Neue Kämpfe. Wo früher schon Musik in der Luft lag, will der gebürtige Berliner Dirk Moritz wieder Platz für Konzerte schaffen. Foto: Thilo Rückeis
p

Immobilien Ex-Profiboxer mischt Berlins Baulandschaft auf

Johannes Drosdowski
5 Kommentare

Der einstige Boxer Dirk Moritz hat sich auf schwierige Bauprojekte spezialisiert. In Mitte will er einen Festsaal aus den zwanziger Jahren neu beleben.

Dirk Moritz hat schon viele Preise bekommen. Mit zwölf Jahren begann er seine Boxkarriere, wurde später mehrmals Berliner Meister und DDR-Studentenmeister. Seit ein paar Jahren bekommt er andere Preise. Sie sind Anerkennungen aus einer Szene, aus der er eigentlich gar nicht kommt, die ihn aber trotzdem feiert: die Immobilienbranche.

Der 55-Jährige war nicht nur Boxer, sondern auch KFZ-Mechaniker, studierte Sportwissenschaften und arbeitete als Trainer und Talentscout. „Vielleicht würde ich das heute noch machen“, erzählt er im Treppenhaus seines neuen Projektes, dem Secret Garden Berlin in der Gartenstraße in Mitte. Aber das Konzept von Leistungssport, das sich nach dem Mauerfall entwickelt habe, sei nicht seins.

1991 hängte er die Boxhandschuhe an den Nagel. „Außerdem war ich 27 und die Welt wurde plötzlich so viel größer. Da habe ich überlegt, ob ich nicht auch etwas anderes machen könnte als nur Sport.“ Er begann, für Schultheiss Bier an West-Berliner Warenhäuser zu verkaufen.

Schließlich fand Moritz eine Dienstleistungslücke: Seit 25 Jahren finanzieren er und sein Team sogenannte mobile Wirtschaftsgüter. „Vom Baukran bis zum Zahnarztstuhl, vom Pflegebett bis zum Blockheizkraftwerk.“ Auch die Technik im Theater des Westens gehört dazu.

Auch Gebäude können Talent haben

Moritz streichelt die staubigen Verzierungen des restaurierten Treppengeländers, von oben dröhnt Baulärm herunter. In die Immobilienbranche sei er einfach so reingerutscht. Mit Mitte vierzig zog er, aufgewachsen in Prenzlauer Berg, nach London. Dort habe er mit vielen Menschen geredet, Fragen gestellt. „So habe ich Dinge mitgenommen, die mir dann bei meinem ersten Projekt geholfen haben: Kunst, Architektur, Internationalität.“

Dieses erste Projekt war das Umspannwerk in der Prenzlauer Allee 33. Für Vattenfall plante er den Umbau zum Wohnhaus, setzte sich mit Denkmalschutz und Baurecht auseinander. Danach machte er sich an die alte Zuckerfabrik in Alt-Hohenschönhausen. Er mag Gebäude, an denen andere scheitern.

Der Box-Trainer Dirk Moritz war spezialisiert auf Talentsuche. „Ich musste Entscheidungen treffen: Kann dieser 13-Jährige die Fähigkeiten ausbilden, die es braucht, um in acht Jahren zu den Olympischen Spielen zu fahren?“ Auch Gebäude können Talent haben. Moritz sagt, er gehe Risiken ein, die andere nicht eingehen, sehe neue Chancen.

Konzerte, Show-Küche und ein Penthouse unterm Dach

Eine Eigenschaft, die er auch von Secret Garden erwartet, und auf die er es „hintrainiert“. Das Gebäude hat Potenzial. 1904 wurde es von der Baufirma Oscar Garbe, verantwortlich auch für die Friedrichshainer Samariterkirche, erbaut. Bis 1934 betrieben unterschiedliche Unternehmen die Festsäle. Das Gebäude war voller Leben und Musik, dann geriet es in Vergessenheit.

Jetzt baut Moritz es zu einem Multifunktionshaus um. Veranstaltungen aller Art sollen dort stattfinden, Lesungen, Produktvorstellungen, Konzerte, sogar Show-Küche sei dort möglich. Über Rockstars und Models als Gäste freut sich Moritz, einem Online-Casino-Betreiber hat er kürzlich abgesagt, damit will er lieber nichts zu tun haben. Unterm Dach entsteht ein Penthouse.

„Wir sind nicht das neue Berghain, kein Restaurant und keine Galeriefläche. Aber irgendwie sind wir es dann doch immer wieder.“ Moritz sagt „wir“, wenn er vom Gebäude spricht.

Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen, als er das Haus im November 2008 fand. Eigentlich wollte er mit seiner ältesten Tochter zum Schwimmen ins benachbarte Stadtbad. „Wie von Geisterhand geht dieses Stahltor auf und zieht mich rein“, schildert er den Abend. „Ohne Grund.“

Wiederholt, als könne er es selbst jetzt noch nicht glauben: „Ohne Grund.“ Während er von der Entdeckung spricht, gestikuliert er wild, greift mit den Händen in den imaginären Hof, den er betreten hat. Er erzählt die Geschichte gerne – und sicher nicht zum ersten Mal. „Am 29. April 2011 um 16.05 Uhr habe ich das Haus endlich gekauft.“

"Berlin muss sich mit London und New York messen"

Inzwischen ist er angekommen im zweiten Stock, dem großen Tanzsaal. Über dunkler Wandvertäfelung beginnt rotbrauner, bröckeliger Ocker und ein Gemälde mit einer Venus, von Engeln umgeben – der Frühling. Zweieinhalb Jahre lang wurde das Kunstwerk in Weißensee restauriert. Moritz sagt, er achte darauf, dass alle Firmen, die er beschäftigt, das Ziel des Projektes „emotional verstehen“.

Für den Secret Garden hat Moritz viele Wünsche: Das Projekt soll die Nachbarschaft einbinden, öffentlich sein, aber nicht zu alternativ. Es soll Konzerte geben und Wohnfläche. Aber über allem – und hier fließen die Ziele zusammen – soll es zukunftsfähig sein und die Stadt voranbringen.

An solchen Vorhaben, meint Dirk Moritz, mangele es momentan. „Berlin, das hat sich nicht mit Dortmund zu messen, sondern mit London und New York. Was machen wir, wenn in zehn Jahren noch immer nichts Neues in der Stadt entstanden ist?“

Gebäude seien für ihn wie Smartphones: Sie hätten viele Zwecke, die alle nebeneinander existieren und sich weiterentwickeln können. „Wir wollen der Branche zeigen, dass nicht an jeder Ecke der gleiche Einheitsbrei entstehen muss.“

Eine Niederlage in Alt-Hohenschönhausen

Mit diesem Konzept hat Dirk Moritz Erfolg, sein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren bereits 13 internationale Preise für Bauvorhaben gewonnen. Doch mit dem Außergewöhnlichen kann nicht nur der gesellschaftliche und finanzielle Gewinn steigen, sondern auch das Risiko.

Drei Hochhäuser wollte Moritz für sein Großprojekt „The Square“ in Alt-Hohenschönhausen bauen, direkt neben dem Sportforum. Wie ein Siegerpodest sollten sie aussehen, Wohnen und Gewerbe nachhaltig verbinden. Dann scheiterte das Projekt.

Seit 2012 hatte Moritz daran gearbeitet, verschiedene Investoren wollten es kaufen. „Kurz bevor es losgehen sollte, wollten die Grundstückseigentümer plötzlich nicht mehr verkaufen.“ Obwohl der Plan diverse internationale Auszeichnungen erhalten hatte und das Viertel einer neuen Zeit entgegenführen sollte.

Beim Secret Garden ist die Moritz Gruppe Miteigentümer. „Wir können unsere Vision komplett umsetzen“, schwärmt Dirk Moritz. Ebenso beim nächsten Projekt, das seit 2014 in Arbeit ist: Ein altes Künstlerhaus in London, direkt am Wolkenkratzer „The Shard“. 3000 Interessierte hätten sich das Haus bereits angeschaut gehabt, bevor Moritz es fand.

Niemand habe das Verkäuferehepaar überzeugen können. „Und dann bin ich gekommen.“ Moritz denkt, dass es an der Art und Weise liegt, wie er vorgeht, wie er es auch beim Secret Garden macht: Restauration, Leidenschaft und Vision. In London machen Bauarbeiter gerade die letzten Handgriffe.

Mehr zu Mitte