Gabriele Groth (1961-2017) Foto: privat
p

Gabriele Groth (Geb. 1961)

0 Kommentare

Sie bleibt auf ihrer Position und fühlt sich übergangen

Sie holt das Mofa aus der Scheu- ne, schiebt es vom Hof, lässt den Motor aufheulen, setzt sich drauf und fährt davon. Kein Blick zurück. Kein Winken. Bloß raus aus dem Dorf, das am Ende einer Sackgasse liegt. Sie fliegt über die Straßen, schwebt dahin, die blonden Haare im Wind, den wilden Herzschlag in der Brust. Sie fühlt sich frei. Wenigsten für diesen Abend, diese Nacht, diesen Tanz. Eine Jugendliche in Brandenburg, auf dem Weg in die Disko, das Leben vor sich, Ende der siebziger Jahre.

Ihre Eltern sind Bauern, wortkarg, arbeitsam. Einfach mal drüber reden, Gefühle zeigen, Konflikte ansprechen, dazu reicht’s nicht. Das Schweigen drückt, bremst und bringt noch mehr Stille. Unter der Woche rackern die Eltern für die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, abends und am Wochenende versorgen sie ihre eigenen Tiere – Schweine, Hasen, Hühner – oder bepflanzen ihren Boden. Die drei Kinder müssen mit ran, Mädchen allesamt. Der Vater hat sich einen männlichen Stammhalter gewünscht. Bei ihren eigenen Kindern, so schwört sich Gabriele, wird sie alles anders machen. Für sie da sein, ihnen eine Zukunft ermöglichen. Sie selbst will auch anders sein: Ja zum Leben sagen, sich hineinstürzen. Himmelhochjauchzend.

Lehrerin will Gabriele werden, mit Kindern arbeiten und ihnen etwas beibringen. Aber das Abitur dürfen in der DDR nur wenige machen. Stattdessen soll sie als Verkäuferin arbeiten, so sieht es der Plan vor. Ein Plan, der nichts von ihren Träumen weiß, der aber über sie bestimmt: Du machst eine Ausbildung, ein Fachstudium an der Wirtschaftsschule in Dresden, danach gehst du als Schichtleiterin in eine Kaufhalle nach Berlin-Adlershof. Zahlen, Waren, Dienstpläne, das ist von nun an ihre Welt. Gabriele kann das, organisiert, übernimmt Verantwortung. Doch es bleibt eine Einbahnstraße, der sie entkommen möchte.

Ihren Mann lernt sie über eine Kontaktanzeige in der Zeitung kennen. Sie heiraten, bekommen eine Tochter und einen Sohn. Und Gabriele kriegt das Schweigen ihrer Eltern nicht aus sich heraus. Da gibt es die eine Seite an ihr, die viele kennen. Gabriele als aufmerksame Zuhörerin, als fröhliche Kollegin, Gabriele mit dem Strahlen im Gesicht, neugierig und offen.

Dann gibt es die andere Seite. Wenn ihr etwas nicht passt, schluckt sie es, wird stiller und stiller, bis sie gar nichts mehr sagt. Manchmal sind es Tage, in denen kaum ein Wort über ihre Lippen kommt. Da schlagen ihre Gedanken im Kopf um sich: Ich bin nur das fünfte Rad am Wagen, die Welt ist gegen mich, nie kann ich mich entfalten und machen, was ich will. Nach der Wende fängt sie bei der Rentenversicherung an. Als kleines sachbearbeitendes Licht. Sie können sich hocharbeiten, heißt es. Doch sie bleibt auf ihrer Position und fühlt sich übergangen.

Ein Foto. Sie in der Mitte, links ihre Tochter, rechts ihr Sohn, beide überragen sie. Alle drei lachen, schauen sich an. Da ist Liebe, Zufriedenheit und Freude zwischen ihnen. Ein Dreier-Bund, eine Intimität, eine kleine Familie. Im Hintergrund des Fotos wärmt die Sonne Portugals, rauscht das Meer, fliegt eine Ahnung von Freiheit mit den Möwen durch die Luft. So will ihre Tochter sie in Erinnerung behalten.

Eine Mutter, die sie anrufen konnte, wenn sie Probleme hatte. Die spürte, wenn etwas nicht stimmte. Die zuhören konnte und einfach da war. Die ihren Kindern jeden Morgen die Stullen schmierte, auch als die schon groß waren. Die jeden Morgen kleine Zettel schreibt, mit lieben Grüßen und guten Wünschen für den Tag, unterschrieben mit: „Deine Muttitschka“.

Sie wollte doch noch so viel machen, Englisch lernen, reisen. Doch der Krebs war übermächtig.

Zur Startseite