Man hätte das Gebäude auch abreißen können vor hundert Jahren, als eine neue U-Bahn-Trasse benötigt wurde. Es stehen zu lassen, Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Das U-Bahn-Haus am Gleisdreieck-Park Die letzte Nische

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Keine Schönheit, kein Wahrzeichen. Trotzdem kennt jeder dieses Haus. Die Untergrundbahn fährt direkt hindurch. Wie lebt man mit 444 Zügen am Tag?

Da steht ein Haus am Park, durch das die U-Bahn fährt ... Witze beginnen so oder ein surreales Gedicht, eine dadaistische Großstadtvision, irgend so etwas. U-Bahnen, das wissen schon kleine Kinder, fahren im Untergrund, in Tunneln, sicher, auf stählernen Brücken auch. Mitten durch ein Wohnhaus fahren sie in der Regel nicht.

Es beginnt als fernes Grollen, das tief aus dem Inneren des Gebäudes zu kommen scheint wie aus einem Bergwerk, von irgendwo hinter der Wand mit den Briefkästen. Man bleibt unwillkürlich stehen da mitten im Hausflur, hält den Atem an, lauscht, das Geräusch wird lauter von Moment zu Moment, wird zu einem Rumpeln, die Decke scheint zu erzittern. Der Blick geht hoch zu der Dehnungsfuge, die sich da oben von Wand zu Wand zieht. Jetzt muss der Zug direkt im Haus sein, denkt man, direkt da über dem Hausflur, im Zweiten und im Dritten, tacktacktack macht es, tacktacktack, es hallt von den Bodenkacheln wider, dann ist der lauteste Punkt schon überschritten, der Lärm entfernt sich Richtung Straße, Richtung Park, ebbt ab, verschwindet schließlich ganz.

„Ein Geschenk ist das“, sagt Kerstin Serz ein paar Minuten später in ihrem Atelier im Dritten. Sie wusste gleich, das hier ist das Richtige für sie, die Malerin. „Wenn ich gefragt werde, wo ich mein Atelier habe“, sagt sie, „dann muss ich nur sagen: Im Haus, durch das die U-Bahn fährt. Und alle wissen Bescheid.“

Das Haus kennt jeder. Es ist eine heimliche Berliner Landmarke, zwischen den U1-Bahnhöfen Gleisdreieck und Kurfürstenstraße gelegen, direkt an der ehemaligen Brache, die heute der Park am Gleisdreieck ist. Schon von Weitem ist das Haus zu sehen, ein schnörkelloser Altbau, aus dessen weinroter Fassade die ummantelte Trasse wächst wie eine klobige Nase aus Beton. Dort tauchen die Züge ein, die auf der Stahlträgerbrücke den Park überquert haben, mitten hinein in das U-Bahn-Haus. Und jeder, der hier mal vorbeigekommen ist, der es mal gesehen oder davon gehört hat, der merkt es sich.

Denn es ist zu verrückt: Wie kann das funktionieren? Wie, bitte, kann man hier wohnen? Ja, wie lebt es sich konkret mit einem U-Bahn-Tunnel als nächstem Nachbar, und was hat diese in Berlin einmalige Konstruktion für Auswirkungen auf den Alltag, auf die Mieter? Das alles muss einen doch irre machen? Allein der Lärm.

„Wissen Sie“, sagt Kerstin Serz, „ich höre das gar nicht mehr.“ Ihr Atelier ist ein einzelner Raum links vom Treppenaufgang mit einem seltsamen Schnitt, spärlich möbliert bis auf Regal und Staffelei und jede Menge Holzpaletten, auf denen trockene Farbreste kleben. Überall bunte Spritzer, auf den Bodendielen, auf den Gläsern und Tischplatten. Der hintere Teil ein normales Viereck, rechtwinklig, doch nach vorne, zur Straße hin, verengen sich die Seitenwände bis auf eine Nische von kaum einem Meter Breite. Denn die U-Bahn durchschneidet das Haus diagonal. Direkt hinter der Wand fährt sie, einmal schräg durchs Haus.

Kerstin Serz deutet auf die Wand, an der einige Bilder von ihr lehnen. Sie erklärt, dass dahinter nicht direkt der Tunnel kommt, sondern zunächst ein schallisolierter Mantel, erst dann das Gleisbett. Man versucht sich das vorzustellen, die gelben Züge, die nur ein paar Meter hinter der tapezierten Wand fahren müssen. Es fällt schwer.

Auf der anderen Seite des Treppenhauses befindet sich Serz’ Küche. Auch sie stark beeinträchtigt durch den schräg durchs Haus führenden Tunnel, nicht mehr als ein winziger Schlauch, am Eingang kaum breiter als die Tür. Ein Waschbecken, eine alte Kochzeile. Lose an die Wand gelehnt, warnt ein Schild: „Springe nicht ab während der Fahrt! Du bringst dich selbst in Gefahr und gefährdest den Verkehr!“

Schwer zu bekommen sei die verschnittene Wohnung nicht gewesen, sagt Kerstin Serz, damals, vor gut acht Jahren, als der Berliner Immobilienmarkt auch insgesamt noch deutlich entspannter war. Außer Kerstin Serz gab es nur zwei weitere Interessenten. Als der eine das winzige Bad sah, verschwand er gleich wieder. Serz unterschrieb, richtete sich ein, mietete später sogar noch einen weiteren, eher repräsentativen Raum im Erdgeschoss. Die Miete sei billig, sagt sie, immer noch, Mieterhöhungen habe es seit ihrem Einzug keine einzige gegeben.

Man hätte das Gebäude auch abreißen können 1911, als die neue U-Bahn-Trasse gebaut wurde. Aber es blieb stehen. Man hielt es für die praktikablere Lösung. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Das Haus gehört den Berliner Verkehrsbetrieben, was nur konsequent ist. Die BVG ist schließlich für das Kuriosum verantwortlich. Als in den 20er Jahren eine Entlastungsstrecke zwischen Gleisdreieck und Nollendorfplatz vonnöten wurde, mussten 19 Meter Gefälle zwischen den Bahnhöfen überwunden werden. 25 Grundstücke mit den daraufliegenden Häusern erwarb die BVG damals für die geplante Rampe ganz, fünf weitere zum Teil. Statt nun aber im großen Stil die im Weg stehenden Häuser abzureißen, entschloss man sich, sie stattdessen zu durchbohren. Es schien die günstigere, praktikablere Lösung.

Während später die meisten Gebäude mit diesem Arrangement den Bomben und Nahkämpfen der letzten Kriegstage zum Opfer fielen und danach abgetragen wurden, blieb die Dennewitzstraße 2 stehen, wie durch ein Wunder kaum beschädigt. Ein störrischer Bau, über hundert Jahre schon alt, seit 1926 durchstoßen, heute werktags exakt 444-mal von den Zügen der U1 durchfahren, 222-mal pro Richtung, ein Fahrplan wie eine offizielle Beglaubigung für diese historische Schnapsidee.

Ins Innere des Hauses vorzudringen, ist aber nicht leicht. Als wäre ihm sein verwachsenes Äußeres peinlich. Als wollte es lieber keine große Sache daraus machen.

Zu mehr als einem Blick von außen in den Hausflur hat es bei den ersten zwei, drei Besuchen jedenfalls nicht gereicht. Ein düsterer Gang, ein paar Briefkästen links an der Wand. Hinten die Ahnung einer Treppe. Die Bewohner versteckten sich lange wie die U-Bahn oben in ihrem Tunnel, blieben unnahbar wie die braungraue Brandwand, mit der das U-Bahn-Haus an seiner rechten Flanke abrupt endet. Am Ende mussten Postkarten den Durchbruch bringen, die Namen vom Klingelbrett kopiert, ein paar handgeschriebene Zeilen und eine Visitenkarte mit der freundlichen Bitte um Rückruf. Zwei Tage passierte nichts. Am dritten Tag, spätvormittags, ein Anruf. „Hallo“, sagt eine sanfte Frauenstimme am anderen Ende, „hallo, hier ist Kerstin Serz. Ach ja, kommen Sie doch gerne vorbei.“

Zwei Tage später sitzt Horst Sorgatz in seinem Wohnzimmer ein Stockwerk unterhalb von Serz’ Atelier und pustet den Staub von einem roten Leitz-Ordner. Kerstin Serz hat ihn im Hausflur abgefangen und vorgestellt als jemanden, der in dem Gebäude fast sein gesamtes Leben verbracht hat. Auf dem Rücken des Ordners klebt ein kleiner Zeitungsausschnitt mit einem Foto eines abgestürzten U-Bahn-Zugs. Der Moment, der dort festgehalten worden ist vor bald 110 Jahren, im September 1908, ist gewissermaßen die Geburtsstunde dieses Hauses. Zwei Züge waren frontal zusammengestoßen, vermutlich nach einem Signalfehler auf der damals viel zu engen Strecke am alten Gleisdreieck. Der schwere Unfall mit 18 Toten, der die Stadt erschütterte, ließ Planungen für eine Entlastungsstrecke folgen, die während des Ersten Weltkriegs ruhten und schließlich Mitte der zwanziger Jahre abgeschlossen wurden. Das Gleisdreieck wurde zu einem Kreuz, und die U-Bahn fährt durch Horst Sorgatz’ Elternhaus.

Sorgatz, ein dünner Mann mit Zweitagebart und großen, tief liegenden Augen, sitzt auf einem klobigen Zweisitzer, der wie die beiden Sessel mit mehreren alten Decken behängt ist. Es ist stickig, obwohl ein Fenster gekippt ist. Das kleine Wohnzimmer ist vollgestellt mit diesem und jenem, Möbeln, Tischchen, einem Werkzeugkasten. Auf der Anrichte aus dunklem Holz liegt dick der Staub.

Der rückwärtig gelegene, rechteckige Teil der Wohnung ist anders als bei Kerstin Serz ein Stockwerk darüber mit einer Wand mit Oberlichtern vom vorderen Teil abgetrennt, wo Horst Sorgatz sein Schlafzimmer hat. An der Tür hängt ein Poster von Lady Diana. An der Wand daneben eine umfangreiche Bieröffnersammlung, einige gerahmte Zeitungsausschnitte: ein Mannschaftsfoto der deutschen Fußball-Nationalelf, Weltmeister 2014. Der große „BZ“-Hymnen-Check. Auf dem Couchtisch ein voller Aschenbecher. Man könnte meinen, bei Horst Sorgatz wäre irgendwann vor 20 oder 30 Jahren die Zeit stehengeblieben.

Es ist paradox: "Hier sind die Leute hergezogen, um ihre Ruhe zu haben", sagt die Künstlerin Kerstin Serz. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Beobachtet von seiner Katze, einem Tier mit schwarz-weißem Fell, das im Hintergrund herumstreicht, auf den Sessel springt, hat Sorgatz nun den roten Ordner auf dem Couchtisch aufgeschlagen und blättert ihn, vorgebeugt, langsam durch, streicht über die eingehefteten Seiten. Alte Pläne des Hauses und der Gegend, BVG-Jubiläumsschriften, alles sorgsam aufgehoben, die Rahmenbedingungen seines Lebens, das sich bis auf die ersten drei Jahre immer hier in diesem Haus abgespielt hat. Er wohnte erst, jahrzehntelang, oben im Fünften bei seinen Eltern, seit elf Jahren schließlich hier unten im Zweiten. Sein Bruder hat die Wohnung der verstorbenen Eltern übernommen.

In dem roten Ordner findet sich auch die Erklärung für ein eigenartiges Phänomen, von dem Kerstin Serz am Tag zuvor gesprochen hat. Sie, das „Nachttier“, wie sie sich selber nennt, ist oft noch spät im Atelier und malt sie auch, die Nachttiere, jedenfalls nach den Bildern zu urteilen, die fast alle mit der bemalten Seite zur Wand gedreht sind, manchmal fünf, sechs Stück hintereinander. Auf der Rückseite mit Bleistift geschrieben die Titel: „Sleep of the Moths 2014“ oder „Two little moths“.

Nachts, sagte Kerstin Serz also, höre man die Bahnen, die durchs Haus führen, lauter als tagsüber. Das sei ihr aufgefallen. Und genau als sie das sagte, kam wieder eine Bahn, diesmal vom Park aus. Das Gleiche spielte sich nun ab wie zuvor unten im Hausflur, nur aus der Gegenrichtung – und, tatsächlich, hier oben ein bisschen gedämpfter. Aber man hörte es, man meinte sogar, den Boden erzittern zu spüren. Kerstin Serz lachte: „Sie meinen, dass hier Gläser klirren würden, wenn welche im Schrank stehen würden? Nein, nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Hier zittert nichts.“

Warum poltert die Bahn nicht lauter durchs Haus? Sorgatz zieht den Ausdruck eines Artikels aus seinem roten Ordner, in dem es heißt: „Auf der ganzen Rampenstrecke liegen die Gleise, um störende Betriebsgeräusche zu vermeiden, in einer geschlossenen doppelwandigen Röhre.“

Außerdem: „Um auch das Geräusch der aus der Bauflucht in der Dennewitzstraße heraustretenden Züge von den nebenliegenden Häusern fernzuhalten, ist die Überbrückung der Dennewitzstraße als allseitig geschlossenes Eisenbeton-Bauwerk ausgeführt worden.“

Es wurde also auch schon an den Lärmschutz gedacht, damals, bei den Planungen vor über hundert Jahren.

Horst Sorgatz ist Rentner, er wird kommendes Jahr 70. Er erzählt von seiner Geburt, im Dezember 1948, nahe dem S-Bahnhof Schöneberg, „bei Kerzenlicht“, wie er sagt. Der Strom war gesperrt, es war die Zeit der Blockade, die Zeit der Luftbrücke, Berlin Frontstadt im Kalten Krieg. Er erzählt von den Anfangsjahren hier in der Gegend, Nachkriegszeit, wie sie als Kinder in den zerbombten Häusern gespielt haben, mit allem, was sich so in den Trümmern fand. Wie er auf dem Gelände gegenüber, wo jetzt eine Baustelle ist und damals Bahngrundstück war, um ein bisschen Kohle betteln ging, die er sich von den riesigen Bergen schippen durfte, eigentlich für Loks gedacht, aber welcher Haushalt hatte schon genug zum Heizen im Berlin der frühen Fünfziger.

Eigentlich habe er Schuhmacher werden wollen, sagt Horst Sorgatz, er kam aber „mit der Theorie nicht zurande“. Kam dann wie der Vater, der Straßenbahnen fuhr im Westteil und später Busse, bei der BVG unter, reinigte Busse, arbeitete „in der Lackerei“.

Ein Leben als ungelernter Arbeiter liegt hinter ihm, das ihm kaum mehr als eine spärliche Rente eingebracht haben wird, und über 65 Jahre in diesem Haus, praktisch die gesamte Nachkriegszeit, die lange Teilungszeit, als hinter dem versandeten Niemandsland drüben beim Potsdamer Platz ein fremdes Land begann, dann die Wiedervereinigung, dann Berlins Comeback als Weltstadt in den letzten 20 Jahren.

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