Die Linie 55 rollte bis 1967 durch den Berliner Westen. Foto: private Sammlung/Wolfgang Ulmap

Geschichte des Berliner Nahverkehrs Die Straßenbahn zurück in Spandau - per LKW

Klaus Kurpjuweit
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Vor 50 Jahren rollte die letzte Straßenbahn in West-Berlin. Zum Jubiläum gibt es ein großes Fest in Hakenfelde.

Manchmal kann es sogar in Berlin sehr schnell gehen. Kaum ist die Diskussion über eine Rückkehr der Straßenbahn nach Spandau wieder aufgeflammt – schon ist sie da. Wenn auch nur für zwei Tage. Zum für viele Straßenbahnfreunde traurigen „Jubiläum“ der letzten Fahrt einer Bahn im damaligen Westteil der Stadt vor 50 Jahren kehren die historischen Züge dorthin zurück, wo sie damals losgefahren waren: An die Endstelle Hakenfelde an der Niederneuendorfer Allee /Eschenweg – der heutigen Endhaltestelle der Buslinie 139 an der „Villa Schützenhof“.

Die verrückte Idee hatten „Verrückte“. Im positiven Sinn. Es sind Liebhaber alter Fahrzeuge wie der einstige S-Bahn-Fahrer Frank von Riman-Lipinski, der die Front einer alten Straßenbahn in seine Wohnung integriert hat. Nun also Hakenfelde-Bahnhof Zoo. Auf der Linie 55 fuhr am 2. Oktober 1967 zum letzten Mal eine Straßenbahn mit Fahrgästen an Bord durch West-Berlin.

Wenn alte Liebe rostet

Es sollte ein Abschied für immer sein. Seit der Wende kehrt die Straßenbahn aber in den alten Westen zurück, wenn auch nur schrittweise. Und jetzt kommt sie sogar nach Spandau – zurückgeholt aus zwei Museen. Ein Fahrzeug, die Nummer 3495, Baujahr 1928, hatte es an den Schönberger Strand bei Kiel in die Dependance des Vereins Verkehrsamateure und Museumsbahn verschlagen, wo es sogar fahrfähig eingesetzt werden konnte. So kamen die Berliner auf die Idee, den Oldtimer zurückzuholen.

„Schön war das Fahrzeug am Ende nicht mehr“, sagt Riman-Lipinski. Und deshalb machten sich seine Mit-Enthusiasten Dennis Gransee und Norbert Walter rund ein Jahr lang regelmäßig auf den Weg zum Museum am Schönberger Strand und brachten den Oldtimer mit viel Liebe nach und nach wieder auf Vordermann. „Außen ist er fertig und zeigt sich wie vor einem halben Jahrhundert“, sagt Riman-Lipinksi. Innen müsse noch ein wenig gefeilt werden. Aber bis zum 2. September wird das gute Stück fertig werden, ist Riman-Lipinski überzeugt.

An dem Tag soll 3495 zurückkommen nach Berlin – zunächst auf einen Betriebshof der BVG. Dort sollen die letzten technischen Arbeiten stattfinden. Unter anderem müssen die elektrischen Leitungen geprüft werden. Auch wenn der Oldie in Berlin nicht fahren wird, später soll er auf dem Museumsgelände am Schönberger Strand wieder seine Runden drehen.

In Berlin bleibt das Fahrzeug ein Ausstellungstück. Zusammen mit dem baugleichen Typ mit der Nummer 3566 werden die sogenannten Verbundzüge am 30. September auf einem etwa 30 Meter langen Gleis in Hakenfelde stehen, das die BVG dort legen wird. 3566, der 1967 den Abschiedskorso angeführt hatte, muss keinen so weiten Weg zurücklegen. Er gehört zum Bestand des Deutschen Technikmuseums in Kreuzberg, wo er allerdings auch nur selten zu sehen ist.

Ein teures Unterfangen

Das Fest in Hakenfelde ist jetzt genehmigt worden; damit haben Riman-Lipinski und seine Mitstreiter eine weitere Hürde überwunden. Was sie organisatorisch – und finanziell – stemmen mussten, kann man nur ahnen. Noch müssen gut 3500 Euro aufgetrieben werden. Riman-Lipinksi hofft auf weitere Spenden, denn auch der nächste Programmpunkt verursacht Kosten. Am 1. Oktober rollen die beiden Wagen auf je einem Tieflader nochmals die historische Strecke ab; begleitet von wahrscheinlich zwei zeittypischen Bussen der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus, deren Gründer Riman-Lipinski ist.

Verknallt in die BVG. Frank von Riman-Lipinski (M) steht auf alte Züge und organisiert das Fest in Spandau. Foto: privat/Wolfgang Ulmap

Der Verein besitzt zwar weiter Busse, die er einsetzen könnte, doch dann wäre ein Korso unterwegs, der genehmigt werden müsste. Und das solle vermieden werden, sagte Riman-Lipinski. Er beschränkt sich auch auf eine Fahrt: „Man soll es nicht übertreiben“, sagt er. Tausende Berliner säumten vor 50 Jahren die Straßen bei der Abschiedsfahrt. „Ganz so viele werden es im Herbst nicht werden“, weiß auch der Organisator der „Jubiläums“-Fahrt. Aber auch wenn es weniger werden, habe sich der Aufwand gelohnt.

Wie groß das Interesse an den alten Bahnen sein kann, hat Riman-Lipinski bereits 2008 erlebt. Tausende waren damals zur 700-Jahr-Feier von Heiligensee gekommen. Dort hatte der Nahverkehrsfreund bereits schon einmal das Aufstellen einer historischen Bahn vor der früheren Wagenhalle organisiert, herbeigeholt aus einem Museum in Hannover.

Ob er sich auch einen weiteren persönlichen Wunsch erfüllen kann, wird sich zeigen. Riman-Lipinski will für sich noch eine alte S-Bahn kaufen; einen sogenannten Stadtbahner aus den 1920er Jahren, wie er ihn einst noch selbst gesteuert hat.

An die Straßenbahn kann er sich dagegen nicht mehr so gut erinnern. Bei der Abschiedsfahrt war er drei Jahre alt. Seine Liebe zu den alten Fahrzeugen ist aber früh geweckt worden – und, wie man sieht, bis heute nicht erloschen.

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