Bei den Proben zum Weihnachtsoratorium: Wenigstens die Choräle müssen die Sängerinnen und Sänger der Pauluskantorei auswendig können. Foto: Anett Kirchner
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Weihnachtsoratorium in Pauluskirche Lichterfelde Johann Sebastian Bach versus Rolling Stones

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Ambitioniert, wunderschön, friedvoll - das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach gehört unbedingt zum Fest dazu, finden die Sängerinnen und Sänger der Pauluskantorei aus Lichterfelde. Am Sonntag führen sie es auf.

Die Rolling Stones gehören zu den musikalischen Helden seiner Jugend. Es musste rocken. Es musste laut sein. Das gefiel Michael Scholz, als er jung war. Klassik, nein danke. Doch dann nahm ihn jemand mit zu einem Adventskonzert in eine Kirche. Dort wurde das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach aufgeführt. „Die ersten Takte haben mich echt umgehauen und nie wieder losgelassen“, erinnert er sich. Denn das wohl populärste Werk in der Kirchenmusik beginnt wahrhaftig mit einem Paukenschlag. Am Sonntag, den 10. Dezember 2017, wird es in der Pauluskirche in Lichterfelde zu hören sein. Michael Scholz singt im Chor mit.

„Ich empfehle allen Jugendlichen, sich das anzuhören“, rät er. Damit auch sie diese Begeisterung spüren können. Bis heute faszinieren ihn die ersten Takte des berühmten Eingangschores „Jauchzet frohlocket…“. Von überall her – quasi aus jeder Ecke der Kirche – kommen Töne, wie er es beschreibt. Der Chor greift auf, was das Orchester zuvor spielt. Und alles mündet in einen kraftvollen Jubelgesang, mit dem die Zuhörer gewissermaßen umarmt werden. Seit 25 Jahren singt Michael Scholz in der Pauluskantorei am Hindenburgdamm in Lichterfelde. Seine Stimmlage ist Bass.

Zehn Bässe, vier Tenöre: Männer gesucht

„Es wäre schön, wenn wir noch mehr Männer für unseren Chor gewinnen könnten“, wünscht sich Chorleiterin Cordelia Miller. Etwa zehn Bässe und vier Tenöre singen derzeit mit, der überwiegende Teil sind Frauen in den Stimmlagen Alt und Sopran. Wenn am Sonntag das Weihnachtsoratorium in der Pauluskirche erklingen wird, stehen etwa 80 Chorsänger auf den Podesten vor dem Altar. Es sind allesamt Laien, die größtenteils schon jahrzehntelang miteinander musizieren.

Zum Beispiel Birgit Stühler: Für sie ist die Kantorei spürbar mehr als ein Chor. Wenn sie darüber erzählt, fallen Worte wie Verbundenheit, Zusammenhalt und Dankbarkeit. „Ich bin froh, Teil dieses Chores sein zu dürfen“, sagt sie und lächelt dabei so herzlich, dass man keine Sekunde daran zweifelt. Seit 45 Jahren singt sie im Sopran des Chores mit.

Chorleiterin Cordelia Miller: "Die meisten der Sänger sind mit geistlicher Musik und mit einer engen Beziehung zur Kirche aufgewachsen." Foto: Anett Kirchner
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Jeweils donnerstags von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr finden im Saal des Paulus-Zentrums die Proben statt. An diesem Donnerstagabend sind die meisten Chorsänger gekommen, denn es bleibt wenig Zeit. Nur noch zwei Mal proben bis zur Aufführung. Ausnahmsweise findet die Chorprobe heute im „grünen Saal“ statt. In diesen Tagen müssen alle ein wenig zusammenrücken, denn in der Adventszeit ist im Paulus-Zentrum einiges los. Die großen Räume werden gebraucht.

Luxus: Zusammenarbeit mir einem Chor mit langer Tradition

„Psssst“, versucht Cordelia Miller die Chorsänger sanft zur Ruhe zu bewegen. Es braucht eine Weile, bis jeder einen für sich angenehmen Platz gefunden hat. Es werden noch Stühle hinzu geholt. Fenster und Türen bleiben offen, damit ausreichend frische Luft im Raum ist. Allmählich wird es still. Leise rascheln Notenblätter. Cordelia Miller spielt Töne einer Einsingübung auf dem Klavier vor. Der Chor singt es nach: „Uuuuiiiiih, uuuuuiiiiih…“ und „bababababa…“.

Seit vier Jahren leitet promovierte Kirchenmusikerin die Pauluskantorei. Sie empfindet es als Luxus, mit einem Chor zusammen zu arbeiten, der eine lange Tradition hat. „Die meisten der Sänger sind mit geistlicher Musik und mit einer engen Beziehung zur Kirche aufgewachsen“, erläutert sie. Daher existiere hier ein großer Wunsch, vor allem klassische Werke aufzuführen.Als Beispiele nennt sie Komponisten wie Mendelsohn-Bartholdy, Brahms oder eben Bach. Cordelia Miller legt dabei besonderen Wert auf die musikalische Feinarbeit. Gemeinsam mit dem Chor entwickelt sie die Musikstücke weiter, feilt an der Dynamik und der Tonalität.

Die Choräle werden auswendig gesungen

Speziell beim Weihnachtsoratorium ist es ihr wichtig, dass die Sänger wenigstens die Choräle auswendig, also ohne Notenblatt, vortragen. „Denn nur so kann der Chor direkt mit dem Publikum kommunizieren“, erklärt sie.

Bei der Probe: "In der Gemeinde wollten unbedingt alle wieder das Weihnachtsoratorium hören." Foto: Anett Kirchner
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Bei der Frage nach dem emotionalen Höhepunkt in dem Oratorium sind sich alle einig. Es ist in der sechsten Kantate der Choral: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesulein, mein Leben…“. Inhaltlich geht es um den Moment, als die Heiligen Drei Könige an der Krippe das Jesuskind anbeten. Frieden, Demut und Bescheidenheit überstrahlen diese Liedzeilen. Sie erscheinen unspektakulär, verglichen mit den komplexen Chören und Arien, die an anderer Stelle in dem Oratorium zu hören sind. Dieser kurze, schlichte Choral geht ans Herz, finden die Sänger der Pauluskantorei.

"Nun seid ihr wohl gerochen..."

Bei der Aufführung am Sonntag werden sie musikalisch begleitet von dem eigenen Orchester der Paulusgemeinde. Als Solisten singen Polly Ott (Sopran), Judith Rautenberg (Alt), Minsub Hong (Tenor) und Bernhard Kansky (Bass). Es werden die Kantaten eins, drei und sechs aufgeführt.

Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Und erst danach, wenn der letzte hohe Ton der Bachtrompete in dem Schlusschoral „Nun seid ihr wohl gerochen…“ verhallt ist, dann beginnt die Weihnachtszeit; zumindest für viele in Chor, Orchester und Publikum der Evangelischen Paulusgemeinde: ohne das Weihnachtsoratorium geht es nicht. „Wir haben im Advent auch schon den Messias von Händel aufgeführt“, erzählt Cordelia Miller, „doch in der Gemeinde wollten unbedingt alle wieder das Weihnachtsoratorium hören.“

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