Eingang zur Hofschmiede auf der Domäne Dahlem. Foto: Anett Kirchnerp

Historische Hofschmiede Dahlem "Der Hammer und ich, wir verstehen uns"

Anett Kirchner
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Kunstschmied Torsten Thell arbeitet vornehmlich mit historischen Techniken und versucht auf neuzeitliche Methoden zu verzichten. Ein Besuch in der Hofschmiede.

„Gehen Sie schon mal hinein, drücken einfach kurz auf den Türdrücker“, bittet Torsten Theel, der noch im Gespräch ist. Nicht zufällig sagt er das, denn er kennt die Reaktionen der Menschen, die ihn besuchen, weiß um den Zauber seiner Werkstatt: der Hofschmiede auf dem Gelände der Domäne Dahlem. Klack. Das grüne Holztor öffnet sich. Dahinter: eine aus der Zeit gefallene Welt, die zum Staunen einlädt. Vor allem der Schmiederaum im hinteren Teil. Hier schafft es nur wenig Tageslicht durch die milchglasigen Fenster. Es ist dunstig, sehr warm und riecht nach verbrannter Kohle. In der Mitte zwei Ambosse, Hämmer und Zangen liegen bereit. Das Herzstück bildet eine Feuerstelle. Fachleute nennen sie Esse, doch für den Laien sieht es wie ein Kamin aus.

Das Feuer brennt hier den ganzen Tag; mal mehr, mal weniger, erläutert Torsten Theel, der jetzt hinzugekommen ist. Im Moment schwelt es, kleine Rauchwolken steigen auf. Mit einem Handgriff steuert der Schmied die Windzufuhr. Innerhalb von Sekunden lodern die Flammen. Es braucht um die 1300 Grad, damit das Metall so weich wird, dass es geschmiedet werden kann. „Dafür brauche ich Steinkohle“, erzählt er und sogleich bilden sich Sorgenfalten auf seiner Stirn. Denn wenn eines Tages aus ökologischen Gründen Steinkohle verboten würde, habe er ein großes Problem, bräuchte dann eine Ausnahmegenehmigung. Sonst könne das, was er hier zu bewahren versucht, verloren gehen.

Hämmer spielen sowieso eine bedeutende Rolle in diesem Handwerk. Foto: Anett Kirchnerp

Historische Technicken

Torsten Theel und sein Team der Hofschmiede Dahlem arbeiten vornehmlich mit historischen Techniken. Sie wollen ihr Wissen um das alte Schmiedehandwerk an die nächste Generation weitergeben, damit sie Zusammenhänge besser verstehen lernt. Stichwort Wegwerfgesellschaft: Torsten Theel ärgert sich, wenn Kollegen beispielsweise kaputte Schmiedewerkzeuge, etwa einen abgebrochenen Meißel, wegwerfen. „Wir packen den ins Feuer, schmieden ihn aus und härten ihn wieder.“ Er kaufe doch keinen neuen Meißel, so ein Unsinn, er sei schließlich Schmied.

Denn das Herstellen von Werkzeugen gehörte einst zu den wesentlichen Arbeiten dieses Berufes. Außerdem stellte ein Schmied früher etwa Radringe für Pferdegespanne, Zäune, Hufeisen oder Beschläge her. Teilweise ist das heute noch so. Zum Beispiel sämtliche Türbeschläge und -griffe auf der Domäne Dahlem stammen aus der Hofschmiede. Eine der historischen Techniken, von denen er spricht, ist zum Beispiel das Feuerschweißen. Dabei werden zwei verschiedene Stahlteile stark erhitzt und anschließend durch Hammerschläge miteinander verbunden.

Torsten Theel, Metallgestalter und Kunstschmied. Foto: Anett Kirchnerp

Hämmer spielen sowieso eine bedeutende Rolle in diesem Handwerk. Es gibt hunderte verschiedene Formen, Größen und Arten. Allein circa 150 Hämmer hat Torsten Theel in seiner Werkstatt. Sein Lieblingsstück ist ein zwei Kilogramm

schwerer Hammer aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, den er von einem befreundeten, alten Schmied geerbt hat. Der Erzählung nach sei der Hammer aus einer Schiene der königlich-preußischen Eisenbahn geschmiedet worden. „Der Hammer und ich, wir verstehen uns“, sagt er und meint es gewiss nicht lustig, denn er verzieht dabei keine Mine.

Nicht lustig ist es offenbar auch, mit einem solchen alten Handwerk finanziell um die Runden zu kommen. „Viele stellen es sich romantisch vor, dass wir hier arbeiten wie vor 100 Jahren, aber am Ende sitzt auch uns die Effizienz im Nacken“, beschreibt der 58-Jährige. Deswegen bilde das klassische Schmieden auch nur einen Teil seiner Arbeit.

Mehr Künstler als Handwerker

Torsten Theel, der in Leipzig geboren, aber im ehemaligen Ost-Berlin aufgewachsen ist, hat ursprünglich Bauschlosser mit der Zusatzausbildung Metallgestaltung gelernt. Sein Lehrmeister war Achim Kühn, ein bekannter Metallbildhauer und Kunstschmied. Ende der 1970er Jahre machte er noch seinen Meister und arbeitete dann im Kollegium Bildender Künstler mit Rüdiger Roehl und Jan Skuin.

Seine Werkstatt auf dem Gelände der Domäne Dahlem gründete Torsten Theel 1990. Hier hat er zwei Mitarbeiter, davon einen Auszubildenden und es gibt inzwischen auch noch eine zweite Werkstatt auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf. Er selbst sieht sich weniger als Handwerker denn als Künstler. Seine Berufung ist deswegen vor allem die Schmiedekunst und Metallgestaltung, wie er sagt. Beispielsweise kreiert er Tischgestelle, Gitter an Fenstern, Waschbecken, individuelle Zäune oder Handläufe von Geländern. Seine Inspiration findet er oft in der Natur.

Schmiederaum: Es ist dunstig, sehr warm und riecht nach verbrannter Kohle. Foto: p

Aus einem schroffen Material wie Stahl etwas weiches, lebendig Wirkendes zu schaffen, das treibt ihn an. Derzeit arbeitet er an einem Fenstergitter im floralen Ast-Design, bei dem die Oberfläche des Stahles eine borkige Textur bekommen soll. Das Werkstück ist für eine Landhaus-Villa in Zürich in der Schweiz gedacht. Und auch Skulpturen und Plastiken entstehen in seiner Werkstatt. Im Herrenhaus der Domäne Dahlem wird es ab dem 29. Juli eine Ausstellung mit Metall-Skulpturen geben, bei dem Torsten Theel selbst und einige seiner Weggefährten ihre Werkstücke zeigen.

Bei all dem, was er in seiner Hofschmiede entwirft und handwerklich umsetzt, das Maß aller Dinge bleibt, ob es sich mit einer historischen Technik vereinbaren lässt. Nur selten, wenn es wirtschaftlich nicht anders geht, kombiniert er seine Arbeit mit neuzeitlichen Methoden. Denn er sagt: das Verhalten und die Eigenschaften eines Materials kann man nur begreifen, wenn man es manuell, also mit eigener Kraft bearbeitet. Dabei entwickle sich so eine Art persönliche Beziehung zu dem Werkstück. Etwas, worauf man stolz sein kann. Und das sei ein emotionaler Unterschied zu einer mit Hochtechnologie gefertigten Arbeit.

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