Das türkische Generalkonsulat in Charlottenburg. Seit rund 50 Jahren schickt die Türkei Lehrer nach Deutschland. Foto: Thilo Rückeisp

Konsulatsunterricht in Deutschland "Die Türkei indoktriniert unsere Kinder"

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Nicht nur Muttersprache und Heimatkunde: Der Lehrplan des türkischen Konsulatsunterrichts belegt, dass die Schüler politisch und religiös beeinflusst werden. Die Berliner Bildungspolitikerin Maja Lasic ist besorgt.

Weltanschauliche Neutralität sieht anders aus: Die Liebe zur Türkei und der Glaube an Allah sind feste Zielvorgaben des türkischen Konsulatsunterrichts. Dies belegt der aktuelle Lehrplan für Berlin, der dem Tagesspiegel vorliegt und nach dem auch in anderen Bundesländern unterrichtet wird. Die Lehrplanvorgaben zielen über weite Passagen auf religiöse Erziehung und den Stolz auf die Nation. Somit hält sich die Türkei nicht an die bilateralen Abmachungen, wonach sich der Unterricht auf Heimatkunde und den Erwerb der Muttersprache beschränken soll. Die SPD kritisiert das scharf.

"Besorgniserregend und nicht hinnehmbar"

„Die im Lehrplan enthaltenen Inhalte sind mehr als besorgniserregend und für uns nicht hinnehmbar“, sagte am Donnerstag die bildungspolitische Sprecherin der Berliner SPD-Fraktion, Maja Lasic. Daher sei es „wichtig und richtig“, dass die Senatsverwaltung für Bildung Nachbesserungen einfordere. Allerdings ist die Abgeordnete „skeptisch, ob die Nachbesserungen Früchte tragen werden angesichts der aktuellen Entwicklungen der Lehrpläne in der Türkei selbst“.

Daher komme es darauf an, dass der im Koalitionsvertrag enthaltene Ausbau staatlicher muttersprachlicher Angebote rasch erfolge, fordert Lasic. Die „einzige richtige Lösung“ bestehe darin, eigene Angebote in verschiedenen Herkunftssprachen zu stärken und nicht zuzulassen, „dass Regierungen anderer Länder unsere Kinder indoktrinieren“.

Bundesweit besuchen 30.000 Kinder den Konsulatsunterricht

Der türkische Lehrplan, nach dem in Berlin rund 3.000 und bundesweit geschätzt mehr als 30.000 Kinder unterrichtet werden, steigt gleich damit ein, dass die Bedeutung von „nationalen und religiösen Feiertagen“ hervorgehoben wird. Weiter wird wie selbstverständlich vermittelt, dass Gott alles erschaffen habe. Bekenntinsneutralität sieht anders aus. An anderer Stelle sollen die Schüler einen eigenen Gebetstext erstellen.

Zudem geht es um „moralische Erziehung“, um den Propheten Mohammed, Ramadan und darum, sich mit Suren aus dem Koran zu beschäftigen. Übertitelt ist das mit der Zeile „Ich kenne meine Religion“. Später geht es um „Reinheit im Islam“ und immer wieder um das Beten.

Türkische Botschaft ignoriert Anfrage

Die türkische Botschaft hatte die Bitte des Tagesspiegels, den Lehrplan ausgehändigt zu bekommen, seit Montag ignoriert. Zuvor hatte Botschaftsrat Cemal Yildiz mitgeteilt, dass der Lehrplan „nach unserer Auffassung keine religiösen und nationalistischen Inhalte enthält“. Dem war vorangegangen, dass Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses den Lehrplan als „deutlich religiös und deutlich nationalistisch“ beschrieben hatte. Rackles äußerte sich auf Anfrage von Lasic, die den Lehrplan schließlich selbst in Augenschein genommen und dem Tagesspiegel zur Verfügung gestellt hatte.

Dem Vernehmen nach ist der Lehrplan noch nahezu derselbe wie im Jahr 2009, als die Bildungsbehörde schon einmal Kritik geäußert hatte. Die türkische Seite hatte diese Kritik offenbar nicht zum Anlass genommen, die geforderten Änderungen vorzunehmen. Der Senat hakte nicht nach.

Kritik ist bekannt

Ähnlich verhielten sich auch Bundesländer wie Hamburg, Bremen, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Es ist jedenfalls nicht bekannt geworden, dass sich die Kultusverwaltungen mit der staatlichen türkischen Beeinflussung ihrer Kinder in hunderten öffentlichen deutschen Schulen beschäftigt hätten.

Geändert hat sich diese Haltung erst seit Beginn des Jahres 2017, als immer mehr Berichte über Verhaftungen oder Suspendierungen Andersdenkender in der Türkei sowie über Bespitzelungen von Erdogan-Kritikern in Deutschland bekannt wurden. Wie berichtet, hat die Kultusministerkonferenz das Thema auf Betreiben Baden-Württembergs, das rund 24.000 Konsulatsschüler hat, am 12. Oktober auf der Tagesordnung.

Eigene Lehrer fehlen

Allerdings stehen alle acht Bundesländer, die vom Konsulatsunterricht der Türkei betroffen sind, vor dem Problem, dass sie nicht genügend eigene Lehrer haben, die den Türkischunterricht übernehmen könnten. Selbst Berlin – mit dem größten türkischen Bevölkerungsanteil – bietet kein Studium für Türkisch als Lehramt an. Daher will die Bildungsverwaltung jetzt versuchen, mithilfe von Volkshochschulkräften eigene Angebote aufzubauen. Das hatte auch der Bezirk Neukölln vorgeschlagen. Denn als ausgeschlossen gilt, dass der Konsulatsunterricht ad hoc ersatzlos gestrichen werden könnte, da viele Familien auf die muttersprachliche Ausbildung ihrer Kinder wert legen.

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