Unter türkischer Flagge. Nicht nur am Auto, sondern auch im Unterricht, wenn es nach den Anhängern des Konsulatsunterrichts geht. Foto: imago/Seeliger
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Konsulatsunterricht in Berlin Türkei lehrt auch an Oberschulen

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Über die Teilnahmerzahlen am Konsulatsunterricht gibt es widersprüchliche Angaben. Die Fakten kommen nur schleppend ans Licht.

Die Verbreitung des umstrittenen Konsulatsunterrichts in den Berliner Schulen bleibt noch bis Ende November im Dunkeln: Die Bildungsverwaltung konnte auf Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck keine konkreten Angaben darüber machen, wie viele Schüler an welchen Schulen und in welchen Sprachen aktuell unterrichtet werden.

Unvollständig blieben auch die Angaben zur Zahl der Schulen, die involviert sind: Aus Spandau, Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln erfolgten auf die jüngste Rundfrage „keine Rückmeldungen“, wie Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD) dem Abgeordneten mitteilte. Von den Bezirken, die antworteten, liegen Mitte und Reinickendorf mit 18 Schulen an der Spitze, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf (zehn Schulen), Friedrichshain-Kreuzberg (neun) sowie Treptow-Köpenick (zwei).

Drei Bezirke ohne Konsulatsunterricht

In Pankow, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg findet kein Konsulatsunterricht statt. Meist handelt es sich um Türkisch-Angebote. Vereinzelte Räume werden vom kroatischen Konsulat genutzt. Polnischen Konsulatsunterricht gibt es an einem Gymnasium in Friedrichshain-Kreuzberg, während sich die übrigen Angebote überwiegend auf Grundschulen konzentrieren – auch das belegen die Antworten auf Langenbrincks Anfrage, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Eine detaillierte Auflistung aller betroffenen Schulen gibt es bislang nur für Mitte. Demnach unterrichten die Konsulatslehrer in den meisten Schulen einmal wöchentlich bis zu 6,5 Stunden. Nicht bekannt war bisher, dass vereinzelt auch an Sekundarschulen der türkische Konsulatsunterricht angeboten wird. Dies betrifft etwa die Willy-Brandt-Schule in Gesundbrunnen - zumindest steht sie auf der Liste der Schulen, an denen die Türkei dieses Jahr abermals tätig werden wollte.

Je nach Schule bis zu 6,5 Stunden pro Woche

Für die Schulen mit mehrstündiger Präsenz des Konsulats hatte der Bezirk bei einem Stundensatz von 9,50 Euro Kosten von jährlich über 2000 Euro errechnet, in anderen Schulen summieren sich die Kosten nur auf rund 1000 Euro. Insgesamt belaufen sich die Mietforderungen in Mitte auf über 27 000 Euro.

Wie berichtet, hatte der Bezirks 2015 beschlossen, zur Senkung des Bezirksdefizits von der Botschaft Miete zu fordern. Allerdings verzichtete Mitte zunächst – offenbar wegen Personalknappheit – darauf, die Mietforderungen durchzusetzen, was dann erst im Sommer 2017 geschah. In der Folge kam der Unterricht in Mitte zum Erliegen, weil der türkische Staat bisher nicht auf die Mietforderungen einging.

Eine ausweichende Antwort des Staatssekretärs

Auf Langenbrincks Frage, ob der Senat die Mietforderung generell für richtig hält, antwortete Rackles ausweichend, dass der „offensichtliche Bedarf“ am türkischen Sprachunterricht gedeckt werden müsse, wenn man Mehrsprachigkeit fördern wolle.

Allerdings hatte Rackles erst kürzlich im Schulausschuss kritisiert, dass das türkische Curriculum – anders als zwischenstaatlich abgemacht - „eindeutig religiöse und eindeutig nationalistische“ Inhalte habe. Um von dieser Art Unterricht unabhängig zu werden, will die Bildungsverwaltung zusammen mit den Bezirken ab Februar dem Konsulatsunterricht eigene Angebote entgegensetzen.

Lasic: "Kein politische Tauziehen"

Die SPD-Bildungsexpertin Maja Lasic hält es für richtig, wenn die Bezirke den Konsulatsunterricht so lange mietfrei die Räume nutzen lassen, bis die geplanten Alternativangebote organisiert sind: „Die Zeiträume sind überschaubar und eignen sich nicht für politisches Tauziehen auf Kosten der betroffenen Familien“, meint Lasic.

Zudem dürfte die türkische Seite das Curriculum inzwischen entschärft haben. Dies hatte sie jedenfalls angekündigt, nachdem die Bildungsverwaltung die Inhalte kritisiert hatte. Allerdings ist das Curriculum in manchen anderen Bundesländern im Einsatz. Die Kultusministerkonferenz will dennoch erstmal nichts unternehmen.

Allein in Baden-Württemberg nehmen rund 24.000 Schüler am Konsulatsunterricht teil - rund die Hälfte aller Schüler, die bundesweit das Angebot der Türkei wahrnehmen. Die genauen Teilnehmerzahlen für Berlin sind nicht bekannt - sie schwanken zwischen 2300 und 4000. Die höheren Zahlen stammen von türkischer Seite, die niedrigen Zahlen von der Bildungsverwaltung.

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