Auch in der Nacht zu Sonnabend wurde das ICC als Unterkunft hergerichtet. Foto: Cay Dobberkep

Flüchtlinge im ICC in Berlin"Wie ein Gefängnis"

von Stefan Jacobs71 Kommentare

Die ersten 500 Flüchtlinge sind ins ICC eingezogen. Sehr wohl fühlen sie sich nicht. Ein Ortstermin.

Am ICC ist es am Sonnabendmorgen so unwirtlich wie immer. Am Busbahnhof rennen bepackte Passanten zwischen hupenden Autos um ihr Leben, auf der anderen Seite braust die Stadtautobahn. Die einzigen Farbtupfer vor dem schmutzgrauen Raumschiff sind die orangenen Warnwesten der Sicherheitsleute an den Eingängen.

In der Nacht zuvor sind 500 Menschen in den fensterlosen Saal 2 und die zugehörige Ebene des 2014 geschlossenen Kongresszentrums eingezogen. Familien, aber auch Single-Männer. Vor den Türen zur Kassenhalle liegen drei Schlafsäcke und ein ramponierter rosa Puppenwagen.

Ein vielleicht vierjähriges Mädchen kommt heraus, greift sich den Wagen und dreht glücklich ein paar Runden. Gefolgt von ihren Eltern, die aussehen, als hätten sie lange nicht mehr gelacht. Irakische Kurden seien sie, aus Kirkuk hierher gekommen. Mit dem Zug nach Kiel, wo die Behörden gut organisiert gewesen seien, aber die Familie nach Berlin geschickt hätten, erzählt Buzainy Sarbast, der Vater, die Zähne dunkel vom Kettenrauchen, die Beine schwer von Diabetes und Lageso. Zwölf Stunden habe er dort angestanden.

Malteser hatten Abendessen doppelt bestellt

Wie das Quartier im ICC sei? „Wie ein Gefängnis“, sagt Sarbast. „Ich will weg.“ Wohin? „Keine Ahnung.“ Es seien furchtbar viele Menschen auf so wenig Raum. „Meine Tochter muss um acht oder um neun schlafen, aber sie kann nicht, weil ringsum die Leute reden oder singen.“ Er will dem Reporter den Saal zeigen, aber die Wachleute lassen nur die Bewohner ins Haus. „Männer: Noch zehn Stunden!“, ruft einer von ihnen seinen Kollegen zu. Zwölf dauere die Schicht.

Ein freundlicher Schlaks aus dem Iran, mit Mütze und in Badeschlappen, klagt ebenfalls über Lärm und Enge. Der 18-jährige Attaulah, der aus Afghanistan allein hierher kam, sagt, im ICC sei es immerhin sauberer als in der Messehalle, in der er und die anderen zuvor gelebt hätten. Das Essen sei weder da noch hier doll.

Apropos Essen: Ein Insider hatte berichtet, das Malteser-Hilfswerk habe das Abendbrot am Freitag wegen des Umzugs vorsorglich doppelt bestellt: 650 Portionen in die Messehalle, 650 ins ICC – einmal zum Essen, einmal zum Wegschmeißen. Malteser-Projektleiter Matthias Nowak verwahrt sich gegen diese Behauptung: „Klar haben wir sicherheitshalber an beiden Orten Abendessen für unsere Gäste bestellt. Aber das Essen wurde nicht weggeworfen, sondern vom Team und von den Bauarbeitern gegessen, die den ganzen Tag die Sachen ins ICC gebuckelt haben.“

Weil dort die Aufzüge streiken, ist auch am Sonnabend noch nicht alles fertig. „Das hat uns bestimmt zwei Arbeitstage gekostet“, sagt Nowak, der niemandem einen Vorwurf machen will: Es sei eben ein altes Gebäude. Immerhin seien Betten und Matratzen rechtzeitig drin, „jetzt bauen wir so schnell wie möglich den Rest auf. Wenn man erst so kurzfristig reinkommt und dann die Aufzüge nicht funktionieren, kann nicht alles sofort fertig sein.“

In der Kassenhalle an der Neuen Kantstraße stapeln sich große Pappkartons, davor rollt ein VW-Bus mit Hänger an. „Malteser Spielmobil“ steht darauf. Vielleicht hat die Tochter von Buzainy Sarbast bald mehr als nur den morschen Puppenwagen. Nowak sagt, es werde sowohl „einen großen Kindergarten“ als auch Sportflächen geben. Zwischen 600 und 650 Menschen soll das ICC bis auf Weiteres beherbergen. Rund 500 sind schon eingezogen. Die genaue Zahl steht nach Auskunft der Malteser noch nicht fest; gerade bei Familien könne schon mal ein Kind nicht mitgezählt worden sein, aber das werde nun nachgeholt.

Dass sich von den rund 1000 Menschen aus der am Freitag geräumten Messehalle im Laufe des Tages rund 200 mit unbekanntem Ziel abgemeldet haben, findet die Sozialverwaltung nicht ungewöhnlich: Viele Flüchtlinge hätten Anlaufstellen irgendwo und bräuchten keine Unterkunft; das kenne man schon von den täglichen Neuankömmlingen. „Ich geh mal bisschen mit dem Pförtner flirten“, sagt ein Wachmann. Sie haben wenig zu tun hier, wohin sich kein Nachbar verirrt, weil es keine Nachbarn gibt. Das ICC mag ein Quartier sein. Ein Ort zum Leben ist es nicht.