1962. Der Tagesspiegel bekommt ein neues Verlagshaus in der Potsdamer Straße. Der Neubau wird 1961 geplant, um dem Verlag Mieteinnahmen zu verschaffen. Pfusch am Bau verzögert aber die Fertigstellung. Erst 1966 zieht der Vertrieb in den ersten Stock ein. „Deutlicher als mancher Kommentar bringt dieser gewaltige Neubau unweit der Mauer das Vertrauen des Tagesspiegels in die Zukunft Berlins zum Ausdruck“, heißt es am 7. Januar 1962. Foto: R/Dp

Die Tagesspiegel-Standorte Auferstanden aus Ruinen

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Der Tagesspiegel ist herumgekommen in Berlin: vom Ullstein-Haus in Tempelhof über die Potsdamer Straße bis zum Askanischen Platz, wo es heute viel Platz auch für die Leser gibt.

Heute würde das Ullstein-Haus des Jahres 1945 vermutlich „Media Center“ heißen – damals war es nur ein vom Krieg schwer beschädigtes Gebäude, und dennoch das Beste, was an Räumen für eine frisch gegründete Berliner Zeitung verfügbar war. Daher stand außer Frage, dass der Tagesspiegel dort nicht nur gedruckt wurde, sondern auch mit der Redaktion einzog, in den karg ausgestatteten dritten Stock.

Am 27. September 1945 erschien das Blatt zum ersten Mal mit nur vier Seiten, dann dreimal in der Woche, mehr Papier war nicht verfügbar – bis schließlich die amerikanische Militärregierung ihre eigene „Allgemeine Zeitung“ einstellte und das Papierkontingent dem Tagesspiegel zur Verfügung stellte. Die Gründer Erik Reger, Edwin Redslob, Walther Karsch und Heinrich von Schweinichen hatten sich als untadelige Demokraten erwiesen und durften nun die Zeitung unabhängig führen.

Ab dem 13. November erschien das Blatt täglich, als erste freie Zeitung Deutschlands. Der pädagogische Anspruch des Chefredakteurs Erik Reger war überdeutlich: Ressorts gab es nicht, alles wurde kreuz und quer auf den Seiten verteilt, damit der Leser auch alles lesen möge. Die Druckmaschinen waren zusammengebastelt aus Teilen, die den Krieg überstanden hatten, und von irgendwoher eingeflogenen Ersatzteilen. Und sie funktionierten: Die Auflage stieg in lichte Höhen, die später nie wieder erreicht wurden. Über 400.000 Exemplare wurden 1946 täglich gedruckt und auch in ganz Deutschland verkauft und gelesen. Abonnenten in der Stadt erhielten das Blatt von eigenen, uniformierten Austrägern.

Dann allerdings verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage, die Auflage sank auf 315.000 und die amerikanische Militärregierung verlangte die Kürzung des Blattumfangs. Schließlich begann die Blockade, die den Tagesspiegel am Ende von seinem Verbreitungsgebiet abschnitt: Die Zeitung konnte seitdem nur noch in den drei Westsektoren verbreitet werden, die Auflage fiel ins Bodenlose.

Papier kam via Luftbrücke, Redakteure arbeiteten bei Kerzenschein

Nur noch 90.000 Stück wurden während der Blockade 1948 gedruckt, das Papier kam über die Luftbrücke, die Redakteure saßen bei Kerzenschein über ihren Manuskripten. Die für Westdeutschland vorgesehene Auflage wurde sogar in Frankfurt gedruckt – das misslang nur einmal, als die Mittagsmaschine mit den Vorlagen wegen schlechten Wetters nach Marseille umgeleitet wurde.

Doch das Blatt geriet dabei in eine existenzielle Krise, aus der es schließlich 1949 von Franz Karl Maier aus Stuttgart befreit wurde, der ein Millionenvermögen in den Verlag steckte. Erst jetzt wurde auch eine Seite mit lokalen Themen eingeführt, als zähneknirschendes Eingeständnis, dass die Zeitung als rein überregionales Produkt keine Zukunft haben würde.

Am Sitz und Druck in Tempelhof änderte sich allerdings erst im März 1954 etwas. Da nämlich nahm die verlagseigene Mercator-Druckerei in der Potsdamer Straße in Tiergarten ihren Betrieb auf; Tagesspiegel und wenig später auch der „Abend“ wurden nun dort gedruckt. Am 30. März erschien Bürgermeister Walther Schreiber vor den beiden Rotationsmaschinen und drückte auf den Knopf, der die Geräte in Gang setzte. „Ein Kilometer Zeitung pro Minute“, freute sich der Berichterstatter.

Ab 1954 in der Potsdamer Straße beheimatet

Kurz vor Weihnachten 1954, am Sonntag, dem 19. Dezember, folgte die Redaktion. Der Tagesspiegel erschien mit einem dezenten Hinweis auf der ersten Seite rechts unten: „Der Tagesspiegel ist umgezogen!“ Die neue Adresse: Berlin W 35, Potsdamer Straße 87, Telefon 240017. Das ist der Altbau, der 1912 vom Verband der Deutschen Elektroindustrie erbaut wurde. Ganz einfach scheint das nicht gewesen zu sein, denn Lokalchef Günter Matthes moserte in einer der kürzesten seiner berühmten Glossen: „Während diese Zeilen stehend freihändig geschrieben werden, bummelt unser Mobiliar durch Berlin – im Möbelwagen. In Zeiten des Umsturzes kommt der Intellekt gegenüber der Brachialgewalt ins Hintertreffen.“

Dennoch war es recht eng im neuen Domizil, jedenfalls für einen aufstrebenden Verlag. Ein paar Schritte nördlich, da, wo die Druckerei stand, wurde deshalb ab 1961 ein neues Verlagshaus geplant. Aber Baupfusch verzögerte den Umzug; der Vertrieb des Blattes konnte sogar erst 1966 in die ihm zugedachte erste Etage umziehen. Auch spätere Generationen von Redakteuren können bestätigen, dass das Gebäude seinen Zweck eher notdürftig erfüllte. Der spätere Chefredakteur Giovanni di Lorenzo soll 1999 sogar, frisch aus dem fein gemachten München importiert, den Schreckensruf „Bulgarien!“ ausgestoßen haben.

Farbfotos gibt es im Tagesspiegel seit 1994

Bis dahin war allerdings noch viel Zeit, in der beispielsweise der Fall der Mauer sich ereignete und die damaligen Verlagsgeschäftsführer Christian Hädler und Lothar C. Poll elektrisierte. Mit prophetischem Blick hatten sie schon 1988 eine neue Rotationshalle geplant, deren Grundstein zwei Monate vor dem Mauerfall gelegt wurde. Sie sollte das Blatt fit für Vierfarbdruck und steigende Auflagen machen – und für das Erscheinen an allen sieben Tagen der Woche sowieso. Das Format wurde vergrößert, das Layout aufgefrischt. Im Dezember 1991 startete die Anlage ihren Betrieb. Auch das Verlagshaus, dem die Jahrzehnte heftig zugesetzt hatten, wurde mit einer adretten Backsteinfassade neu eingekleidet.

Diese Blütenträume konnten dann bekanntermaßen langfristig nicht reifen, die teure Investition erwies sich zunehmend als unwirtschaftlich und 1993 erwarb die Verlagsgruppe Holtzbrinck die Mehrheit am schlingernden Verlag. Parallel folgten nach und nach die großen Umwälzungen im Blatt – 1994 erschien es erstmals mit Farbfotos – und in der Redaktion. Die Zahl der Redakteure stieg und das Gefühl der Enge in den alten, immer wieder umgebauten Räumen auch.

Zehn Jahre nach der Übernahme zog der Verlag die Konsequenzen aus der Fehlkalkulation mit der Druckerei: Der Zeitungsdruck im Haus wurde ganz aufgegeben und im Dezember 2003 ins Druckhaus Spandau verlagert. Die noch recht frische, wenn auch nicht besonders zuverlässige Rotationsanlage entschwand in Richtung Osteuropa, aber der Plan, die Halle zugunsten von neuen Büroräumen abzureißen, erstarb nach und nach – zum Glück für neue Mieter, die viel später kamen und was richtig Großes brauchen konnten.

2009 bezog der Tagesspiegel die alte Siemens-Verwaltung

Aber es dauerte auch nochmals sechs Jahre (und viele verstopfte Abwasserrohre), bis schließlich das Großprojekt des zweiten Tagesspiegel-Umzugs konkrete Formen annahm, und zwar des gesamten Unternehmens auf einen Schlag. Ziel diesmal: Askanischer Platz 3, wo sich nach langer Suche ein passender Altbau gefunden hatte, früher einmal Sitz der Firma Siemens, später von der Finanzverwaltung genutzt. Hier war nun – und ist bis heute – genügend Platz für Redaktion von Print und Online, für den Verlag mit allen Geschäftsbereichen, für eine große Kantine, Veranstaltungs- und Konferenzräume, für einen Laden und und und ... Erfolgreiche Veranstaltungen wie der jährliche Tag der Offenen Tür wurden erst hier überhaupt möglich.

Die Kollegen von Zeit online zogen erst ein und dann wieder aus, weil sie doch mehr Platz gleich nebenan fanden, die Kollegen von „Zitty“ zogen aus, weil das Stadtmagazin verkauft wurde – und dennoch fanden sich wieder neue Verlags- und Redaktionsaufgaben, die dazu führten, dass im Jahr 2015 drinnen im Haus bisherige Freiflächen zu Büros umgestaltet wurden. Allerdings lässt sich in der aktuellen Situation völlig ausschließen, dass irgendjemand einen weiteren, vierten Umzug erwägt. Alle fühlen sich ganz wohl, wenn auch in der Potsdamer Straße das normale städtische Leben näher schien als am Potsdamer Platz mit seinen Touristen und Büromenschen.

Am Ende der 70 Tagesspiegel-Jahre ist so immerhin eine komfortable Situation entstanden, die sich die Gründer der Zeitung damals, bei Kerzenlicht im Ullstein-Haus, sicher nicht vorstellen konnten.

Dieser Text erscheint zum 70-jährigen Bestehen des Tagesspiegels. Lesen Sie weitere Beiträge zum Geburtstag auf unserer Themenseite.

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