Daniel Herrmann (Geb. 1965)

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Aber das war zu viel, um auf ein gewöhnliches Blatt Papier zu passen

Raus aus der hessischen Provinz, raus aus dem Dorf, aus dem Reihenhaus. Weg von den Leuten, die hinter ihren Fenstern mit den halbdurchsichtigen Gardinen standen. Diese Leute, die immer, da war er sich sicher, genau wussten, dass die Frau am Ende der Straße einmal in der Woche den Bus in die Stadt nahm, um ihren Liebhaber zu treffen; dass der Mann, der die gestreiften Krawatten trug, seine Kornflaschen im Schuppen versteckte. Die Leute wussten das alles, sie sagten es nicht. Aber sie guckten so rechtschaffen, wenn die anderen Leute vorbeiliefen.

Daniel dachte monatelang, dass die Leute auch wussten, dass seine Mutter, als sie einmal Besuch von der Tante und dem Onkel bekommen hatten, und die Tante und der Onkel in seinem Zimmer einquartiert worden waren, die Hefte mit den Frauen in knappen Höschen unter seinem Bett beiseitegeräumt hatte. Dazu dieses Sitzen am Abendbrottisch, pünktlich halb sieben, Stullen, die man mit Messer und Gabel zu essen hatte, der Aufschnitt, wie er das Wort hasste, der, wenn er nicht sofort aufgegessen worden war, begann, grau zu werden, mit dem seine Mutter ihn hinter das Haus schickte, zu den Füchsen, die sich in der Dämmerung heranwagten. Er sollte ihnen den Aufschnitt hinwerfen. „Die Füchse freuen sich“, hatte die Mutter immer gesagt. Er hasste auch die Füchse. Er zog sich in sein Zimmer zurück und stellte sich vor, die Melancholie sei erst dann perfekt, wenn er anfinge, schmerzliche Gedichte zu schreiben. Aber alle diese Gedichte blieben Fragmente. Und dann kam der Tag der Abiturzeugnisse und eine Woche darauf der Tag, an dem er sich auf den Weg machte, raus aus der Provinz, nach Berlin.

Berlin. WG, Politik und Philosophie an der FU, Off-Theater, Kunstaktionen in Hinterhöfen, ein Mann, der sich in einem farbverschmierten Mantel in eine Badewanne legte und Burroughs und Proust las. Joints, bunte Pillen. Burroughs mit Joints und bunten Pillen passte. Proust mit Joints und bunten Pillen war blanker Unsinn, ein Sakrileg, das begriff er schnell. Geistesgegenwärtig lesen. Hineinfallen in Prousts „Recherche“, die Erinnerungen, in Marcels Zubettgeh-Drama, der Kuss der Mutter, auf den er so hoffte, allein oben in seinem Zimmer, sie kam nicht zu ihm, seine schöne Mutter, blieb unten im Salon, wenn Gäste zu Besuch waren. Hatte er nicht selbst, Daniel, in seinem Bett gelegen, in der Dunkelheit, und auf diese Abendküsse gewartet? Oder Prousts Betrachtungen der Kathedralen, die letztlich dazu führten, dass Daniel die Politik und die Philosophie hinwarf und zu zeichnen begann und sich dann für Architektur einschrieb.

Er zeigte seine Entwürfe Katja. Katja, die immer heidekrautfarbene Männerhemden trug und auf ihren langen Bluejeansbeinen den Gästen in der Kreuzberger Bar die Getränke brachte. Katja besaß einen Doktortitel in Romanistik, aber alles, was sie wollte, war in dieser Bar kellnern, vielleicht, dachte Daniel, ist das die wahre Vornehmheit, und er liebte sie dafür. „Deine Häuser“, sagte Katja manchmal, während sie seine Entwürfe betrachtete, „haben so kleine freundliche Fenster“, und er küsste ihr dafür ihre rot lackierten Zehen, denn diese durchsichtigen Häuser mit den Glasfronten waren ihm ein Graus.

Er nahm eine Stelle in einem Architekturbüro an, verrichtete unermüdlich die Zeichenarbeit und kam von Abend zu Abend müder nach Hause. Dann und wann legte Katja ihm einen Zettel auf den Küchentisch, schrieb einen einzigen Satz nur, „Du bist die Tristesse und ich Dein Dichter“, er steckte den Zettel in die Innentasche seines Jacketts und fühlte für einen Augenblick übermäßiges Glück, er wollte ihr dann auch etwas schreiben, aber das, was in seinem Kopf war, war zu viel, um auf ein gewöhnliches Blatt Papier zu passen, und er beließ es bei fünf Worten, „Du, die Freude meiner Tage“, und wusste, noch während er schrieb, um sein mäßiges Talent, im Beruf, im Nachdenken, im Glücklichsein.

Alle vier Monate fuhr er zu seinen Eltern, die jedem mit etwas zu lauter Stimme erzählten, dass ihr Sohn Architekt sei, in der Hauptstadt. Und dann, im vorletzten November, als er in der Nacht mit dem Zug zurück aus der Provinz kam und den Alexanderplatz überquerte, lief eine kurze Weile ein Fuchs neben ihm.

Manchmal gelang es Katja, ihn zum Lachen zu bringen, ein wenig. Sie holte „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ aus dem Regal und las die Passage vor, in der es Marcel doch gelungen war, den ersehnten Kuss der Mutter zu bekommen. Sie flüsterte die Zeilen aus diesem Lied, auf Französisch, Tout le monde a de l’enfance qui ronronne, / Au fond d’une poche oubliée. – Jeder hat eine Kindheit, die schnurrt, in der Tiefe einer vergessenen Jackentasche. Daniel liebte Katja für all dies, aber es rettete ihn nicht. Nicht vor den Spukgestalten, nicht vor dem Gewächs in seinem Kopf. Es gab keinen Ausweg. Tout le monde a de l’enfance qui résonne, / Au fond d’une heure oubliée. – Jeder hat eine Kindheit, die nachklingt, auf dem Grund einer vergessenen Stunde.

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