Bettgefährten. Janosch und Usti mit Nora Tschirner auf der Schmusematratze in Binz. im Hintergrund die Bandkollegen Tom Krimi und Erik Lautenschläger. Janosch trägt den Puppy Clip, Usti in Apricot die praktischere Modeschur. Eine Szene aus dem Songvideo "Film Noir" der Band Prag. Foto: promop

Des Pudels Kern - neu entdeckt Schön auch ohne Föhn

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Retro? Omahund? Pudel gelten wegen ihrer Frisuren oft als spießig. Ihre Fans wollen das ändern. Schauspielerin Nora Tschirner und ihre Berliner Band "Prag" helfen bei der Imagekampagne - mit einer Romanze auf acht Pfoten.

Irgendwann nach der dritten Klappe hatten sie die Schnauzen voll. Sie wollten nicht mehr dynamisch vom Hotelbett runterspringen. Das lag wohl auch an Nora. Die beiden mochten viel lieber mit ihr weiterkuscheln. Sie fühlten sich bei Nora auf dem Laken pudelwohl. Nur der Kameramann nervte. Der wedelte mit dem Drehbuch, wollte ihren Absprung noch mal filmen – eine Szene mit Nora Tschirner und Usti und Janosch für den Videoclip zum neuen Liebessong „Film Noir“ der Berliner Poprock-Band Prag.

Zuvor darf sich das dressierte Pudel-Duo mit der Schauspielerin und Prag-Frontfrau in einem Schlosshotel im Ostseebad Binz auf dem Französischen Bett räkeln. Sie ist im Clip ihr Frauchen. Dann aber heißt es runter von der Matratze. Usti und Janosch hauen zum Strand ab, eine Romanze auf acht Pfoten. Scheinbar liebestoll preschen sie am Saum des Meeres entlang, hopsen in Strandkörbe, blinzeln Schnauze an Schnauze in die Abendsonne. Mopsen, ganz Gaunerpärchen, Würste vom Tisch.

Der Liedtext dazu? „Alles leer, nur wir zwei, nichts kann heute schöner sein als wir.“ Seit ein paar Wochen kursiert das Video im Netz, hat jede Menge Klicks, keineswegs nur von Prag-Fans. Unter Pudelfreunden ist es Kult. Das hatte Nora Tschirner mit ihren Bandkollegen Erik Lautenschläger und Tom Krimi gar nicht so vorgesehen. Sie wollten im Video für ihren Lovesong keine übliche kitschige Inszenierung, so kamen sie darauf, Pudel als Hauptdarsteller zu nehmen. „Für eine tierische Liebesgeschichte“, wie Gitarrist und Sänger Lautenschläger sagt.

Dafür engagierten sie die Pudel der Berliner Filmhundeausbilderin Edelgard Mechsner. Dass eine angesagte Band ihre Lieblinge promotet und sich sogar „ein bisschen verguckt hat“ in ihre wuscheligen Filmpartner, wie es heißt, kam aber auch vielen Pudelfans gerade recht.

Nichts liegt ihnen mehr am Herzen, als ihre Rasse aus der „Oma- und Retroecke“ herauszuholen. „Wurfzahlen – und Nachfrage sinken“, sagt Anne Quade, Pankower Tierärztin und Vize-Vorsitzende der Landesgruppe Berlin-Brandenburg des Deutschen Pudelklubs. In den 50er und 60er Jahren waren Pudel in Berlin die Modehunde Nummer eins. Längst gelten sie aber bei vielen Jüngeren als megaspießig. Auf der Hitliste der beliebtesten Hunde Deutschlands rutschte der Pudel mittlerweile auf Platz 17 ab. Und überholt wird das Original inzwischen von weitaus populäreren Mixen, in denen zwar Pudel drin ist, aber meist nur zur Hälfte oder weniger. Labradoodle, Schnoodle, Jackapoo oder Cockapoo, das sind die Kreuzungen mit Labrador, Schnauzer, Jack-Russel-Terrier und Cockerspaniel.

Anne Quade mit ihrer Königspudelin Kaja. Die Pankower Tierärztin ist Vizevorsitzende der Landesgruppe Berlin-Brandenburg des Deutschen Pudel-Klubs. Foto: privatp

Aber was kann der von Vorurteilen verfolgte und dank Goethe meistzitierteste Hund der Welt dafür, dass er mit seinem schmalen eleganten Kopf, den mandelförmigen Augen und seinem Pelz manchen dazu verführt, ihn zur Claudia Schiffer oder zum Dandy der Caniden zu frisieren? Anne Quade vom Pudelklub weiß, wie man dieses Bild am besten zurechtrückt. „Betrachten Sie ein solches Model mal pudelnass, dann sehen Sie sofort – unter der Prachtfrisur steckt ein richtiger Hund.“ Der will buddeln, durch Pfützen springen. Goethe habe ihm unrecht getan. „Des Pudels Kern ist kein Mephisto, sondern ein fideles, verspieltes, sensibles und äußerst aufmerksames, gelehriges Wesen.“

Auf den Pudel kam die 48-jährige Veterinärin 2002, als ihr ein Artist von einem kleinen Wanderzirkus ein silberfarbenes Wollehündchen mit gebrochenem Bein auf den Behandlungstisch setzte. Einschläfern sollte sie den Zwerg, machte sie aber nicht. Sie adoptierte und heilte ihn, entdeckte seine „tolle, lustige Art, Gesellschaft zu leisten“.

Später hat sie dann ihre heutige kakaobraune Kaja großgezogen und verpasste der erst mal einen „Puppy-Clip“. Ein wahres Kunsthandwerk. Pompon-Schwanz, puschige Pelzjacke, zarte Wollleggings, kurz geschoren vom Hintern bis zu den Rippen, fein rasierte Schnauze und – ganz adelskonform – die Puschelkrone für die Königspudelin. Aber irgendwann wollte es Anne Quade dann doch simpler haben, rundherum „eher kurz, sportlich, praktisch, schick“. Das passt auch viel besser zu ihren zwei Söhnen, die gerne mit Kaja im Garten vor ihrem Haus am Nordrand Berlins herumtoben. Kaja, die Pflegeleichte, fasst sich jetzt rundherum an wie ein softer Berberteppich. Nur vom heftig sprießenden Kopfhaar will Quade nicht lassen. Sie lacht. „Das flecht ich zu Zöpfchen. Ist ja ein Mädchen.“ Man müsse, so sieht sie es, halt den Goldenen Schnitt finden zwischen Funktionalität, natürlicher Schönheit und kleinen fantasievollen Kapriolen, die Spaß machen.

So liberal betrachtet, kann das außergewöhnliche „Haarkleid“ des Pudels im Vergleich zum profanen Hundefell ein wahrer Segen sein. Zumal Kaja keine Haare verliert – nicht auf dem Autositz, nicht in der Wohnung –, weil Pudel überhaupt keine Haare haben, sondern dichte gelockte Wolle wie Schafe. Und die sitzt fest. Gilt als ideal für hundefreundliche Allergiker. Es gibt nur einen Wermutstropfen. Die Wolle wächst ständig nach, muss regelmäßig gebürstet, gekämmt und beschnippelt werden. Sonst verfilzt der Hund wie ein zu heiß gewaschener Strickpullover. „Das beengt ihn, er fühlt sich nicht mehr wohl“, sagt Anne Quade. Deshalb rollen die Modewellen über den Pudel seit Jahrhunderten hinweg, arbeiten sich Hundecoiffeure und Rassevereine an ihm ab mit haarigen Disputen und minutiösen Schurregeln (siehe Kasten).

Beflügelt hat die Friseure auch, was man im Auslaufgebiet am Grunewaldsee täglich beobachten kann. Pudel stürzen sich hochbegeistert ins Wasser. Pudelnass = pudelwohl. Sie waren einst im 18. Jahrhundert die besten Kräfte im Grunewaldschloss für die Entenjagd. Folglich ließ man ihnen damals vorne viel Wolle, um Lungen und Herz warm zu halten, aber hinten wenig, damit sie nicht wie eine bleierne Ente versanken. Der vollgesogene Pelz hätte sie hinabgezogen.

Rasch mal durchzählen. Christine Vollrath und ihr schneeweißes Schnauzen-Quintett im Stadtpark Schöneberg. Foto: Christoph Stollowskyp

Auch deshalb wurden die Schur-Schablonen schon seit den Tagen des Alten Fritz entwickelt. Und 2015? Da fällt mit der Wolle bei den avantgardistischen Pudeln auch so manches fest gefügte Rassekleid. Teuer muss das nicht sein. „Die eigene Schermaschine spart den Hundesalon“, sagt Anne Quade. Dort kostet ein Mal Scheren je nach Größe 40 bis 150 Euro.

Platzwechsel. Kurios, was man hin und wieder im Schöneberger Rudolph-Wilde- Park erleben kann. Da sitzt eine Frau mit fünf blitzweißen mittelgroßen Pudeln auf einer Ruhebank. Zwei links, zwei rechts von ihr und einer auf dem Schoß. Das Sextett wohnt um die Ecke in einer Dreizimmerwohnung an der Fritz-Elsas-Straße. Christine Vollrath, 53, Jeans, Parka, rotbrauner Zopf, ist seit elf Jahren auf die Wollhunde abonniert und erledigt deren Toilette professionell. Sie ist Hundefriseurin.

Und wer ist die hübscheste Schnauze auf der Bank? „Queeny“, sagt Christine Vollrath und tätschelt eine sechsjährige Hündin. Fellbommeln wie beim Cheerleading über den Pfoten, an Rute und auf den Nieren, Afrokopfputz, Brust üppig, Hinterleib kahl. Seidige Feenschleier an den Ohren. „Continental-Clip“ heißt der Style. Damit hat Queeny als Abgott des guten Pudelgeschmacks 20 Titel gewonnen bis zum Weltjugendsieger 2012 in Bratislava. Doch auch die anderen Pudel hat Frauchen vorschriftsmäßig geschoren, vom Puppy- bis zum Modeschnitt.

Jetzt spazieren sie alle zusammen an einer raffiniert ausgeklügelten Fünflingsleine los, Christine Volllrath hinterher. Auf solchen Ausflügen erlebt sie ganz unterschiedliche Reaktionen. Manche Leute im Park schütteln den Kopf, „aber die meisten finden uns lustig, greifen zum Smartphone und knipsen“, erzählt sie. Auf Facebook-Seiten hat sie sich mit ihren fünfen dann wiedergefunden.

Gut gesprungen. Agility-Hundesport am Übungsplatz des Deutschen Pudel-Klubs in Buckow. Sebastian Dudeyp

Damit die gestylte Truppe auch mal richtig Gas geben kann, hat Vollrath eine Laube an der Hundekehle in Grunewald gepachtet. Manchmal besuchen sie auch den Übungsplatz des Pudelklubs in Buckow. Eine Wiese am Vereinsheim, dort wird der Agility-Parcours aufgebaut. Umwerfend, wenn so ein Showgirl wie Queeny durch Reifen springt, über Laufstege balanciert, durch Tunnel kriecht und zeigt, dass es viel mehr kann als schön sein.

Ist man mit fünf Pudeln überhaupt gesellschaftsfähig? „Klar“, sagt Christine Vollrath. Erst jüngst reiste sie mit ihrem Kombi voller Hunde nach Spanien. „Da haben sie sich in den Hotels über meine tollen Pudel gewundert.“ Wenn sie arbeitet, betreut ihre Mutter Queeny, Fabio, Ronna &Co. Zu Hause dürfen die fünf auch aufs rote Ledersofa. Alle zugleich. Das bereitet keinen Verdruss. Sie werden ja alle drei Wochen gewaschen, geföhnt, gebürstet – und für Christine Vollrath sind sie ohnehin eine Wonne. Sie hat sich im Schlafzimmer ein kleines Studio eingerichtet mit Frisiertisch, diversen Hundescheren. Queeny steht stramm, wenn Frauchen sie dort mit Hingabe frisiert. Streng verficht Vollrath die Clip-Standards aber nicht. „Hauptsache, Hund und Halter sind glücklich. Das ist die beste Pudel-PR.“

Sänger und Gitarrist Tom Krimi von der Band Prag wollte es bis zum Drehbeginn ihres Songvideos gar nicht glauben, dass Pudel „kleine Rennmaschinen und Clowns“ sind. Aber dann hat er den gestreckten Galopp von Usti und Janosch am Strand und die Szene am Wirtshaustisch erlebt. Usti springt auf die Tischplatte, Janosch schnappt den Deckenzipfel und zerrt seine Gefährtin mit einem Ruck herunter. Das hat Tom Krimi überzeugt. „Hatte Pudel vorher nur stolzierend neben Rentnern gespeichert“, sagt er.

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