Helferin. Anna Stein ist gelernte Hebamme, Psychologin und Mutter von zwei Kindern. Die 32-Jährige berät im Waldkrankenhaus Eltern in der Schwangerschaft und nach der Geburt. Das Angebot gibt es an sieben Berliner Geburtskliniken. Foto: Lilith Grull
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Familie Die Babylotsin

Lilith Grull
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Beraterinnen wie Anna Stein stehen werdenden und jungen Eltern zur Seite. Das soll verhindern, dass Kinder gefährdet werden.

Ein Gymnastikraum in einem Nebengebäude des Waldkrankenhauses in Spandau. Es gibt einige Gymnastikbälle und einen Tisch, der steht am Rand, Broschüren in mehreren Sprachen stapeln sich auf ihm. Um in herum vier hölzerne Schulstühle. Dort sitzt Babylotsin Anna Stein einem jungen Paar aus Guinea gegenüber.  Auf dem Schoß des Mannes turnt sein zweijähriger Sohn. Seine Frau trägt ein grün-rot-blaues, bodenlanges Kleid. Darunter wölbt sich der Babybauch. Sie sitzen schon eine ganze Weile zusammen und sprechen über kostenfreie Deutschkurse für Schwangere, medizinische Fakten zur Geburt, Sport und Ernährung. „Meine Frau kocht immer frisch, nie bekomme ich etwas Ungesundes zu Hause“, sagt der werdende Vater. „Nur Cola lässt sie zu, die liebt sie.“ Seine Frau sitzt lächelnd daneben. Gerade hat ihr Mann erzählt, dass sie erst vor zwei Monaten nach Deutschland gekommen ist und noch kaum Deutsch spricht oder versteht. „Koffein und der viele Zucker sind nicht gut bei einer Schwangerschaft“, sagt Anna Stein freundlich. „Doch wenn sie Heißhunger danach hat, kann sie ruhig ein halbes Glas in der Woche trinken.“ Der Mann übersetzt das für seine Frau.

Aufklärung rund um die Geburt

In sieben Berliner Geburtskliniken bieten Babylotsen wie Anna Stein werdenden und wachsenden Familien – vor und nach der Geburt des Babys – eine solche Beratung an. Die Stiftung „See You“ startete das Babylotsen-Programm 2007 in einem Kinderkrankenhaus in Hamburg. Es geht bei der Initiative um Prävention: Kindeswohlgefährdung soll durch Aufklärung rund um die Geburt verhindert werden. Inzwischen gibt es in mehr als 30 Kliniken und sieben Bundesländern solche Babylotsen. Wenn sich Paare für die Geburt in einem der teilnehmenden Krankenhäuser anmelden, wird ihnen geraten, die Babylotsen aufzusuchen. Das Paar aus Neuguinea hatte schon vorher von dem Angebot gehört – die Frauenärztin erzählte davon. Das ist nicht die Regel.

Meistens kämen die Frauen in Begleitung, oft von ihren Partnern, wird Anna Stein nach dem Gespräch mit der Familie aus Neuguinea erzählen. Aber noch ist das nicht zu Ende – gerade erklärt sie der Migrantin, dass Frauen in Deutschland eine Hebamme zusteht: „Eine Hebamme würde Sie insbesondere nach der Geburt zu Hause besuchen, um Mutter und Kind zu unterstützen. Diese Leistung wird in der Regel von der Krankenkasse übernommen“, sagt Stein. Es sei ihr erstes gemeinsames Kind, sagt der werdende Vater: „In Afrika wird die Frau schwanger, und dann bekommt sie das Kind und das war’s“, sagt er lachend. „Hier muss man Anträge stellen und dreitausend Termine machen." Die Babylotsin bietet der Familie an, sie könnten bei weiteren Fragen anrufen. Das junge Paar ist sich sicher, dass in den nächsten Wochen noch viele Fragen kommen werden.

Sie führen eine aktuelle Liste mit Kinderärzten

Anna Stein kennt die aktuelle Lage im Bezirk: Beispielsweise seien in Spandau derzeit die Kinderärzte überlaufen, erklärt Anna Stein den Paaren, die zu ihr kommen. Sie und ihre Kollegin, die zweite Babylotsin am Waldkrankenhaus, führen eine aktuelle Liste, mit Ärzten, die noch Kinder aufnehmen. Bei der Beratung geht es auch um Anträge vom Kinder- bis zum Mutterschaftsgeld, kostenfreie Kurse und Gruppen für Mütter, die Paarbeziehung und ihr soziales Netzwerk. „Nicht selten wird vergessen, einen Babysitter für das Geschwisterkind zu finden“, sagt Stein. „Oder es wird vom Partner unterschätzt, dass die Mutter besonders in der ersten Zeit viel Unterstützung braucht. Wir raten jedem Vater sich um den Stichtermin frei zu nehmen.“ Bei ihrer Beratung gehen die Babylotsinnen mit den werdenden Eltern das ausgefüllte Anmeldeformular durch, in dem zum Beispiel auch um Vorerkrankungen geht. Falls eine weiteres Gespräch erwünscht ist, kann, wie in dem Fall der Familie aus Neuguinea, telefoniert werden. Außerdem besuchen die Lotsinnen die Familien ein paar Wochen später auf der Wochenbettstation und fragen, ob noch ein Anschlussgespräch gewünscht ist.

All das dient dazu, dass die Neugeborenen nach der Geburt in eine sichere Umgebung zu aufgeklärten Eltern kommen, die ihr Kind nicht gefährden. „Eine Kindeswohlgefährdung kann auch Rauchen, Alkohol oder Übergewicht hervorrufen“, sagt Frank Jochum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Waldkrankenhauses Spandau. „Schon im Mutterleib werden diese Gefahrenfelder programmiert. So kann es sein, dass sie sich auf das Kind übertragen.“ Mit seiner Kollegin Karin Barnard initiierte Jochum das Projekt im Waldkrankenhaus. Immer wieder begegnen ihm auf der Station Kinder, denen offensichtlich länger nicht die Haare gewaschen wurden und die tagelang die selbe Kleidung tragen – Familien, in denen das Kind nicht im Mittelpunkt zu stehen scheint. Für ihn ist klar, dass ihnen die Aufklärung fehlt, die die Babylotsen nun leisten. „Für Kinder, die auf Grund eines ungesunden Lebensstils der Eltern als Patienten zu mir kommen, ist es eine schwierige Situation. Ich kann sie zwar gesund pflegen, doch wenn sich bei ihnen zu Hause nichts ändert, werden sie immer wieder kommen.“

Extremes Unter- oder Übergewicht sind Zeichen für Vernachlässigung

Wenn Eltern ihre Kinder gefährden, können der psychosoziale Dienst und das Jugendamt eingreifen. 2016 gab es in Berlin laut der Bundeskriminalstatistik 399 Mal eine Kindeswohlverletzung, etwa wenn Eltern überfordert waren und sich daraus Folgen wie extremes Untergewicht, extremes Übergewicht oder andere Vernachlässigungen ergaben. Da die Babylotsen schon vor der Geburt mit den Eltern in Kontakt treten, können sie in solchen Fälle oft vorbeugen.

Das Angebot richtet sich nicht nur an Menschen, die psychisch, physisch oder sozial Schwierigkeiten haben. Denn auch wenn Eltern gut vorbereitet sind, können Probleme auftreten. „Bei einer Akademikerfamilie, die schon mehrere Kinder hat, ist der Bedarf meist nicht offensichtlich. Trotzdem nehmen die Eltern das Programm wahr und entdecken Lücken in ihrer Planung.“ Zwischen Januar und Mai 2017 haben sich bereits 785 Frauen im Waldkrankenhaus von Anna Stein oder der zweiten dort beschäftigten Babylotsin beraten lassen: Das sei der Großteil aller Frauen, die sich dort für eine Geburt angemeldet haben. Am häufigsten wird Anna Stein von Vätern gefragt, wo sie bei der Geburt parken können und von den Müttern, nach Hebammen und aufkommender Angst vor der Geburt. „Die Bedürfnisse sind ganz unterschiedlich, weil sich jeder anders auf die bevorstehende Geburt vorbereitet“, sagt sie.

Die Babylotsin verteilt Checklisten

„Es ist so viel, was man beachten muss. Alleine schon, wann, wie, wo man die Geburtsurkunde beantragen muss. Wir haben eine ewig lange Checkliste, die wir abarbeiten“, sagt eine werdende Mutter, die ebenfalls an diesem Tag zur Beratung gekommen ist. „Die Babylotsin hat uns bestätigt, dass wir bisher alles richtig gemacht haben. Das gibt Sicherheit.“ Der dazugehörige werdende Vater hat auch etwas Neues erfahren: „Wir wussten gar nicht, dass es Säuglingspflegekurse noch gibt. Gerade ich als Vater kann dort lernen, wie ich meine Tochter richtig halte, die Windel wechsle oder baden kann.“ Sie haben von den Babylotsen eine Plan bekommen: Er listet auf, was vor und nach der Geburt erledigt werden sollte, unterteilt in Gesundheit, Arbeit, Behörden und Finanzen. Die beiden werden den Fahrplan zu Hause mit ihrer Checkliste vergleichen.

Um Babylotse zu sein, braucht man eigentlich keine spezielle Ausbildung. Aber Anna Stein ist gelernte Hebamme, Psychologin und Mutter von zwei Kindern. Seit Mai 2016 arbeitet sie als Babylotsin in Spandau. Häufig sind Babylotsen Sozialarbeiter oder kommen aus dem medizinischen Bereich rund um Kinder. Fortbildungen und Workshops werden durch andere Babylotsen und Babylotsen-Verbände angeboten. Alles zwei Monate treffen sich die Lotsen und Koordinatoren Berlins, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Die Babylotsen der Klinik finanzieren sich noch als Projekte und sind somit neben Senatshilfen besonders auf Stiftungs- und Spendengelder angewiesen. Eine Dauerfinanzierung gibt es noch nicht, auch ein Grund für manche Kliniken noch keinen Babylotsen anzubieten, so Jochum.

Derzeit versuchten sie das Angebot am Waldkrankenhaus noch weiter auszubauen und eine Partnerschaft mit Gynäkologen aufzubauen, die ihre Praxis in der Nähe habe, um die Mütter noch früher zu erreichen. „Denn wenn eine Person im weißen Kittel die werdenden Eltern zu uns schickt, hat das auch heute noch einen anderen Stellenwert“, sagt Stein.

KLINIKEN

Babylotsen gibt es am Vivantes Klinikum Neukölln, am Waldkrankenhaus Spandau, im St. Joseph- Krankenhaus in Tempelhof und am Sana Klinikum in Lichtenberg, am Helios Klinikum Buch sowie an den beiden Charité-Standorten Campus Virchow-Klinikum (Wedding) sowie Campus Mitte. 2016 wurden in Berlin knapp 42 000 Kinder geboren. In Kliniken, die am Babylotsen-Projekt teilnehmen, waren es allein 22062 Neugeborene: Damit konnte den Eltern von mehr als 50 Prozent aller Berliner Babys Betreuung durch Babylotsinnen angeboten werden. Die Babylotsen-Teams aller Kliniken stehen in ständigem Kontakt, arbeiten nach den gleichen inhaltlichen Konzepten, unterstützen sich gegenseitig bei der Arbeit und entwickeln ihre Projekte gemeinsam weiter. Weitere Infos unter babylotse.charite.de

SPANDAU

Mittwochs von 12.15 bis 19.30 Uhr und freitags von 10.15 bis 15.30 Uhr können werdende Eltern das Angebot der Babylotsen im Anmeldehaus für Geburten im Waldkrankenhaus Spandau (Stadtrandstraße 555) nutzen. Online muss die Geburt bis zur 16. Schwangerschaftswoche eingetragen werden, um die 30. Woche sollen die Familien zur

Anmeldung kommen und werden an die Babylotsen weitergeleitet. Im Waldkrankenhaus Spandau ist das Projekt Teil einer größeren Kooperation, des „Netzwerks Prävention und

Gesundheitsförderung in Spandau“ (Kiju FIT). Mit dem Angebot soll Eltern und Schulen ein Anreiz geboten werden, im Familienleben und der Erziehung unabhängig von ihrem

sozialen Status Kindern ein gesundes Aufwachsen zu bieten. Mitarbeiter des Netzwerks gehen auch in Schulen, um über Ernährung, Hygiene und Gesundheit zu sprechen. Kiju FIT

versorgt Familien ab Herbst mit „Bewegten Babybäuchen“, einem Kurs für Schwangere, über die Babylotsen bis hin zu den „Winterspielplätzen“ im Bezirk mit einem Angebot für Familien mit Kindern in unterschiedlichen Altersgruppen.

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