auf die Bodenfliesen in der Eingangshalle gibt einen Hinweis auf die Namensherkunft: Die rotbraunen Vierecke zieren die Insignien KCG, „Königliches Criminalgericht“.

Täglich laufen durchschnittlich 1500 Besucher über diese Relikte aus wilhelminischer Zeit, denn trotz individueller Verhandlungssachen ist das Gericht ein öffentlicher Ort. Bis auf wenige Ausnahmen, bei Jugendstrafsachen etwa, stehen die Prozesse Besuchern offen. Die ersten Verhandlungen beginnen um 9 Uhr, ein Plan am Eingang verrät, was ansteht. Fälle, für die erhöhte Sicherheitsvorkehrungen notwendig sind, werden im Saal 500 verhandelt. Eine kleine Eule thront auf der Türklinke – zusammen mit Athene auf dem Deckenfresko im Inneren des Saales steht sie für Weisheit und die Fähigkeit, Licht ins Dunkel zu bringen.

Rocker vor Gericht

Die zehn angeklagten Rocker der Hells Angels, die sich hier an einem Donnerstag im September wegen Mordes verantworten müssen, zeigen sich unbeeindruckt. Hinter Panzerglas folgen sie mehr oder weniger aufmerksam der Zeugenbefragung durch Richter Thomas Groß, der den Prozess seit Beginn im November 2014 führt. Akribisch prüft er kleinste Zusammenhänge, um zu verifizieren, was Ermittlungsakten und Gutachten über Täter und Tat, die schon Jahre zurückliegt, darlegen. Für ihn und seine zwei Beisitzer, die Staatsanwälte und Schöffen eine lebensfüllende Aufgabe: Mehr als 170 Verhandlungstage sind bereits vergangen, und noch immer gibt es viele Unklarheiten um den Mord an Tahir Ö. in einem Reinickendorfer Wettbüro.

Die Zeugenbefragung eines Polizeibeamten läuft zäh an diesem Morgen. Immer wieder geht es darum, warum der V-Mann-Führer den Namen eines Verdächtigen in einem Bericht so und in einem anderen anders geschrieben hat. Ein Detail, das wichtig zu sein scheint und viel über die Leistungsgrenzen der ermittelnden Beamten aussagt. Vor dem Richtertisch sitzt eine Schar von aufmerksam dreinblickenden Anwälten, darunter die besten der Stadt. Das Gleichgewicht zwischen Anklage und Verteidigung ist, rein nominell, nicht ausgewogen in diesem Prozess. Große, kräftige Männer mit tätowierten Armen betreten die Besucherreihen durch einen separaten Eingang am hinteren Ende des Saals. Sie begrüßen sich mit Handschlag und nicken den Angeklagten zu, von denen einer im gläsernen Käfig Zeitung liest, ein anderer mit geschlossenen Augen vor sich hin döst. Alltag im Kriminalgericht, in dem Recht und Unrecht nah beieinanderliegen.

Besuch im Gericht

Das Kriminalgericht Moabit in der Turmstraße 91 ist montags bis freitags ab 8 Uhr bis zum Ende der öffentlichen Hauptverhandlungen für Besucher zugänglich (Ausweis erforderlich). Gerichtstermine hängen vor Ort aus, eine Auswahl der Verhandlungstermine wird täglich im Checkpoint-Newsletter von Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt veröffentlicht. Im fünften Stock können Besucher im Café Vielfalt die Freiheit genießen – kalte und warme Speisen gibt es dort auch.

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