Man hätte das Gebäude auch abreißen können 1911, als die neue U-Bahn-Trasse gebaut wurde. Aber es blieb stehen. Man hielt es für die praktikablere Lösung. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Das U-Bahn-Haus am Gleisdreieck-Park Wie, bitte, kann man hier wohnen?

Johannes Ehrmann
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Jeder kennt dieses Haus am Gleisdreieck. Die Untergrundbahn fährt direkt hindurch. Und die Bewohner leben mit 444 Zügen am Tag. Unser Blendle-Tipp.

Da steht ein Haus am Park, durch das die U-Bahn fährt ... Witze beginnen so oder ein surreales Gedicht, eine dadaistische Großstadtvision, irgend so etwas. U-Bahnen, das wissen schon kleine Kinder, fahren im Untergrund, in Tunneln, sicher, auf stählernen Brücken auch. Mitten durch ein Wohnhaus fahren sie in der Regel nicht.

Es beginnt als fernes Grollen, das tief aus dem Inneren des Gebäudes zu kommen scheint wie aus einem Bergwerk, von irgendwo hinter der Wand mit den Briefkästen. Man bleibt unwillkürlich stehen da mitten im Hausflur, hält den Atem an, lauscht, das Geräusch wird lauter von Moment zu Moment, wird zu einem Rumpeln, die Decke scheint zu erzittern. Der Blick geht hoch zu der Dehnungsfuge, die sich da oben von Wand zu Wand zieht. Jetzt muss der Zug direkt im Haus sein, denkt man, direkt da über dem Hausflur, im Zweiten und im Dritten, tacktacktack macht es, tacktacktack, es hallt von den Bodenkacheln wider, dann ist der lauteste Punkt schon überschritten, der Lärm entfernt sich Richtung Straße, Richtung Park, ebbt ab, verschwindet schließlich ganz.

„Ein Geschenk ist das“, sagt Kerstin Serz ein paar Minuten später in ihrem Atelier im Dritten. Sie wusste gleich, das hier ist das Richtige für sie, die Malerin. „Wenn ich gefragt werde, wo ich mein Atelier habe“, sagt sie, „dann muss ich nur sagen: Im Haus, durch das die U-Bahn fährt. Und alle wissen Bescheid.“

Das Haus kennt jeder. Es ist eine heimliche Berliner Landmarke, zwischen den U1-Bahnhöfen Gleisdreieck und Kurfürstenstraße gelegen, direkt an der ehemaligen Brache, die heute der Park am Gleisdreieck ist. Schon von Weitem ist das Haus zu sehen, ein schnörkelloser Altbau, aus dessen weinroter Fassade die ummantelte Trasse wächst wie eine klobige Nase aus Beton. Dort tauchen die Züge ein, die auf der Stahlträgerbrücke den Park überquert haben, mitten hinein in das U-Bahn-Haus. Und jeder, der hier mal vorbeigekommen ist, der es mal gesehen oder davon gehört hat, der merkt es sich.

Denn es ist zu verrückt: Wie kann das funktionieren? Wie, bitte, kann man hier wohnen?

Das erzählen wir hier, im Blendle-Kiosk, wo die Reportage für 45 Cent in voller Länge zu lesen ist. Erschienen ist sie am 22.7. im Tagesspiegel.

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