Beim Gottesdienst in der Gedächtniskirche gedenken Contergangeschädigte und ihre Angehörigen der Verstorbenen. Foto: Mike Wolff
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Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche Contergan-Skandal: Geschädigte feiern das Überleben

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Weltweit wird die Zahl der Betroffenen auf 10.000 geschätzt. 60 Jahre nach Einführung des Medikaments trafen sich die "Contis" in Berlin.

Diesmal markiert der Mikrofonständer die Grenze der Autonomie. Pfarrerin Veronika Walther müht sich, das Mikro auf Mundhöhe einzurichten, das Material wehrt sich, verflixt, dann tritt sie einen Schritt zurück und lächelt. Das Signal, man möge ihr helfen. So sind sie, die Contis, wollen partout alles selber machen... Contis, so nennen sich die Contergangeschädigten selbst. Eine eingeschworene Gemeinde von derzeit rund 2500 Menschen bundesweit.

Am Sonntag feierten sie bei einem Gottesdienst in der Gedächtniskirche ihr (Über-)Leben und gedachten zugleich einem Tag, der ihr Schicksal bestimmte. Vor 60 Jahren, am 1. Oktober 1957, brachte die Firma Grünenthal das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt, empfohlen gegen „schwangerschaftsbedingte Übelkeit“. In den Folgejahren kamen in Westdeutschland rund 5000 Babys mit verkürzten Gliedmaßen oder anderen Missbildungen auf die Welt, weltweit wird die Zahl der Geschädigten auf 10.000 geschätzt.

Die Pfarrerinnen Sabine Wendlandt (li.) und Veronika Walther sind auch "Contis". Foto: Mike Wolff
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Es dauert lange, bis die Ursache erkannt wird, im November 1961 wird das Medikament vom Markt genommen. Doch auch 1962 werden noch viele Babys mit den Symptomen geboren. Klaus Brinkmann aus Gelsenkirchen ist Jahrgang ’62. Seine Hände verschwinden komplett in den gekürzten Ärmeln seines Jacketts. „Es ist wichtig zu zeigen, das wir nach 60 Jahren noch am Leben sind“, sagt Brinkmann. Bis vor Kurzem hatte er einen Bürojob auf dem Arbeitsamt, aber den hat er aufgegeben. Vor drei Jahren erhöhte der Bundestag die Renten für Contergangeschädigte deutlich, das reiche ihm zum Leben, sagt Brinkmann.

Angst machen den Contis die Folgeschäden der Behinderung

Generell sind die finanziellen Sorgen in den Hintergrund gerückt, dafür treten andere an ihre Stelle: Die Folgeschäden der Behinderung. Viele haben sich durch die abnormen Bewegungsabläufe über Jahrzehnte den Rücken oder Schultergelenke lädiert. Außerdem altern die Knochen von Contis deutlich schneller als normal, Blutgefäße verlaufen nicht dort, wo sie sollten, häufig treten Nervenschäden zutage, die man früher gar nicht erkannt hat.

Zum Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sind viele Contis und ihre Angehörigen gekommen. Foto: Mike Wolff
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Pfarrerin Sabine Wendlandt, die zusammen mit Veronika Walther den Gottesdienst leitet, erzählt von ihrem trotzigen Ringen um Gleichberechtigung, schon als Kind: „Natürlich kann ich das!“ Baut sie die Sandburgen eben mit den Füßen. Autofahren, Skifahren – klar geht das. „Natürlich kann ich Pfarrerin werden, ich bewerbe mich ja nicht als Sargträgerin.“

Die Gemeinde denkt aber auch an die „Mit-Contis“, die es nicht geschafft haben, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen, die in Heimen gelandet sind, alkoholabhängig wurden oder Suizid begangen haben. Man wolle trotz der oft misslichen Umstände das Leben feiern, sagt Sigrid Kwella vom Conterganverband Berlin-Brandenburg. „Yes, I’m alive“, singt dazu der bis zum Bersten von positiver Energie erfüllte Chospel-Chor Ways unter der Leitung des lettischen Musikers Gunars Kalnins.

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