Hans Walter Schmidt (Geb. 1929)

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Träumen sollen andere. Zu machen ist das Machbare

Seine Wohnungen. Aufgewachsen war Hans Walter Schmidt in einer Tegeler Reihenhaussiedlung, vier Menschen, zwei kleine Zimmer. Seit 1947 bewohnte er mit seiner Frau Ursula eine Laube, die er selbst gebaut hatte. Seit 1958 zwei Zimmer, Hinterhaus, Charlottenburg. Um die Wohnung zu bekommen, mussten sie zusätzlich zu ihrer harten Arbeit Hauswartsdienste verrichten. Seit 1968, sie waren jetzt zu viert: Neubauluxus in Lichtenrade, drei Zimmer, Zentralheizung, 250 Mark Miete. 1979, die Sozialförderung lief aus, die Miete vervielfachte sich, Umzug nach Neukölln, Fünfziger-Jahre-Bau, zwei Zimmer für 220 Mark. 1989 dann der Kauf eines winzigen Appartements mit etwas Erspartem, einer kleinen Erbschaft und ein paar Tausend Mark Schulden. Es war günstig und stieg schnell im Wert, nach ein paar Jahren konnten sie es mit Profit verkaufen, um sich ein etwas größeres zu leisten. Kurz darauf bot sich die Gelegenheit, ein unfertiges Haus zu kaufen. Hans baute es zu Ende. Wegen Ursulas Krankheit Umzug in eine kleine Wohnung mit dem Siegel „barrierefrei“, sie ist nicht billig, aber durch den Hausverkauf konnten sie sich die Miete leisten. In einem Zweibettzimmer im Krankenhaus starb Hans Walter Schmidt.

Beginnen wir noch einmal, sentimentaler. Er hatte drei große Träume. Er wollte Architekt werden. Er wollte, dass auf Nazidreck und Krieg Gerechtigkeit und Sozialismus folgen. Und wenn es mit den ersten beiden Träumen schon nichts wird, dann fällt der dritte kleiner aus: ein kleines Geschäft, Hauptsache, ein eigenes, und gutes Geld für gute Arbeit. Daraus wurde was, aber nicht lange.

Es war ein hartes Leben entlang an harten Umständen. Vielleicht war es das beste, das herauszuholen war. Denn Hans Walter Schmidt war Realist und eigentlich doch gar kein Träumer.

Wie denn auch? Als der Krieg zu Ende war, verhafteten ihn die Russen, doch ihm gelang nach einem Vierteljahr die Flucht. Er war 16, sah die Welt in Trümmern und wollte sie wieder aufbauen. Also Architekt. An Abitur und Studium war nicht zu denken, so ging er den ersten denkbaren Schritt. Er wurde Maurer.

Und weil er wusste, dass von allein nichts besser wird, trat er dem „Antifaschistischen Jugendausschuss“ bei, aus dem die FDJ entstand, der kommunistische Jugendverband, die vermeintliche Vorhut im Kampf um eine bessere Welt. Warum vermeintlich? Es fühlte sich ganz echt an. Sie besangen eine Morgenröte, gegen die doch niemand etwas einwenden konnte, Gerechtigkeit statt Ausbeutung, Frieden statt Barbarei. Sie trafen sich in Sommerlagern, die Welt lag zu ihren Füßen, sie waren jung und gut. Und außerdem war Ursula auch da. Im dritten Sommer nach dem Krieg verliebten sich die beiden und wussten, sie würden nun gemeinsam für eine frohe Zukunft kämpfen.

Sie lebten im Westteil von Berlin, da war die FDJ nicht so gern gesehen. Bei einer Demonstration wurde Hans verhaftet. Weil sein Onkel Erich aber bei der Polizei war, kam er schnell wieder frei. Er überlegte sogar mal, in den Osten zu ziehen, weil es hier einfacher war, als Arbeiter an Abitur und Studium zu gelangen. Doch er sah, wie es im Osten sonst so zuging. Sah die Aufmärsche, die denen der Nazis so verdächtig ähnelten. Gemeinsam mit Ursula trat er der SPD bei, der Arbeiterpartei, die nicht das große Glück herbeizwang und eher kleine Brötchen buk. Das entsprach seiner Erfahrung: Träumen sollen andere. Zu machen ist das Machbare.

Für ihn war das nicht allzu viel in jener Zeit, ausgeliefert dem Rhythmus des Baugewerbes: Von Frühling bis Herbst mauerte Hans für kleines Geld, im Winter ging er stempeln. Und baute auf einem Reinickendorfer Pachtgrundstück die Laube. Als er ein breites Tor errichtete, wunderte sich Ursula. Wozu denn das, es gab doch eine Tür im Zaun. Für das Auto, sagte Hans. Vielleicht werden wir einmal ein Auto haben. Da musste Ursula lachen. War ihr Hans nun doch ein Träumer?

Weihnachten 1952. Zwei Wochen vorher war das Geld alle. Hans erfuhr auf dem Arbeitsamt, dass die nächste Auszahlung erst nach dem Fest anstand. Zur selben Zeit war Ursula mit den letzten 20 Pfennig unterwegs, kaufte dafür ein Los und gewann: eine Ente. Die hängten sie draußen an die Laube, da war Frost, und so stand 14 Tage später, mitten in diesem kargen Winter ein Festmahl auf dem Weihnachtstisch.

Inzwischen war ihr Sohn Herbert auf der Welt. Hans wusste, dass es mit einem Studium jetzt erst recht nichts mehr werden würde. Dann wollte er wenigstens über seine Arbeit selbst bestimmen. Zuerst zog er mit Ursula durch Kneipen, um dort Blumen zu verkaufen, das Baby trugen sie in einer Tasche mit sich. Dann eröffneten sie einen Imbiss in der Arminiusmarkthalle, Moabit. Da bediente Ursula die Kunden und Hans bereitete die Brathähnchen und Currywürste zu, Öffnungszeit: 8–18 Uhr, Arbeitszeit: weit länger, Urlaub: keiner. Aber sie verdienten gut und konnten sich 1958 einen Ford kaufen, das Auto, für welches Hans vor Jahren das Gartentor gemauert hatte. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt die Pacht auslief und sie ins Charlottenburger Hinterhaus umziehen mussten. Sabine kam auf die Welt. Und dann wurde Ursula krank, Multiple Sklerose. Die Imbiss-Schichten, die Kinder, die Hauswartsarbeit, das ging über ihre Kräfte. So mussten sie 1963 den Imbiss schließen. Aus der Traum vom eigenen Geschäft.

Sie versuchten es noch als Vertreter für Gesundheitsartikel, und schließlich ging Hans wieder mauern, war im Winter arbeitslos und wusste, dass es für die Rente nicht reichen würde. Ursula schickte in seinem Namen eine Bewerbung – an die Polizei. Ein seriöser Job, wenn auch einer, der Hans vollkommen fremd war. Als er die Zusage bekam, tagte der Familienrat, Onkel Erich von der Polizei war dabei. Sie beschieden: Vater macht das. Lust hatte er kein bisschen, es ging um einen öden Posten bei der Wacheinheit, Verantwortungsgefühl aber umso mehr. Die Stellung war sicher, die Rente danach auch.

Zehn Jahre trug er die Uniform, bewachte im Schichtdienst Gefangenentransporte und tat das niemals gern. Kein Wunder, dass auch er krank wurde, schlimme Kopfschmerzen plagten ihn, jahrelang. Erst als er wusste, dass die Zahlungen ausreichen würden, sprach er offen darüber, beantragte die Frührente, und es konnte beginnen, worauf er seit seiner FDJ-Zeit hingearbeitet hatte: Mit 60 in die frohe Zukunft.

Als in Deutschland die Mauer fiel, waren Hans und Ursula bereits in Spanien an der Sonnenküste. Man könnte den Umzug als Verwirklichung eines Traums bezeichnen. Man kann es auch als konsequenten Schritt des Realisten deuten: Mit Ursula hatte er dort mal Urlaub gemacht, und es war ihr mit ihrer Krankheit viel besser gegangen. Außerdem war das Leben in Spanien billig; mit ihrer kleinen deutschen Rente konnten sie gut leben. Sie kauften das kleine Appartement, dann das etwas größere und schließlich das unfertige Haus. Es lag am Berg über Torre del Mar, bei klarem Himmel sahen sie links die Sierra Nevada, rechts Gibraltar und vor sich immerzu das blaue Meer.

Mit 65 Jahren stand Hans in der spanischen Sonne und schwang noch mal die Maurerkelle. Die Spanier spendeten Beifall. Er überdachte die Terrasse, baute einen Wasserspeicher und nach zwei Jahren hatten sie sogar einen Stromanschluss. Bis dahin behalfen sie sich mit einem Windrad, ein paar Solarzellen, die andere Leute weggeworfen hatten, und Mopedbatterien.

Sie fanden Freunde, zumeist solche wie sie selbst, die sich im warmen Süden zur Ruhe gesetzt hatten. Sie malten und verkauften Bilder an Urlauber, sie luden die Familie aus Deutschland ein, sie gingen schwimmen, wobei sich Ursula, die sich nicht mehr gut bewegen konnte, an seinen Schultern festhielt, er schob sie im Rollstuhl durch die Berge spazieren.

Und wieder war es Ursulas Krankheit, die sie zwang, ihr Leben zu verändern. Der Umzug zurück nach Deutschland, die Aufgabe ihres Traumhauses, von dem sie nie zuvor geträumt hatten, fiel ihnen schwer. Aber so war’s schon immer: Sie richteten sich nach den Umständen und klagten nicht.

Der Rückzug war endgültig. Anfangs war Hans noch durch Berlin gelaufen, beeindruckt davon, wie sich seine Stadt verändert hatte. Bald aber verlor er das Interesse, und allmählich verlor er den Verstand. Als er wusste, dass die Demenz nicht aufzuhalten war, sagte er, er würde sich am liebsten vom Balkon stürzen. Da deutete Ursula auf die Terrasse zweieinhalb Meter weiter unten: Guck mal, wo du da landen würdest. Da hatte sie auch wieder recht. Hans tat, was er immer getan hatte. Er fügte sich. Und war froh, dass Ursula noch bei ihm war.

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