Seit 130 Jahren wird in Steglitz traditionelle Handwerkskunst erhalten. Foto: Thiele
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Debatte um Schließung Ein „kleines Weihnachtswunder“ für die Steglitzer Blindenwerkstatt?

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Der Sozialausschuss hatte das Blindenhilfswerk und den Betriebsrat der Blindenwerkstatt in der Rothenburgstraße zur Diskussion geladen. Es zeichnen sich Möglichkeiten für den Erhalt ab - ob das gelingt, ist offen.

Jedes Jahr Verluste, seit 130 Jahren: In der langen Geschichte der Steglitzer Blindenwerkstatt, hier fertigen insgesamt 18 Mitarbeiter Bürsten, Körbe und Flechtstühle, hat immer der Trägerverein, das Blindenhilfswerk, das Defizit getragen. Doch die Verluste seien in den letzten zehn Jahren so groß geworden, dass der Verein die Reißleine gezogen hat - die Mitarbeiter wurden gekündigt, die Werkstatt wird Ende des Jahres ihre Arbeit einstellen. Besonders betroffen sind die 13 blinden oder sehbehinderten Angestellten, die sich elf Vollzeitstellen teilen. Wenn man die „Relation von elf Vollzeitarbeitsplätzen zu 350.000 bis 420.000 Euro Verlust pro Jahr“ betrachte, werde die schwierige wirtschaftliche Situation „augenscheinlich“, sagte in der Sitzung des Sozialausschusses am Donnerstagnachmittag Reinhard Schultz-Ewert, der Vorsitzende des Blindenhilfswerks.

Auch die Vertreterin des Betriebsrats, Heike Lohrengel, bestritt nicht, dass es kaum möglich sei, kostendeckend zu produzieren. Diese Situation sei bekannt, eben seit 130 Jahren. Allerdings warf sie der Geschäftsführung und dem Verein vor, nicht alle Optionen, wie das Defizit gemindert werden könnte, ausgelotet zu haben. So habe es ein Unterstützungsangebot des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands gegeben: einmalig einen Zuschuss in Höhe von 100.000 Euro und die Offerte, über eine fortlaufende Unterstützung zu reden. Doch das Blindenhilfswerk habe nicht reagiert. Schultz-Ewert bestätigt, dass das Angebot der Kriegsblinden eingegangen sei, allerdings erst im Oktober - der Beschluss über die Schließung hatte der gemeinnützige Trägerverein bereits im Juli gefasst.

FDP berichtet von einem neuen Angebot des Senats

Arbeitnehmervertreterin Lohrengel bemängelt, dass „der Betriebsrat und die Mitarbeiter nicht ins Boot geholt“ worden seien; noch im März habe es geheißen, dass bei allem Defizit die Arbeitsplätze sicher seien. Vereinsvorsitzender Schultz-Ewert erklärte im Ausschuss, stets transparent informiert zu haben.

Eine Wendung erfuhr die Diskussion, als Thomas Seerig von der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus das Wort ergriff: Er berichtete den Bezirksverordneten von einem Angebot des Sozial- und Arbeitsstaatssekretärs Alexander Fischer (Linke), 80 Prozent der Lohnkosten zu übernehmen. Die Geschäftsführerin des Blindenhilfswerks, Andrea Pahl, bestätigte, dass die Senatsverwaltung am Donnerstag um einen Termin gebeten habe. Nächste Woche solle ein Treffen stattfinden.

„Das Blindenhandwerk hat seine Berechtigung nicht mehr“

In einem All-Parteien-Antrag forderten die Ausschussmitglieder das Bezirksamt einstimmig auf, das Blindenhilfswerk bei der Suche nach gangbaren Finanzierungs- und Trägerstrukturen zu unterstützen und den Prozess zu begleiten. Der Antrag soll mit Dringlichkeit in der Bezirksverordnetenversammlung am kommenden Mittwoch behandelt werden.

Die Ausschussvorsitzende Juliane Kölsch (SPD) gab zum Abschluss der Diskussion der Hoffnung Ausdruck, dass die Debatte den Anstoss „für ein kleines Weihnachtswunder“ gegeben habe. Von der Qualität der Werkstatt-Produkte ist sie fest überzeugt: „Ich habe eine Kleiderbürste gekauft, die wird mich wahrscheinlich überleben.“

Doch ist die Güte der Arbeit nicht das Problem. Reinhard Schultz-Ewert vom Blindenhilfswerk sah, dass es für das Warensegment der Werkstatt „in der aktuellen Marktsituation her keine Möglichkeit gibt, hochwertige Produkte zu einem angemessenen Preis zu verkaufen“. Und dann sagte er noch etwas: „Man muss auch mal zur Kenntnis nehmen, dass das Blindenhandwerk seine Berechtigung nicht mehr hat.“

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