Berlin, die SPD-Politikerin Clara West fotografiert bei einem Kiezspaziergang am Weißen See in Weißensee Foto: Kai-Uwe Heinrich Foto:
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Clara West über Weißensee "Atmosphärisch wandelt sich einiges"

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Die SPD-Politikerin über ihren Kiez Weißensee, der aufgrund seiner gestiegenen Attraktivität mit Verkehrs- und Imageproblemen kämpft

Clara West, 36, lebt ungeachtet ihres Namens im Osten Berlins. Geboren in Freiburg und aufgewachsen in Schleswig-Holstein, zog sie 2000 in die Heimatstadt ihres Vaters, der einst aus der DDR geflohen war. Von 2006 bis 2011 saß West für die SPD in der BVV Pankow, aktuell ist sie stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus.

Frau West, Sie wohnen seit 2012 in Weißensee und haben Ihren Wahlkreis im südlichen Teil von Weißensee und nebenan im nördlichen Prenzlauer Berg. Was erfreut Sie an Ihrem Wohn- und Arbeitskiez?

Rein äußerlich tatsächlich der See und der Park. Ich gehe aus dem Haus und habe das Grün vor mir, ohne aus der Stadt ziehen zu müssen. Ich muss nicht mehr mitten in der Szene leben, aber ich möchte auch nicht auf dem Land wohnen. Das andere ist die Normalität, die gute Mischung von Menschen. Ich habe mal in der Oderberger Straße gewohnt, und da habe ich am Ende das Gefühl gehabt, ich lebe in Disneyland. Dagegen ist Weißensee einfach lebendig, keine Blase. Ich würde mir wünschen, dass das trotz allen Wandels irgendwie erhalten bleibt.

Was verändert sich denn?

Vieles, aber ich sehe keineswegs alles kritisch. Rund um die Berliner Allee siedeln sich immer mehr kleine Restaurants und Geschäfte an, keine großen Ketten. Das gefällt mir. Aber es gibt natürlich auch Probleme. Der Kiez rund um die Langhansstraße etwa lag lange im Dornröschenschlaf und ist gerade total im Umbruch. Das war lange nicht sichtbar, aber die Leute, die da wohnen, merken das. Sie berichten mir, dass sich gerade in den letzten drei Jahre atmosphärisch einiges gewandelt hat. Neue Nachbarn ziehen zu, die andere Bedürfnisse und Interessen haben. Hier wäre Quartiersmanagement sinnvoll, um darüber zu reden, wie Alt- und Neuweißenseer zusammenfinden können.

Gibt es in Ihrem direkten Wohnumfeld eine Vermischung zwischen Alt- und Neu-Weißenseern oder bleibt man lieber unter sich?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Bei uns im Haus funktioniert es ganz gut. Ich könnte boshaft sagen: Weil es nicht besonders attraktiv ist, ziehen bestimmte Leute gar nicht erst hierhin. Es ist laut an der Hauptverkehrsachse, kein schöner Stuckaltbau. Aber die Mischung gefällt mir, da ist fast alles dabei: von Hartz IV bis Akademiker, Ost, West, alt, jung. Die Leute, die länger da wohnen, sind noch knapp in der Überzahl. Man kennt sich, man weiß, was der eine oder andere macht, ohne dass man gleich eine gemeinsame Bürgerinitiative gründet.

Ist es für Ihren Alltag und Ihre politische Arbeit in Weißensee von Belang, dass Ihnen die Ost-Biografie fehlt?

Als 1981 Geborene bin ich dafür ohnehin zu jung. Ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen, aber mein Papa kommt aus Berlin und ist in den Westen geflohen. Insofern habe ich eine familiäre Verbindung zum Ostteil der Stadt. Ich denke natürlich nicht dauernd über meine Herkunft nach und trage das auch nicht wie eine Monstranz vor mir her. Aber ich muss immer im Hinterkopf haben, dass das für andere eine Rolle spielen könnte. Ich möchte aber auch nicht in ein „Ost-West-Schema“ gepresst werden. Grundsätzlich würde ich sagen: Wer hier Politik macht, sollte die Leute, die hier wohnen, und ihre die Interessenslagen und Traditionen kennen. Das gehört zu meinem Politikverständnis dazu. Und das macht mir Spaß.

Obwohl viele weitere Politiker in der Umgebung wohnen, drängt sich der Eindruck auf: Weißensee steht nicht besonders weit oben auf Berlins politischer Agenda.

Das würde ich in Teilen unterschreiben. Es gehört ja zum Weißenseertum dazu, sich ein bisschen vernachlässigt und benachteiligt zu fühlen. Ich würde trotzdem für ein wenig mehr Selbstbewusstsein plädieren. Weißensee kann sich eigentlich leisten zu sagen: Hey, wir sind ein toller Stadtteil, wir können auch gewisse Dinge einfordern. Aber ich weiß nicht, ob dieses Understatement nicht auch manchmal dazu dient, bloß nicht zu viel beachtet zu werden, denn das hat uns nicht nur Nachteile gebracht.

Inwiefern?

Wir sind weder ein Szenebezirk, noch sind wir ein Dorf, sondern irgendwas dazwischen. Ein Großstadtdorf vielleicht? Oder eine Kleinstadt in der Großstadt? Wir haben nicht diese großen Attraktionen, an die sofort jeder denkt. Es sind eher viele Kleinigkeiten und diese kleinteilige Struktur, die das alltägliche Leben in Weißensee so lebens- und liebenswert machen. Gerade deswegen ziehen viele Leute her. Auch der See war ja lange eine Art Geheimtipp. Mittlerweile ist es da im Sommer so krachend voll, dass sich die Alteingesessenen schon beschweren. Auch die Zahl der Backpacker-Reisenden in der M4 ist ja in den letzten Jahren massiv gestiegen.

Gefällt Ihnen diese Entwicklung?

Man wird die Leute nicht aufhalten können. Das ist eine natürliche Entwicklung innerhalb der Gesamtentwicklung Berlins. Mehr Leute kommen, der Platz wird enger, die Menschen suchen nach schönen Orten. Dieser Effekt erwischt auch Weißensee.

Hat die ARD-Serie „Weissensee“ trotz falscher Schreibweise zur Attraktivität Ihres Kiezes weiter erhöht?

Die Leute außerhalb Berlins wissen jetzt, dass es uns gibt. Aber die Attraktivität in Berlin hätte sich auch so erhöht. Es gibt nicht so viele Ortsteile, die nah an der Innenstadt liegen, wo Bebauung und Umgebung angenehm sind und man noch Wohnungen findet.

Was sollte sich in Weißensee ändern?

Wir müssen das Gemeinwohl stärker in den Vordergrund rücken. Es bringt, nichts, nur eigene Interessen zu sehen und durchzusetzen, oder sich frustriert zurückzuziehen und zu sagen, man kann nichts ändern. Und ich wünsche mir beispielsweise, dass Weißensee fußgängerfreundlicher wird. Es geht um kleine Dinge wie bessere Ampelschaltungen und auch um größere: Der Platz muss fair nach allen Bedürfnissen verteilt werden, um den sozialen Frieden zu bewahren und wiederherzustellen. Gerade die Berliner Allee ist sehr eng.

Braucht Weißensee die U-Bahn auf dieser Trasse, zumal im weiteren Verlauf ja auch die großen Neubaugebiete im Norden Pankows angeschlossen werden könnten?

Bei dem Thema bin ich zerrissen. Dass auf der Achse Greifswalder Straße/Berliner Allee etwas passieren muss, ist keine Frage. Da kommt alles zusammen: Die wachsende Bevölkerung, die rein und raus muss, und der Durchgangsverkehr. Die M4 ist jetzt schon jeden Morgen bis zum Bersten voll, selbst die Taktverdichtung und neue Züge mit mehr Wagen werden kaum reichen. Also könnte man sagen: Perspektivisch wird es ohne U-Bahn nicht gehen. Die Pankower SPD hat sich ganz offiziell dafür ausgesprochen. Aber wenn man es praktisch sieht, kommt man schnell zu dem Schluss, dass das zumindest ein sehr schwer umsetzbares Vorhaben ist. Soweit ich weiß, wird das derzeit vom Senat auch nicht geplant.

Warum nicht?

Ich klammere das Geld einmal ausnahmsweise aus, obwohl der Bau einer U-Bahn unglaublich teuer ist und einen irren Planungsvorlauf hat. Wenn man heute damit anfangen würde, könnte man die Strecke frühestens in 15 oder 20 Jahren eröffnen. Bis dahin würde dieser ganze Bereich, der ja eine Bundesstraße ist, stark verkehrstechnisch eingeschränkt sein. Auch für die Anwohner hätte das massive Folgen, denen sich keiner konkret stellen will. Sie müssten viele Jahre Baulärm in Kauf nehmen.

Die Politiker haben Angst vor Anwohnerprotesten?

Nein. Angst nicht. Aber man muss sich immer der Tatsache bewusst sein, dass ein solcher Bau niemals spurlos an den Anwohnern vorbeigehen könnte. Der Verkehrsstaatssekretär Holger Kirchner wohnt übrigens selbst an dieser imaginären U-Bahn. Vielleicht fragen Sie ihn mal, wie er das sieht.

Wie kann der Verkehrskollaps in Weißensee ohne U-Bahn verhindert werden?

Das wird nicht mit einer einzigen Maßnahme möglich sein. Da muss auf allen Ebenen etwas passieren, die muss man aber im Zusammenhang denken. Man kann nicht heute exklusiv auf die Fahrradschneise setzen und sich morgen darüber wundern, dass die Autofahrer dann im Dauerstau stehen. Man sollte nicht so tun, als wäre immer alles mit dem Fahrrad machbar. Man muss zu einem vernünftigen Interessenausgleich finden.

Ein weiteres Problem von Weißensee ist das politische Image. Es besagt: Da leben viele, die eher dem rechten Rand zuzuordnen sind.

Ich weiß nicht, ob es wirklich so viele sind, aber es gibt sie, das darf man nicht leugnen. Umgekehrt war die Straße voller Gegendemonstranten, als die NPD einmal eine Demo angemeldet hatte. Klar, es gibt hier Leute, die Fremde nicht mit offenen Armen empfangen. Bei uns gibt es Fremdenfeindlichkeit und es gibt bei uns Stimmbezirke, in denen die AfD über 20 Prozent erreicht hat. Das heißt aber nicht, dass Weißensee speziell ein Naziproblem hätte.

Sondern?

Das ist unter anderem ein Problem des Nordostens von Berlin. Statistisch gibt es im Bezirk Pankow mehr rechte Übergriffe als in Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg. Bei echten Neonazis muss man klare Kante zeigen. Aber man sollte nicht jeden, der Vorbehalte gegenüber Fremden hat, gleich in die „Naziecke“ oder gar in die Gewalttäterecke stellen. Ich glaube, es gibt ein verbreitetes Misstrauen gegenüber Veränderungen aller Art. Besonders bei Menschen, die sich vom politischen Geschehen abgekoppelt fühlen.

Wie gehen Sie in Ihrem Alltag damit um?

Ich höre mir so ziemlich alles an, ich laufe nicht gleich weg, wenn sich jemand mal nicht politisch korrekt ausdrückt. Es gibt Leute, mit denen wird man nicht zusammenkommen. Manches ist auch Frustabbau, aber das muss ich mir anhören. Denn nur so habe ich eine Chance zu erfahren, wo die eigentlichen Ängste oder Probleme liegen. Und nur so kann man sich überlegen, ob und was man dagegen tun kann.

Welche Ängste treiben denn Weißenseer um?

Was hier zunimmt und worüber man sich hier oft unterhält, ist etwa das Thema Handtaschendiebstahl. Ein beträchtlicher Teil der Täter kommt offenbar aus Osteuropa. Man darf das nicht leugnen oder ignorieren, aber auch nicht dazu missbrauchen, damit eine Gruppe von Menschen einfach nur abzustempeln. Man muss den Leuten im Zweifel klipp und kar sagen, dass man mit Burkaverboten und Demonstrationen gegen Flüchtlingsunterkünfte nichts gegen Diebe ausrichten kann. Ich finde aber, dass man da etwas tun sollte, denn ich habe schon in meinem Freundeskreis miterlebt, wie sehr es Menschen verunsichert, wenn sie in vertrauter Umgebung beklaut werden. Das ist schlimm.

Was kann man dagegen tun?

Wir brauchen eine vernünftig ausgestattete Polizei, die dagegen vorgeht. Und wir müssen da ganz einfach aufpassen, auch im Sinne einer guten Nachbarschaft.

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