Schau mir in die Augen. Und schon weiß man, warum dieses Tier aus der Zucht von Karl-Heinz Heitz ein Hermelin Blau ist. Foto: Thilo Rückeisp

Kaninchen in Berlin Der Züchter: Das Raubtier im Hasenstall

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Januar 2015: Der Papst sagt, Katholiken müssten sich nicht vermehren "wie Karnickel". Bereits im Frühjahr 2013 recherchierte Lucas Vogelsang, wie Berliner Kaninchen und ihre Züchter wirklich ticken. Lesen Sie hier seine Reportage!

Wir müssen auch unbedingt etwas über Kaninchenzüchter machen. Es ist ein Satz, von dem ich nicht mehr gedacht habe, dass ich ihn jemals hören würde. Nicht hier, er passt nicht nach Berlin, wo der Kaninchenzüchter, sein Nachrichtengehalt gering, bestenfalls Stadtranderscheinung, im medialen Wahrnehmungsschatten kauert. Verschwunden, vergessen hinter dem ständigen Rauschen aus S-Bahn-Pannen, Großbaustellen-Comedy und Piraten in Latzhosen.
Es ist deshalb vielmehr ein Lokalzeitungssatz, mit dem im deutschen Journalismus viele Karrieren begonnen haben, weil der Bericht aus dem Kleintierkosmos hier zum Handwerk gehört. Schwarzbrot nennt das der Journalist. Eine Pflicht, von älteren Redakteuren, die vor Jahrzehnten ihrerseits von noch älteren Redakteuren zu Rammlerschauen in Turnhallen geschickt wurden, an Praktikanten und Volontäre weitergereicht. Und doch ist es mehr, die Suche nach dem Fremden im Naheliegenden.
Henri Nannen, der Gründer des „Stern“, sagte einmal über seinen Freund, den Reporter Günter Dahl: „Er ist einer, der weiß, dass auf einem Quadratmeter Schrebergarten mehr Wunder zu erleben sind, als mancher Reporter auf einem Kontinent findet.“ Den Kaninchenzüchtern begegnet man genau dort, auf diesem einen Quadratmeter Schrebergarten. In einer Welt, seltsam vertraut und doch wundersam exotisch, in der Bräuche gepflegt und Traditionen aufrechterhalten werden.
Warum das nicht auch mal, aus gegebenem Anlass, Ostern vor der Tür, in Berlin machen. Zu den Kaninchenzüchtern gehen, die es natürlich auch hier gibt, weil diese Stadt ja viel dörflicher, jägerzäuniger ist, als sich das viele gemeinhin eingestehen möchten. Also kam dieser Satz doch noch zu mir. Klarer Auftrag: Folge dem Kaninchen, lass dich kopfüber fallen, hinein ins Wunderland.
Es beginnt außerhalb des S-Bahnrings. Charlottenburg, fast schon Spandau. Wer sich als Ahnungsloser Zutritt verschaffen will zu einem Raum voller Fremder, braucht einen, der die Tür aufhält. Karl-Heinz Heitz, 66 Jahre alt, ist dieser Jemand. Selbst auch Züchter, kümmert er sich als Vorsitzender des Landesverbandes Berlin-Mark Brandenburg vor allem um die Verwaltung. Gute, alte Bürokratie, sagt er. In einer Welt aus Zucht und Ordnung ist Karl-Heinz Heitz die Ordnung.

Ein Mann und sein Hase. Karl-Heinz Heitz züchtet unter anderem die Rasse Kleinsilber, graubraun. Foto: Thilo Rückeisp

Er, Rentner, die Kinder lange aus dem Haus, hat gerade etwas mehr Zeit als sonst. In seinem Stall ist noch Winterpause, die Nester sind leer. Heitz züchtet Hermelin Blauaugen, die haben zu dieser Jahreszeit noch nicht geworfen. Beste Voraussetzungen, um mal ein paar grundlegende Dinge zu klären: Warum machen Sie das eigentlich, Herr Heitz? Leichtes Kopfwiegen. Ja, warum eigentlich. „Jeder Züchter kommt ja anders zum Tier“, sagt er. Bei ihm war es die Tochter, das Kaninchen ein Geschenk. Eine Überraschung. „Damit fing es an. Da war erst eines da, dann waren es zwei. Und dann ist das alles aus dem Ruder gelaufen.“ Heitz lacht. Und erinnert sich an seine erste Sitzung, als er, der nie in einen Verein wollte, obwohl schon seine Großmutter Züchterin gewesen war, plötzlich mittendrin war. „Mein erster Gedanke war: Wo bin ich hier nur hingeraten? Das war nicht meine Welt.“ Nach dem Ende der Versammlung fuhr er sofort nach Hause zu seiner Frau, zeigte ihr, sich, dieser Welt den Vogel, ging schlafen, war sich sicher: Da gehe ich nie wieder hin, und ging natürlich wieder hin – und fand sich nach und nach besser zurecht in einer Welt, die sich ihrerseits veränderte. „Früher wurde viel mehr gesoffen“, erzählt Heitz jetzt, „wenn ich allein in meine alten Unterlagen schaue, da gab es Sitzungen, die wurden um 22 Uhr geschlossen und um ein Uhr nachts wieder eröffnet, weil irgendjemand festgestellt hatte, dass der erste Vorsitzende nicht mittrinkt. Da haben sie ihn abgewählt.“ Kann man sich ja ganz gut vorstellen, die klassische Vereinsmeierei, zu der die Satzung genauso gehört wie das Herrengedeck danach. Mit dem Kaninchen als Legitimation für den geordneten Vollrausch. Geselligkeit, sagen dann jene, die dabei waren, und wischen sich mit dem Hemdsärmel über den Volksmund. Lange her. „Heute steht das Kaninchen im Vordergrund. Die Hege und Pflege des Tieres.“ Und der Wettbewerbsgedanke, die Schauen, die Preise: „Da möchte man schon vorne mit dabei sein.“ Verständlich. Und wie weit ist er, Karl-Heinz Heitz, vorn mit dabei? Er lächelt. „Na, eigentlich nicht so.“ Für ihn ist das dann doch mehr Zeitvertreib. „Wenn Sie über die Zucht sprechen wollen, müssen Sie nach Rudow fahren, zu Manfred Möglich“, sagt er deshalb nun. „Der kann Ihnen da was erzählen.“

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