Seit sechs Jahren Superintendent im Kirchenkreis Steglitz: Thomas Seibt. er will unter anderem den Bereich „Popularmusik“ aufbauen lassen Foto: Anett Kirchner
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Thomas Seibt, Superintendent von Steglitz, im Gespräch „Wir dürfen nicht stehen bleiben“

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Der Kirchenkreis Steglitz besteht aus 14 evangelischen Gemeinden mit insgesamt 52.000 Mitgliedern. Thomas Seibt leitet dort seit sechs Jahren als Superintendent die Geschicke protestantischen Lebens. Ein Gespräch.

14 evangelische Kirchengemeinden mit insgesamt 52.000 Gemeindemitgliedern gibt es in Lichterfelde, Lankwitz und Steglitz. Zusammen bilden sie den Kirchenkreis Steglitz. Zwar werden wie überall auch hier Kirchenaustritte gezählt, Thomas Seibt sieht aber zuversichtlich in die Zukunft. Schließlich arbeite er für eine 2000 Jahre alte Einrichtung und habe daher keine Sorge, dass sie weiter existiere. Seit sechs Jahren ist er der Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Steglitz. Wer wird wo Pfarrer, Kooperationen zwischen Kirchengemeinden, neue Projektideen: Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Wir haben Seibt in seinem Büro im Paulus-Zentrum am Hindenburgdamm in Lichterfelde besucht.

Was hat sich in den letzten Jahren im Kirchenkreis Steglitz grundlegend verändert?  

 Die Vielfalt der Aufgaben wächst. Die Möglichkeiten und Themen werden immer mehr, die Schlagzahl erhöht sich. Das hängt zum einen mit den neuen Medien zusammen, zum anderen aber auch damit, dass Aufgaben auf die Ebene der Kirchenkreise verschoben wurden. Viele Dinge, die früher die Landeskirche regelte, machen jetzt wir.  

Wie finden Sie das?

Ich frage mich nicht lange, ob ich etwas gut finde oder nicht. Wenn es eine Aufgabe gibt, gehe ich sie an.

Und wie gehen Sie an die neuen Aufgaben heran?

Zunächst einmal nehme ich das Vorhandene wahr und schätze es. Ich bin kein Visionär, der ständig neue Ideen entwickelt. Aus dem Vorhandenen ergeben sich meist von allein neue Wege. Ich finde es wichtig, sich hinzusetzen, ein angemessenes Konzept zu entwickeln, um effektiv und nachhaltig arbeiten zu können; nicht schnell, schnell in ein neues Projekt einzusteigen. Jeder Prozess braucht seine eigene Zeit und Sorgfältigkeit. Wenn mich Mitarbeiter zum Beispiel fragen, ob wir bei Facebook einsteigen wollen, frage ich zurück: Was bleibt stattdessen liegen? Innovation ist das eine, ein solides Fundament das andere.

Hier laufen die Fäden zusammen: Das Büro des Superintendenten Thomas Seibt im Paulus-Zentrum am Hindenburgdamm in Lichterfelde Foto: Anett Kirchner
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…also nie Schnellschüsse?

Keine Regel ohne Ausnahme. Ein Schnellschuss fällt mir ein; in einer speziellen Situation. Im letzten Jahr haben wir in kürzester Zeit eine Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit eingestellt, als zunächst befristete Projektstelle.

In welchem Bereich muss Ihr Kirchenkreis zum Beispiel neue, zusätzliche Aufgaben bewältigen?

In der Altenheim-Seelsorge. Durch den demografischen Wandel wird diese Thematik immer komplexer. Vor allem hier bei uns im Bezirk, denn die Zahl der Hochbetagten in Steglitz-Zehlendorf steigt berlinweit mit am meisten. Das können die Kirchengemeinden allein nicht mehr bewältigen. Deshalb haben wir jetzt eine kreiskirchliche Pfarrstelle für die Seelsorge eingerichtet. Die Kollegin geht in die Heime, betreut die Hochbetagten, koordiniert die ehrenamtlichen Besuchsdienste und baut ein Netzwerk in dem Bereich auf.

Und wo gibt es außerdem Neuerungen?

Ganz aktuell haben wir eine Kollegin eingestellt, die den Bereich „Popularmusik“ aufbauen wird.   

Warum?

Nun, die traditionelle Kirchenmusik ist in den Gemeinden fest etabliert. Das finde ich gut und richtig. Aber wir wollen ja das Leben, das da draußen stattfindet in die Kirche holen. Also ist auch hier ein Lückenschluss notwendig; zum Beispiel mit moderner Musik in Ergänzung zu dem Bewährten. Und das könnte auch ein Einfallstor sein, um junge Menschen anzusprechen.

Thomas Seibt bei einer Rede zum Neujahrsempfang Foto: Klaus Böse
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Was kann ich mir unter Popularmusik vorstellen? 

Gospel, Pop, Rock oder Jazz... Wir haben festgestellt, dass es in vielen Gemeinden Bands oder Gospelchöre gibt, die für sich allein Musik machen. Wir wollen sie miteinander vernetzen. Ein Beispiel: Wenn die Gemeinde A einen Bandraum hat und die Gemeinde B eine Band ohne Raum - dann bringen wir sie zusammen.   

Sie wollen also junge Menschen in den Steglitzer Kirchengemeinden ansprechen: Nur über Musik?

Die Autorin

ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel-Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter. Weitere Texte von Anett Kirchner finden Sie hier.

Nein. Nicht nur. Unsere Jugendmitarbeiter haben eine tolle Idee entwickelt. Und zwar wird es am 23. September einen Workshop geben, bei dem innovative, neue Formen von Gottesdiensten aus ganz Deutschland vorgestellt und entwickelt werden. Ich bin sehr gespannt, zu sehen, was sich daraus für unseren Kirchenkreis ergibt!

Themenwechsel: Das Reformationsjubiläum 2017 steht vor der Tür. Was ist in Steglitz geplant?

Dieses einmalige Ereignis beschäftigt uns derzeit in jeder Hinsicht. Das bedeutet viel Arbeit, bringt aber auch große Freude. Wir planen zum ersten Mal einen gemeinsamen Gottesdienst des Kirchenkreises in der Matthäuskirche in Steglitz am Reformationstag, dem 31. Oktober 2016. Das ist der offizielle Beginn des Jubeljahres. Die Matthäuskirche hat etwa 1000 Plätze. Wir hoffen, das reicht (lacht). Im nächsten Jahr werden wir zum Thema „Reformation“ ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm auf die Beine stellen; mit Konzerten, Chorprojekten, Theater, einem Filmfestival, Diskussionsabenden, Projekten in den Schulen und Kitas und so weiter und so fort…

Wie aktuell ist das Thema Reformation für Sie?

In einer sich schnell wandelnden Gesellschaft, wie es im Moment der Fall ist, finde ich es aktueller denn je. Unsere Gewohnheiten verändern sich und wirken in den Alltag. Auch wir als Kirche müssen uns daher ständig neu erfinden. Zwar soll das nicht heißen, dass wir unser Fähnchen in den Wind hängen, aber wir möchten die Menschen dort abholen, wo sie sind, müssen dabei eben auch manches Liebgewonnene mit Neuem ergänzen. Reformieren heißt auch: sich bewegen. Wir dürfen also nicht stehen bleiben.    

Und wie schätzen Sie die Zukunft kirchlichen Lebens in Steglitz ein?

Natürlich positiv! Die Botschaft, die wir Christen haben, ist das Evangelium und das bleibt auch in Zukunft frisch. Ich stelle mir immer einen Bogen vor, unter dem wir alle leben; geborgen in der Liebe Gottes. Auch wenn wir uns manchmal in der Fülle der Themen verlieren: Wir sind und bleiben geborgen. Und darauf vertraue ich.

Zur Person: Thomas Seibt (58) ist in Stralsund aufgewachsen, machte dort zunächst eine Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur und entschloss sich dann, Pfarrer zu werden. Der Vater zweier erwachsener Söhne studierte Evangelische Theologie in Halle und Berlin, war 13 Jahre lang Pfarrer in Schönwalde und Schönerlinde im Landkreis Barnim in Brandenburg und wechselte 2003 nach Potsdam in die Auferstehungsgemeinde. Seit 2010 ist er Superintendent in Steglitz. Darüber hinaus engagiert er sich als Vertreter der Berliner Superintendenten in der Synode der Landeskirche.

Das Interview führte Anett Kirchner.

Der Text erscheint auf Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf, dem digitalen Stadtteil- und Debattenportal aus dem Südwesten. Folgen Sie der Redaktion Steglitz-Zehlendorf gerne auch auf Twitter. 

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