Altstadt heute (links), Altstadt in den 70ern - noch mit Autos. Fotos: André Görke, Tsp Altarchiv
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Berlin-Spandau Altstadt, wie geht's dir?

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Der Branchenmix stimmt nicht, Gastro fehlt. Ein Architekt will Berlins größte Fußgängerzone wiederbeleben. Und Bürger haben Ideen.

Die Altstadt Spandau krankt. Viele Bürger beschweren sich über den Mix, übers Pflaster, wünschen sich mehr Gastro (kein Fastfood). Wer es gut meint, sagt: Die Leute schimpfen, aber ihnen ist die Altstadt nicht egal.

Wir haben für den Tagesspiegel-Newsletter Spandau mit Andreas Wunderlich, 60, gesprochen. Er ist Architekt, Stadtplaner – und seit 2012 Chef des „Altstadtmanagements“, im Auftrag von Senat und Bezirk. Sein Team befragt dieser Tage die Bürger, wie sie die Altstadt nutzen und was sie vermissen.

Andreas Wunderlich, Altstadt-Management. Foto: promo
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Herr Wunderlich, was machen Sie mit all den Daten? „Wir machen uns ein Bild vom Bürger: Kommt er aus Kladow, Charlottenburg, Havelland? Warum ist er in der Altstadt? Was vermisst er? Solche Dinge. Bald wissen wir mehr.“

Was vermuten Sie denn? „Es sind überwiegend ältere Bürger, die nicht nur zum Shoppen kommen, sondern auch wegen der Anwälte, Notare, Ärzte. In den Arcaden sind mehr die jungen Leute. Die geben dort nicht unbedingt Geld aus, sie bummeln. Und 50 Prozent nutzen beides.“

Was fehlt denn der Altstadt? „Der Branchenmix. Wir haben ein Trading Down erkannt, eine Negativ-Entwicklung, deshalb sind wir da. Die Grundvoraussetzung stimmt: Die Substanz der Häuser ist gut, sie sind in den 80-ern saniert worden. Die Altstadt ist ansprechend – aber sie hat einen Makel. Wir haben zu viele Nagelstudios und Friseure, aber zu wenig Gastronomie. Nehmen Sie den Markt: Der wäre in einer Kleinstadt wie Lüneburg das Herz der Stadt – mit Cafés, Restaurant, Leben. Bei uns ist da: ein Café. Die Menschen laufen einfach über den Platz, sie verweilen nicht.“

Wo läuft’s gut, wo läuft’s schlecht? „Ein gutes Beispiel ist die Havelstraße mit dem Kino: Dort gibt es viel Gastro, da sind auch junge Leute, da ist Leben und Flair. Aber kennen Sie den „Churschmied“? Etabliertes Restaurant mit festem Publikum, seit Jahren schon. Aber die mussten aus ihrem Domizil raus – und wir finden einfach nichts in der Altstadt. Eigentlich muss so ein Restaurant direkt an den Marktplatz.“

Blick vom Rathausturm. Foto: André Glörke
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Und drüben die Arcaden - verbunden durch die schummrige Unterführung. Foto: André Görke
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Tagesspiegel-Leserumfrage: Und was vermissen die Bürger?

Wir haben im Spandau-Newsletter nach der Meinung der Bürger gefragt. Und diese Antworten haben wir bekommen. Fast immer im Mittelpunkt der Kritik: Brunnen, Pflaster, Marktplatz. Hier vier schnelle Leser-Kritiken in Auszügen.

"Reißt den Brunnen ab"

Frank Seelisch, Falkenhagener Feld, meint: „Dieses Etwas von Brunnen vor Ega ist ein Schandfleck, der weg muss.“ Gemeint ist die 32 Meter lange Brunnenanlage „Havelwelle“ von 1982, die eigentlich keine Funktion erfüllt, außer ständig im Weg zu sein. Außerdem sollten auf den Hauptwegen breite, glatte Platten verlegt werden („wellenförmigen Unebenheiten sind nicht mehr zeitgemäß“). Und bitte, Radfahrer, steigt in der Fußgängerzone ab.

"Auf dem Pflaster werden Rollstuhlfahrer durchgeschüttelt"

Christiane Wiese, Ärztin für Unfallchirurgie, schreibt aus Kladow: „Schon das Überqueren dieses gepflasterten Platzes stellt ein Problem dar“ – für Menschen im Rollstuhl oder mit Gehhilfe eine Zumutung. „Die gefahrene Person wird kräftig durchgeschüttelt, was einigen Krankheitsbildern wenig zuträglich ist, und die schiebende Person ist durch die schiefen und unebenen Wege völlig mit ihrer Kraft am Ende.“ Übrigens: „Das dürfte auch für Eltern mit Kinderwagen gelten.“ Und wer quält sich schon gern beim Shoppen (und bleibt dann lieber in den Arcaden)?

"Keine Aufenthaltsqualität"

Norbert Rossow sagt ebenfalls: „Vielleicht sollte man den Markt komplett umgestalten. Er hat keine Aufenthaltsqualität. Der Wall, der wohl ein Wasserspiel sein soll, teilt den Platz – ohne jegliche Funktion.“ Andere Leser fordern Sitzplätze und auch Bäume vor Woolworth („Oder warum stehen die nur auf einer Seite?“). Und eigentlich alle wünschen sich Gastronomie, kein Fastfood: „Dann komm ich abends auch mal mit der Familie.“

"Dreckige Eisenbahnunterführung"

Hans Unger kritisiert den Zugang zur Altstadt: „Mich stören der Dreck von Tauben, spärlichste Beleuchtung unter der Eisenbahnbrücke und Lärm –  dies allein ist schon abschreckend, wenn man Richtung Altstadt zu Fuß unterwegs ist.“

Neuer Service in der Altstadt: der Hausmeister

Die Anlieger der Altstadt (180 Geschäfte) finanzieren übrigens seit Anfang Oktober einen „Hausmeister“, der den Dreck wegmachen soll. Verschmutzungen kann man via Whatsapp melden unter 0170/5020111. Kostet alles eine Stange Geld, ist eine löbliche Initiative, Wirtschaftsstadtrat Gerhard Hanke (CDU) war bei der Präsentation ganz aufgekratzt („Spandau ist wieder mal weit vorn“). – Video: Spandau TV

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