Hans Lemke (1937-2017) Foto: privat
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Hans Lemke (Geb. 1937)

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Wenn er fürs Konzert üben musste, sagte er: „Ich geh’ mal dudeln.“

Zwei Termine standen zur Wahl. „Ich hatte die Möchlichkeit … “ – bei Hans Lemke wird aus dem gutturalen g ein weiches ch; nach mehr als 45 Jahren in Berlin ist seine Wernigeröder Herkunft doch noch herauszuhören – „ … Anfang April oder Ende August 1961 beim Radio-Symphonie- Orchester in West-Berlin vorzuspielen“. Allerdings war er Mitglied des Berliner Sinfonie-Orchesters im Osten. Sich offiziell zu bewerben war unmöglich, also trugen Bekannte die Papiere klandestin über die Grenze. Hans wollte die Stelle um jeden Preis, obwohl er unter dem großartigen Kurt Sanderling spielte. Es ging um die Position; der erste Solo-Fagottist war jung und ehrgeizig, genau wie Hans, und so war ein Aufstieg zum ersten Fagottisten in absehbarer Zeit ausgeschlossen. Also West-Berlin, er musste sich nur noch entscheiden, April oder August. Er wählte den April.

Am ersten ging es los, und zwei Wochen später schon tourte er als erster Solo-Fagottist durch die Bundesrepublik, durch England und Frankreich. Dabei war Yehudi Menuhin. „Er setzte sich oft zu mir“, erzählt Hans im Radiofeature aus dem Jahr 2000, „er ermutigte mich.“ Hans war damals gerade 23.

Die Schule hatte er bereits mit 14 verlassen müssen. Und das Abitur? Die zuständigen Funktionäre schüttelten klassenbewusst ihre Köpfe. In der DDR der fünfziger Jahre war für einen wie ihn ein Abitur nicht vorgesehen; seine Eltern besaßen ein Hotel in Wernigerode. Da Hans jedoch Klavier spielte, gab es den Weg über die Musikschule. Erst dort entschied er sich für das Fagott. Drei Jahre darauf, mit 17, ging er nach Berlin ans Konservatorium, mit 21 kam er ins Orchester.

„Lern Fagott“, hatte mal jemand zu ihm gesagt, „da wirst du immer gebraucht“, Violinisten oder Cellisten gibt es viele. Hans spielte auf einem 1928er Heckel-Fagott aus Bergahorn, herausragend durch seine Tonfeinheit und Klangfarbe. Das Mundstück, aus französischem Schilfrohr, bearbeitete er selbst, schabte Stunden mit einem scharfen Messer das Doppelrohrblatt, um einen helleren oder einen dunkleren Ton zu erzeugen. Wollte er ein paar Phrasen für das Konzert am Abend üben, rief er der Familie über die Schulter zu: „Ich geh’ mal dudeln.“ Gegeben wurde dann vielleicht Strawinskys „Le sacre du printemps“, mit einem Fagott-Solo zu Beginn, das nur mit großem Können und Konzentration zu spielen ist. Es hatte seinen Grund, dass Hans, als einziger Nicht-Philharmoniker, in das weltberühmte „Philharmonische Oktett“ aufgenommen wurde. In Japan feierte man sie wie Helden, beschenkte sie mit seltenem Porzellan. Auf einer Berliner Straße hätte aber niemand Hans für einen seriösen Musiker gehalten. Immer Jeans, immer dieselben Slipper, bei jedem Wetter. Sein Schritt: ausholend, geradlinig, kein bisschen gedankenverloren. Ein strukturierter Tagesablauf war wichtig, vor allem nach den 40 Jahren im Orchester, der obligatorische Latte macchiato beim Italiener, die Flohmarktspaziergänge jeden Samstag, jeden Sonntag, auf der Suche nach seltenen Schallplatten, Schellack und Vinyl, 8000 Scheiben hatten sich angesammelt, mindestens.

Sein Sohn, mit Frau und zwei Kindern, suchte vor ein paar Jahren eine Wohnung, warum nicht übergangsweise in die 180 Quadratmeter des Vaters ziehen. Der zögerte zunächst – und verkaufte dann seine Platten. Inzwischen jedoch hatte sein Sohn eine andere Wohnung gefunden, also ging Hans zu den Händlern und kaufte seine Schätze zurück. Musik machte er nur noch zu seinem Vergnügen, im Abonnentenorchester des DSO, spielte jetzt mit seinen einstigen Zuhörern. Bis die Krankheiten kamen und er das Fagott endgültig in den Instrumentenkoffer legte. Jetzt, nach den Jahren in Berlin, nach den Reisen in die ganze Welt, jetzt, da er das Ende ahnte, wünschte er sich, an dem Ort beigesetzt zu werden, von dem er mit 17 losgezogen war, mit dem er, der politischen Verhältnisse wegen, Jahrzehnte gehadert hatte. An diesen Ort, nach Wernigerode, wollte er zurück. Und er kam zurück.

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