Angegriffen. Die "Vertikal"-Chefin Claire D'Orsay will nicht für Verdrängung verantwortlich sein. Foto: dpap

Gentrifizierungsdebatte in Berlin-Kreuzberg„Es ist möglich, dass die Gewalt wächst“

Von Vivian Kübler191 Kommentare

Im Streit um die Kreuzberger Bäckerei „Filou“ steht auch das Nachbarlokal in der Kritik. Die Inhaberin erzählt.

Claire D'Orsay ist müde. Die vergangenen Tage waren nicht leicht für die 32-jährige Inhaberin des Restaurants „Vertikal“ in der Reichenberger Straße, Ecke Glogauer Straße. Nebenan, im gleichen Gebäude, befindet sich das Bistro „Filou“, um dessen drohende Schließung es im Kiez zuletzt viel Protest gab. Der britische Hauseigentümer will den Mietvertrag nicht verlängern. Am Mittwoch haben Unbekannte die Scheiben des „Vertikal“ zerstört, am Tatort wurden gentrifizierungskritische Flugblätter gefunden. Im Netz tauchte ein linksextremes Bekennerschreiben auf. Claire d’Orsay leidet unter dem Angriff und berichtete auf Facebook über den Spießrutenlauf, den sie im Kiez ertragen muss. Normalerweise spricht sie Deutsch, doch das Interview möchte sie lieber auf Englisch führen.

Wie ich sehe, haben Sie die Fenster noch nicht reparieren lassen, stattdessen aber die Demolierungen mit Grinsegesichtern bemalt. War das Ihre Idee?
Ja, das war meine Idee, gemalt hat es aber meine Frau Nadine. Es bringt zu diesem Zeitpunkt noch nichts, die Fenster reparieren zu lassen, denn so eine Attacke könnte jederzeit wieder passieren. Wir haben deshalb überlegt, was wir stattdessen tun können und das ist dabei herausgekommen.

Was würden Sie den Menschen sagen, die Sie für die Schließung der Bäckerei „Filou“ verantwortlich machen?
Mir ist bewusst, dass es hier im Kiez gerade ein riesiges Problem gibt. Aber die Situation ist außer Kontrolle geraten. Ich bin mir sicher, dass die „Filou“-Betreiber nicht wollten, dass uns so etwas passiert. Die Menschen wissen einfach nicht, weshalb die Bäckerei schließen muss – es ist nicht wegen meines Restaurants oder weil die Miete erhöht wurde. Das weiß ich sicher. Ich habe mitbekommen, dass es Unstimmigkeiten zwischen dem Vermieter und dem „Filou“ gab.

Es wird behauptet, dass Sie Expansionspläne schmieden, Teile des „Filou“ übernehmen wollen und deshalb auch mitverantwortlich für dessen Schließung sind.

Die Linksextremisten, die sich in einer Botschaft auf Facebook zu dem Angriff bekennen, behaupten das. Das ist aber nicht wahr, ich hatte nie die Absicht, Teile des „Filou“ zu übernehmen und das wird auch nie ein Plan von mir werden.

Was hat der Angriff auf Ihr Restaurant in Ihnen ausgelöst?
Als es passiert ist, war ich gerade zu Hause. Einer meiner Mitarbeiter rief mich panisch aus dem Restaurant an, erzählte, was passiert war und schrie: „Das ist kein Witz, das ist kein Witz!“ Ich meine, es waren nicht ein oder zwei Angreifer, sondern 15 schwarz vermummte Männer. Alle Mitarbeiter vor Ort hatten große Angst. Wenn ich meine Gefühle einfach zulassen würde, wäre ich wahrscheinlich nur sehr traurig. Das war aber nicht meine erste Reaktion. Ich bin eine Kämpfernatur und dachte: „Was mache ich jetzt? Was ist der nächste Schritt? Mit wem kann ich reden?“

Konnten Sie mit jemand reden?
Nein. Ich habe mich von den zuständigen Politikern wenig verstanden gefühlt. Charlie Skinner, der Hauseigentümer und „Vertikal“-Investor, hat versucht, Florian Schmidt (Grüne) zu kontaktieren, der als Bezirksstadtrat für Bauen und Planen verantwortlich ist. Wir haben nach einem Termin gefragt, um über die Vorkommnisse zu reden, haben aber nie eine Antwort erhalten. Die Initiative „Bizim Kiez“, die sich für den Bestand des „Filou“ einsetzt, hat erst jetzt, nach drei Wochen und zahlreichen Kontaktversuchen, geantwortet. An mich hat sich sonst niemand gewandt.

Was für eine Reaktion hatten Sie sich von den Politikern erhofft?
Es geht hier nicht um das „Vertikal“ oder um mich. Es ist ein politisches Problem. Ich verstehe die Wut – als Kleinunternehmer hat man zu wenig Mieterschutz, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Jedes Jahr kann mein Vermieter den Mietvertrag ohne Weiteres auflösen. Ich würde mir von den zuständigen Politikern wünschen, dass Sie da einen Riegel vorschieben und Gewerbeinhaber besser schützen. Sie sagen zwar vor jeder Wahl, dass sie sich für die Menschen einsetzen, aber hier sehe ich es nicht. Die Bürger sind aufgebracht.

Glauben Sie, die Gewaltbereitschaft wird deshalb weiter steigen?
Ich beobachte seit drei Jahren, dass immer mehr Touristen die Reichenberger Straße entlanglaufen. Eine Art von Gentrifizierung hat schon vor mehreren Jahren angefangen. Ist es aber Gentrifizierung, wenn ein Restaurant aufmacht, das versucht für alle im Kiez etwas zu bieten? Die Wut richtet sich doch eigentlich gegen die Investoren, die den Kleinunternehmern im Kiez kündigen und die Mieten erhöhen. Es ist möglich, dass die Gewalt wächst, wenn sich nichts tut.

Nach dieser Erfahrung – hätten Sie etwas anders gemacht?
Ich hätte vielleicht noch mehr für die unmittelbare Nachbarschaft tun können. Den Leuten zum Beispiel zehn Prozent auf Speisen geben oder mich vielleicht schon vor der Eröffnung besser vorstellen sollen. Wenn ich etwas an der ganzen Situation ändern könnte, würde ich das tun. Aber leider kann ich das nicht. Die Verantwortung liegt nun in den Händen anderer.