Norbert Martins fotografiert seit vielen Jahren die Giebelbilder Berlins und hat ein Buch mit Fotografien veröffentlicht.   Foto: Mike Wolff
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Fotoausstellung in Neukölln Berlins verlorene Wandgemälde

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Hunderte Häuserfronten wurden in Berlin zu Kunstwerken, viele wurden schon wieder übermalt – in Neukölln wurde diesen nun eine Foto-Ausstellung gewidmet.

Berlins Fassaden sind bunt: Mehr als 750 Wandbilder soll es in der Stadt geben. Genau kann man das nicht sagen, denn einige dieser Gemälde, die komplette Gebäudewände einnehmen, verschwinden so schnell wie andernorts neue entstehen. Norbert Martins hat die Entwicklung verfolgt und in seiner Fotosammlung finden sich auch die, die schon nicht mehr da sind. „Man kann gar nicht so schnell fotografieren, wie hier gemalt wird“, sagt er.

In der Neuköllner Helene-Nathan-Bibliothek sind noch bis zum 5. August einige seiner Fotos im Großformat zu sehen. Darunter hauptsächlich jene, die man in der Realität schon nicht mehr begutachten kann. Sein Lieblingswandbild ist nicht leicht zu finden. Es handelt sich um die „Gebrochene Fassade“ von Gert Neuhaus in der Obentrautstraße 30.

Hobby-Fotograf Martins wohnt kurz hinter der Berliner Stadtgrenze in Schildow und hatte bereits 1989 ein Buch über Wandbilder veröffentlicht.

Alles fing mit Wettbewerben an, die der Berliner Senat 1975 ausgeschrieben hatte. Dann habe die Hausbesetzerszene begonnen, ihre Wände aus den Fenstern heraus anzumalen – die Bilder wurden politischer. Eines der damals berühmtesten Motive stammte von der britischen Künstlerin Marilyn Green, es zierte ein besetztes Haus in der Anhalter Straße 7. Das gibt es auch schon lange nicht mehr: Der Senat hat das Haus räumen und das Bild mit dem Titel „Modell Deutschland“ übermalen lassen, erzählt der 54-Jährige.

Marilyn Greens „Modell Deutschland“ in der Anhalter Straße. 1981 gemalt, 1985 übermalt. Foto: Norbert Martins
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Heute kommen Künstler aus der ganzen Welt nach Berlin. Wohnungsbaugesellschaften vergeben Aufträge oder stellen Wände zur Verfügung. Erst vergangene Woche ist ein Riesen-Projekt der Howoge fertiggestellt worden. Martens wird es sicher auch fotografieren und in seine Sammlung aufnehmen: „Tropfen und Ringe“ heißt das 500 Quadratmeter große Wandbild des Streetart-Künstlers „1010“, das in nur zehn Tagen am Tierpark-Center entstand. Die Howoge will mit ihrer Initiative „Lichtenberg Open Art“ (LOA) eine wachsende Freiluft-Galerie im Bezirk schaffen. Der Grundstein zu LOA wurde 2012 mit dem Kunstwerk von Christian Awe an der Frankfurter Allee 192 gelegt. Es folgte das Werk des amerikanischen Künstlerduos JBAK im Jahr 2014 an der Landsberger Allee. Anlässlich des 30. Jubiläums von Neu-Hohenschönhausen entstand am Warnitzer Bogen das Gemälde „Aufbruch in neue Welten“ der Künstlergruppe Klub 7. Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) lobte das Engagement der Wohnungsbaugesellschaft: „Berlin war schon immer Anziehungspunkt für Künstlerinnen und Künstler aller Genres. Nur selten jedoch erhalten sie die Möglichkeit, ihre Werke so prominent im öffentlichen Raum zu präsentieren.“ Gutes Wohnen heiße auch schönes Wohnen und dazu gehöre auch Kunst. Denn Kunst sei auch Lebensmittel. Fotosammler Martens findet das gut und freut sich über jedes neue Bild in der Stadt.

Sieht aus, wie echt, ist aber aufgemalt: Das Wandbild "Gebrochene Fassade" von Gert Neuhaus, gemalt 1985 in der Obentrautstraße. Foto: Norbert Martins
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Doch er macht sich auch Sorgen: Die Werbebranche nutzt die Wandmalerei in Berlin zusehends und so werben immer mehr Wände für Biermarken oder Autos. Die Wände werden für ein Jahr gepachtet und alle paar Wochen neu bemalt. Martins schätzt zwar auch diese Arbeiten, er nimmt sie aber nicht in seinen Foto-Sammelband „Hauswände statt Leinwände“ auf, den er im Eigenverlag veröffentlicht hat. „Es ist schon toll, was die Werbe-Künstler können, rein technisch. Ich persönlich mag es aber nicht.“ Sein Herzenswunsch ist, die Kunst zu erhalten, genauer: Den „Weltbaum“ des Künstlers Ben Wagin am S-Bahnhof Tiergarten. Das erste Wandgemälde Berlins soll vermutlich nächstes Jahr entfernt werden, weiß Martins. „Es wäre toll, wenn dieses Wandbild irgendwo anders noch mal entstehen könnte“, fordert er. Vielleicht wird man solche Bilder bald nur noch abfotografiert und im Museum begutachten können - und Berlins Innenstadt voll sein mit großen Werbebildern für Autos oder Biermarken.

„Hauswände statt Leinwände“, Helene-Nathan-Bibliothek, Karl-Marx- Straße 66, Neukölln. Bis 5. August, Mo-Fr 11-20 Uhr, Sa 10-13 Uhr, freier Eintritt. Das Buch „Hauswände statt Leinwände“ mit ca. 300 Fotos auf 144 Seiten für 29,90 Euro kann man auf norbert-martins-wandbilder-berlin.de bestellen.

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