Glück mit Dannebrog Foto: Getty Images/iStockphoto
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Erziehung „Wir müssen verletzlicher werden“

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In Dänemark sind Kinder und Eltern glücklicher als anderswo. Die Therapeutin Iben Dissing Sandhal erklärt in einem Buch, was in den Familien in unserem Nachbarland besser läuft.

Iben Dissing Sandhal, Sie berichten, dass Sie auf Ihr Buch überwältigende Reaktionen aus aller Welt bekommen. Wie erklären Sie sich das?

Ich war sehr überrascht, dass so viele Menschen positiv auf unser Buch reagiert haben. Es wird derzeit in 24 Sprachen übersetzt! Das kann nur heißen, dass viele Eltern um Hilfe rufen. Das Buch scheint neue Perspektiven zu eröffnen, ja Leben zu verändern.

Und das weltweit?

Neulich war eine ganze Delegation aus Brasilien bei mir. Sie sagten, das Buch hat ihnen die Worte für etwas gegeben, das sie brauchen, sie konnten es bis dahin nur noch nicht benennen. Ich glaube, es ist Zeit für fundamentale Veränderungen. Es geht nicht nur um den Umgang mit Kindern, sondern um eine Art zu leben.

Mit wem haben Sie sich darüber ausgetauscht?

Mit vielen Journalisten in aller Welt, die meisten von ihnen hatten selbst Kinder. Ich habe Vorträge gehalten, bei denen das Publikum aus Eltern und Großeltern bestand, aus Erzieherinnen, Lehrern, Psychologen. Und alle sagen: Danke. Wir brauchen das in unserer Gesellschaft. Ich glaube, sie haben ganz einfach Angst.

Wovor?

Davor, wohin wir uns entwickeln. Sie beobachten, dass die Menschen härter, gröber werden.

Wie können wir gegensteuern?

Ich bin überzeugt, dass wir ehrlicher werden müssen, auch verletzlicher. Wir müssen aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen und stattdessen viel mehr zuhören und verstehen. Ich habe immer wieder gesehen, dass das am besten funktioniert.

Das ist durchaus schon oft gesagt worden. Warum ist es Ihre Stimme, die jetzt so deutlich vernommen wird?

Gerade weil wir es schon oft gehört haben, ist es abstrakt und weit weg. Wenn man etwas konkret macht wie mit dem Akronym G-L-U-E-C-K in unserem Buch, wird es nachvollziehbar. Unser Hirn begreift besser, wenn es die Dinge in einen Zusammenhang stellen kann.

Meine Kollegin sah Ihr Buch und sagte: Dänische Kinder sind glücklicher und ausgeglichener – klar, weiß doch jeder.

Dänemark ist nicht das Paradies, aber wir gehören seit Jahrzehnten zu denen, die den weltweiten Glücksindex der Vereinten Nationen anführen. Vielleicht sollte man besser sagen, wir gehören zu den am wenigsten Unglücklichen.

Wie kommt das?

Es gibt ein paar Dinge bei uns, die gut funktionieren, zum Beispiel das freie Spiel, von dem im Buch die Rede ist. Auch unsere Art, mit negativen Erfahrungen umzugehen und immer auch die andere Seite zu betrachten. Unsere Authentizität. Manche Dänen würden sich wahrscheinlich nicht so beschreiben, trotzdem ist der Ansatz im weitesten Sinne dänisch.

Wann hat in Dänemark die Erkenntnis eingesetzt, dass wir unsere Kinder liebevoll behandeln sollten?

Ich glaube, das stammt aus unserer bäuerlichen Kultur. Die Menschen mussten sich sehr aufeinander verlassen, und dafür mussten sie kommunizieren. Sie bauten Gemeinschaftshäuser, wo sie sich treffen, zusammen singen, sich besprechen konnten. Solche Gemeindezentren gibt es bis heute.

Hat das etwas mit dem Begriff Hygge zu tun?

Ja, ich denke, Hygge geht darauf zurück. Sich geeint fühlen, als Teil eines Ganzen.

In Deutschland ist ein großes Problem, dass viele Eltern nicht wissen, wie sie Grenzen setzen sollen.

Das ist weit verbreitet. Aber Grenzen setzen hat nichts mit einem autoritären Erziehungsstil zu tun. Es geht vielmehr darum, wie wir zusammenleben wollen, was unsere gemeinsamen Werte als Familie sind. In dieser chaotischen Welt brauchen Kinder dringend einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können. Wir hören Tag für Tag so viel Beunruhigendes, durch die sozialen Netzwerke kommen Einflüsse von überallher. Kinder brauchen mehr denn je klare Regeln, wie unsere kleine Gemeinschaft zu Hause funktioniert. Da musst du dich sicher fühlen und entspannen können, ohne die Informationsflut und Erwartungen der Welt.

Viele Eltern erwarten zu viel von ihren Kindern, weil sie Angst haben, die Kinder könnten zu wenig lernen und den Anschluss verpassen. Bringt es etwas, diesen Eltern nahezulegen, ihre Kinder einfach spielen zu lassen?

Alles weist daraufhin, dass Spielen gesund ist. In vielen Kindergärten und Schulen wird deshalb Raum für das freie Spiel geschaffen.

Und wenn am Nachmittag die Eltern übernehmen?

Dann werden viele Kinder in den Fußballverein gebracht, zum Ballett, zum Reiten. Und wenn sie spielen, wollen wir, dass sie dabei was Vernünftiges lernen. Wir Eltern haben einen Plan. Das ist nicht schlecht – aber für Kinder ist das kein Spiel. Spielen ist frei, da können sie forschen, sich etwas ausdenken, Eindrücke verarbeiten, sich ausprobieren. Kinder brauchen das. Ihr Hirn braucht es, um sich zu entwickeln.

Aber was ist, wenn das Kind nörgelt, dass es sich langweilt?

Da würde ich sagen: Das ist sehr gut! Langweil dich noch ein bisschen weiter und schau, was dann passiert. Wir Eltern müssen unseren Kindern Räume lassen, wo wir sie nicht kontrollieren. Jeder braucht Zeit für sich.

Das ist gar nicht so leicht für Eltern, die sich selbst keine Freiräume zugestehen.

Klar. Aber wir sind der Spiegel für unsere Kinder. Wenn wir ihnen zeigen, dass wir uns gut um uns kümmern, lernen sie das automatisch auch. Während das Kind seine halbe Stunde für sich hat, können wir uns selbst eine kleine Auszeit nehmen. Das macht uns entspannter, wir rasten dann nicht mehr so schnell aus.

Wie kann das konkret ablaufen?

Als meine Kinder kleiner waren, habe ich sie nachmittags abgeholt, dann haben wir es uns gemütlich gemacht – Stichwort Hygge –, eine Kleinigkeit gegessen, bis ihr Bedürfnis nach Mama-Nähe gestillt war. Es war offensichtlich, dass sie das brauchten. Irgendwann kam immer der Punkt, wo sie von selbst in ihre Zimmer verschwanden. Es hat uns alle entspannt und wiederhergestellt. Leider vergessen wir das in unserem hektischen Alltag.

Und während die Kinder ihre Pause machen, sollen wir das auch tun, anstatt Wäsche aufzuhängen?

Ja. Ich kann in diesen kurzen Auszeiten besser wahrnehmen, wo ich stehe. Wie fühle ich mich? Bin ich mit anderen verbunden? Wenn ich in Hektik komme, bin ich irgendwie nicht mehr da. Und zu den wichtigsten Dingen im Leben gehört, sich in andere einfühlen zu können. Nur so können wir die Dinge zum Besseren wenden.

Dazu müssen die Eltern sich selbst kennen.

Ich glaube nicht, dass wir als Eltern offenherzig und unvoreingenommen sein können, wenn wir uns nicht mit uns beschäftigt haben.

Wie geht man das an?

Der erste Schritt ist, darüber nachzudenken und vielleicht aufzuschreiben, was die eigenen Werte sind, was ich mag, was ich will, welche schlechten Angewohnheiten ich habe, was mich in Rage bringt. Wie will ich meine Kinder aufwachsen lassen und wie nicht?

Und wenn man dabei entdeckt, dass man sich überhaupt nicht mag?

Ich weiß, dass sich viele Menschen nicht eingehend mit sich selbst und ihren Problemen befassen wollen. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Irgendwann beginnt man sich unwohl zu fühlen damit, wie man die eigenen Kinder behandelt. Das Muster wiederholt sich so lange, bis man anhält und sich fragt: Bin ich glücklich? Sind meine Kinder glücklich? Wenn nicht, gibt es nur eine Person, die das ändern kann: ich selbst. Das sage ich meinen Klienten immer und immer wieder: Du kannst nicht auf dem Sofa sitzen und warten, bis jemand anders dein Leben in Ordnung bringt.

Die erste Person, die man gern dafür verantwortlich macht, ist der Partner.

Richtig. In Dänemark haben wir eine hohe Scheidungsrate von 42 Prozent.

Wie kommt das?

Auf der einen Seite haben wir wie überall viel Individualismus, alle wollen alles nach ihren Vorstellungen. Andererseits sind dänische Frauen stark, die meisten von uns arbeiten und können für sich sorgen. Da kann ein selbstbestimmtes Leben schnell attraktiver wirken als eine Beziehung, in der ich doch nicht richtig glücklich bin.

Aber wollen Kinder ihre Eltern nicht zusammen haben?

Das schon. Aber die meisten Kinder wollen ihre Eltern lieber glücklich sehen als in einer Beziehung, die nicht funktioniert. Es gehört zu unserer Authentizität dazu, dass wir mit ihnen reden und ihnen klarmachen, dass sie keine Schuld trifft.

Und das klappt?

Ja. Die meisten Eltern kriegen das mit der Scheidung gut hin und legen großen Wert drauf, dass ihre Kinder trotzdem glücklich sind.

Es hilft bestimmt vielen Menschen, ihre Aufgabe als Eltern getrennt davon zu sehen, ob die Partnerschaft gelingt.

Meine eigenen Eltern haben sich scheiden lassen, als ich sehr klein war, aber ich habe sie nie schlecht übereinander sprechen gehört. Ich konnte sie mir gar nicht als Paar vorstellen, sie waren so unterschiedlich. Trotzdem haben wir Feste zusammen gefeiert. Sie waren Freunde.

Iben Dissing Sandhal Foto: promo
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REZENSION

Viele Eltern haben ihren Kindern gegenüber Schuldgefühle. Sie glauben, ihnen mit ihren eigenen unkontrollierbaren Verhaltensweisen zu schaden, die ihre Wurzel fast immer in der Kindheit haben. Es kann sehr schmerzhaft sein, sich damit zu befassen, deshalb greifen Ratgeber oft zu kurz. Jessica Joelle Alexander und Iben Dissing Sandhal schaffen es, diese Falle in ihrem Buch „Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind“ zu umgehen, weil sie ihre Leserinnen und Lesern genauso empathisch, unaufgeregt und klar ansprechen, wie sie eine gelingende Kindererziehung darstellen.

Die amerikanische Journalistin und die dänische Therapeutin schreiben leicht verständlich, ohne dabei die wissenschaftlichen Grundlagen außer Acht zu lassen. Nach jedem Kapitel geben sie konkrete Tipps, wie man sich im Alltag verhalten kann. Als roten Faden haben sie sich das Akronym G-L-U-E-C-K ausgedacht. Die Begriffe hinter diesen sechs Buchstaben sollen helfen, sich auf die Suche nach einem besseren Weg zu machen.

G steht für gutes Spiel jenseits von Lernabsichten, vorgegebenen Regeln, Bildschirmen. Kinder brauchen das freie Spiel, um sich die Welt zu erschließen. L steht für Lernorientierung. Forschungen belegen: Kinder, die man pauschal für ihre Intelligenz lobt, werden darauf festgelegt, nicht hinter diesen Standard zurückzufallen. Ihr Verhalten wird davon dominiert, keinesfalls als Versager dazustehen. Kinder, die für ernsthaftes Bemühen und Erfolge in bestimmten Aufgaben gelobt werden, trauen sich mehr zu, denn für sie bedeutet Scheitern lediglich, dass man es noch mal versucht.

Wie so oft in dänischen Erziehungsratgebern geht es darum, authentisch und gleichzeitig entspannt zu sein. In diesem Sinn steht U für Umdeuten. Jede Geschichte hat mindestens zwei Seiten, die absolute Wahrheit gibt es nicht. Diese Tatsache kann man sich zunutze machen und dem Positiven mehr Bedeutung beimessen als dem Negativen. Da wir fühlen, was wir denken, hat diese Haltung weitreichende Konsequenzen.

E steht für Empathie. In Dänemark wird Kindern von Anfang an beigebracht, ihre Gefühle zu identifizieren, darüber zu sprechen und respektvoll miteinander umzugehen. Mit der simplen Anleitung: „Üben Sie, andere zu verstehen, anstatt sie zu verurteilen“ bieten die Autorinnen einen Umdenkprozess an, der das ganze Leben grundlegend verändern kann.

C steht für cool bleiben. Die kniffeligste aller Aufgaben im Alltag als Eltern lässt sich nur auf die Dauer lösen. Das beginnt bei der grundsätzlichen Haltung, dass es keine Schuld zu verteilen gibt, jeder aber Verantwortung für sich selbst und das eigene Wohlbefinden übernehmen kann. Das lohnt sich, wir Eltern haben es in der Hand: „Gutes schafft Gutes. Schlechtes schafft Schlechtes. Kontrollverlust erzeugt Kontrollverlust. Und Ruhe erzeugt Ruhe.“

K steht für kuscheliges Beisammensein. Da ist er, der berühmte dänische Begriff Hygge. Er steht nicht nur für Gemütlichkeit bei gutem Essen und Kerzenlicht, sondern vor allem für die Entscheidung, als Gruppe Zeit miteinander zu verbringen, in der alle friedlich sind und das Positive betonen. Die Amerikanerin Alexander kann es nach 15 Jahren Ehe mit einem Dänen noch immer kaum fassen, dass so ganze Großfamilien tagelang das Beisammensein ehrlich genießen und Kraft daraus schöpfen können.

Vielen Dänen ist es offenbar gelungen, vom Urteilen, Schuldverteilen und Schwarzsehen mehr Abstand zu nehmen als den meisten anderen. In diesem Buch steht glaubwürdig und nachvollziehbar, wo es anfängt, das bessere Leben: bei unserem Verhältnis zu unseren Kindern.

Das Buch Foto:promo
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Jessica Joelle Alexander, Iben Dissing Sandhal, Warum dänische Kinder glücklicher und ausgeglichener sind. Mosaik, 2017. 222 Seiten, 18 Euro.

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