Das türkische Generalkonsulat in Charlottenburg. Seit rund 50 Jahren schickt die Türkei Lehrer nach Deutschland. Foto: Thilo Rückeisp

Konsulatsunterricht außer Kontrolle Die Türkei bezahlt - und kann bestimmen

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Der Unterricht durch türkische Lehrer galt vielen Bundesländern als attraktives Sparmodell. Jetzt müssen sie dafür bezahlen. Ein Kommentar.

"Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, scheint die Devise deutscher Kultusminister zu sein – zumindest in Bezug auf den Konsulatsunterricht der Türkei. Jahrzehntelang haben sie sich kaum dafür interessiert, dass ganze Generationen türkischstämmiger Kinder in öffentlichen deutschen Schulen im Sinne Ankaras beeinflusst wurden. Und sie wollten auch nicht wissen, dass dort – gewissermaßen inkognito – eine Art islamischer Religionsunterricht stattfand.

Selbst als sich Recep Tayyip Erdogan seit 2011 immer weiter von demokratischen Grundsätzen entfernte, wurde offenbar kaum ein Schulaufsichtsbeamter misstrauisch, und auch nach den Massenverhaftungen infolge des Putschversuchs 2016 blieben die betroffenen Kultusminister auffällig unauffällig. Aus Hamburg hieß es gar, dass der Unterricht „nichts mit dem staatlichen Schulwesen zu tun“ habe; man sich also nicht zu interessieren brauche.

Den Unterricht erteilen staatliche türkische Lehrer

Dabei hätte es schon früher Anlass gegeben, kritisch nachzufragen, was im Konsulatsunterricht passiert. Denn eines war immer bekannt: Bei den Konsulatslehrern handelt es sich ausnahmslos um staatliche türkische Lehrer, die alle fünf Jahre ausgetauscht werden. Welche Art von Pädagogen nach Deutschland geschickt werden, seitdem Erdogan sein Land in ein islamisches Staatswesen verwandelt, ist leicht vorstellbar.

Es darf aber der Politik nicht egal sein, wenn Woche für Woche zehntausende Schüler in Deutschland von der Türkei indoktriniert werden. Das türkische Bildungsministerium musste sich noch nicht einmal die Mühe machen, den Lehrplan à la Erdogan umzuschreiben, denn der Plan kreiste schon vorher um Vaterlandsliebe und die Bedeutung des islamischen Glaubens, obwohl eigentlich nur die türkische Sprache und Heimatkunde vermitteln werden sollen.

Einige Länder beschritten einen anderen Weg

Die meisten deutschen Kultusminister wollten all dies nicht wirklich wissen. Dabei geht es auch ganz anders, wie etwa Rheinland-Pfalz vorgemacht hat: Die Landesregierung widerstand von Anfang an der Versuchung, den geschenkten Gaul anzunehmen, und war stattdessen bereit, muttersprachlichen Unterricht zu finanzieren. Auch Niedersachsen kommt ohne Konsulatsunterricht aus.

Diesen Weg sollten jetzt auch die anderen Bundesländer gehen. In zwei Wochen haben die Kultusminister das Thema auf der Agenda. Es kann sein, dass sie versuchen werden, das Problem kleinzureden, weil sie keine eigenen Lehrer haben, die das Konsulatsangebot ersetzen könnten. Aber vielleicht gelingt den Kultusministern ja auch eine Überraschung in Form eines Bekenntnisses – zu einer forcierten Ausbildung staatlicher deutscher Türkischlehrer.

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