Babylon. Eine Zeitreise ins Berlin der Goldenen Zwanziger. Foto: obsp

Hinter den Kulissen Als Laiendarsteller bei „Babylon Berlin“

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Haare ab zum Bubikopf, unbequeme Schuhe, Badeanzüge aus Wolle: Als Statist darf man nicht wählerisch sein – und braucht vor allem Geduld.

Pelzmäntel, Wollpullunder, Paillettenkleider reihen sich an Kleiderstangen hintereinander. Durch den großen, holzvertäfelten Raum führt ein Gang zwischen den Kleidern nach hinten, dort laufen drei Frauen von Statistin zu Statistin. 300 Hüte, Stöcke und Regenschirme, so sieht der Kostümraum der deutschen Großproduktion „Babylon Berlin“ aus. Die Serie startet am heutigen Freitag (20.15 Uhr) auf Sky, im Herbst des nächsten Jahres darf dann die große Öffentlichkeit in der ARD sehen, wie Gewalt, Drogen und Sex Berlin im Jahre 1929 bestimmten.

Etwa 5000 Berlinerinnen und Berliner wurden dafür als Statisten rekrutiert, so viele Laiendarsteller werden selten gesucht. Als die Agentur Filmgesichter Anfang Februar zum Fototermin nach Moabit lud, meldete ich mich an. Erst Wochen später kam die Mail: Erstmal zur Kostümprobe, für einige Stunden eintauchen in die Zwanziger Jahre.

Authentisch, aber nicht bequem

Die Kleiderkammer ist nach gesellschaftlichen Ständen geordnet. An den Wänden hängen Fotos aus der Zeit, mit Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, die den Kostümassistentinnen helfen, jeden Statisten in eine Figur zu verwandeln. Reiche Töchter, Arbeiterinnen und Invalide aus dem ersten Weltkrieg sollen hier eingekleidet werden. Kostümassistentinnen mit Brille und Maßband um den Hals begutachten uns: Als Arbeiterin soll ich praktische und warme Kleidung bekommen.

Draußen scheint die Sonne herrlich, für den Drehtermin sind dreißig Grad vorhergesagt. Ich ziehe ein blaues Leinenkleid an, darüber eine Schürze und eine Strickjacke. Die Strümpfe dürfen nicht fehlen, natürlich aus Wolle. Dazu ein paar feste Schuhe, doch die richtige Größe zu finden ist schwierig. „Die Schuhe müssen wirklich aus der Zeit sein“, erklärt die Assistentin. „Das bedeutet, dass sie nicht besonders bequem sind.“

Doch passen müssen sie, denn die Drehtage können bis zu 15 Stunden lang sein. 8,50 Euro die Stunde zahlt die Agentur – 85 Euro gibt es aber auf jeden Fall, auch wenn die 10 Stunden nicht voll werden. Wenn es länger dauert, werden Zuschläge gezahlt. Viel ist es nicht, aber den meisten hier geht es ohnehin nicht ums Geld. Einmal bei so etwas dabei sein, sich selbst vielleicht auf der Leinwand oder im Fernsehen sehen, das ist schon aufregend genug.

Dazu etwas staubig

Sobald ich ausgestattet bin, darf ich weiter in die Schminke. Erst müssen die Haare ab: Bis knapp über das Ohr reichen sie nur noch, in fescher Façon der Goldenen Zwanziger. Die zwei Friseurinnen machen aus jedem Statisten einen eigenen Charakter. Neben mir wird ein Herr zum Kriegsinvaliden, an seiner Stirn klafft eine falsche Wunde.

Für meine Arbeiterinnenrolle werden mir nur die Haare etwas zerzaust, der Scheitel bepudert, verstaubt vom langen Arbeitstag. Neben mir läuft eine elegante Dame den Gang entlang, mit Perlenkette und Handtasche. Ich seufze, die Klassengesellschaft hat uns alle fest im Griff. Doch schließlich werde ich als Arbeiterin nicht auftreten. Als Statistin bekomme ich erst kurz vorher Bescheid, wann der Dreh genau stattfindet. Diesmal hat es nicht gepasst. Dafür werde ich einige Wochen später für einen anderen Dreh gebucht. Wir gehen baden.

Raus an den Wannsee

Der Treffpunkt, an einem strahlend schönen Donnerstag im Juli, ist um 14 Uhr am Strandbad Wannsee. Perfekter Strandtag. Die traditionelle Fassade des 1907 eröffneten Bads setzt einen schon in Stimmung für das Jahr 1929. Schon damals war es sehr beliebt und hatte bis zu eine Million Besucher jährlich.

Braune, schwarze, blonde Bubiköpfe: Die Frisur ist modern, genauso wie Badeanzüge, die schon 1929 viel Haut zeigten. Obwohl sie noch aus relativ schweren Stoffen – wie Wolle – waren, ließen sie eine bequeme Zeit am und im See zu. Schultern und Beine waren auch bei den Frauen frei.

In der Szene, die gedreht wird, unterhalten sich zwei Männer im See stehend über die Protagonistin Charlotte Ritter. Mehr wissen die Statisten nicht. Auch nicht, wer die Schauspieler sind, welche Folge es wird, wie lange es dauert. Und es kann immer sein, dass die Statisten kurzfristig gestrichen werden, die Szene geändert wird oder – auch nach dem Dreh noch – komplett rausfliegt.

Schließlich wie damals

Die Kameracrew baut ihre Ausrüstung im Wasser auf. Die anderen Badebesucher, alte und junge, Männer und Frauen, halten sich im Wasser hinter den Schauspielern auf. Eine Dame mit Hut läuft quer zu ihren Partnern herüber. In der einen Hand hat sie eine Zigarette mit Halter, in der anderen balanciert sie zwei Drinks. Die Männer in gestreiften Badeanzügen, die bis zu den Knien reichen, winken ihr zu.

Mich nimmt ein junger Mann an die Hand, wir laufen gemeinsam heiter quer durch das Bild, es liegt Sommer in der Luft. Drei Badende stehen direkt hinter den Schauspielern und spielen im Wasser, passend zur Zeit, mit einem Lederball.

Der Assistent dirigiert uns ein paar Mal hin und her. Die Kamera wechselt ihre Position. Wir laufen wieder vor, zurück, spritzen uns nass, spielen Ball, rauchen Zigarette, und fühlen uns in den immer schwerer werden Wollbadeanzügen, als wären wir schon einmal hier gewesen, vor 90 Jahren.

Wir sind nur der Hintergrund, geben dem Bild mehr Tiefe, damit die Darsteller nicht in einem leeren See stehen. Doch erst die Berliner Statisten sorgen dafür, dass sich Babylon wie das echte Berlin anfühlt, ob 1929 oder 2017.

Unsere Themenseite zu "Berlin Babylon" mit Texten aus der Perspektive der Zwanzigerjahre finden Sie hier.

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