Mittendrin. Für Interessenten gibt es eine Warteliste. Grafik: promop

Berlin-KreuzbergSo sieht der Neubau am Jüdischen Museum aus

von Reinhart Bünger4 Kommentare

Neben dem früheren Blumengroßmarkt in Kreuzberg wächst Deutschlands erste Gewerbe-Baugruppe - ein Kontrast zur Luxusbebauung.

Jetzt sind sie startklar, fast. Die Baugrube kann ausgehoben werden, alle Firmen für die erste Bauphase sind auf Stand-by: In Kreuzberg entsteht ein neues Zentrum für Kultur und Kreative mit dringend gesuchten kleinteiligen Gewerbeimmobilienflächen. „Frizz23“ heißt das außergewöhnliche Bauvorhaben mit der Adresse Friedrichstraße 23. Es wird Deutschlands erstes Baugruppenprojekt sein, das sich allein verschiedenen Gewerbenutzungen verschrieben hat.

Der Name: Frizz23

Nicht weit vom Jüdischen Museum entstehen Lofts für Kreative, die im positiven Sinne den subkulturellen, aufrührerischen Geist Kreuzbergs in die Zukunft tragen sollen: Ein Kontrast zur Luxusbebauung, wie sie zum Beispiel auf dem Tacheles-Gelände zu erwarten ist. Mit-Initiatorin und Architektin Britta Jürgens und ihr Mann Matthew Griffin – sie beide heißen „Deadline Architekten“ – haben sich seit zwei, drei Jahren unfreiwillig aus vielen Debatten um Stadtplanung und Architektur in Berlin ausgeklinkt, um mit ihrem kleinen Büro „Frizz23“ auf die Reihe zu bekommen.

Aktuell geht es um die Nasszellen

Aktuell geht es um die Auswahl der Armaturen und des Porzellans für die Nasszellen. Natürlich sind die Geschmäcker der rund dreißig Eigner der Flächen so unterschiedlich wie die Angebote der Sanitärfirmen. Und so geht es auch nach dem inzwischen vierjährigen Dialogverfahren der künftigen Eigentümer mit Bezirk und Bürgern weiter Schlag auf Schlag, eine Deadline folgt der nächsten. „Erst der Dialog, dann das Design“ – das war und ist der Leitfaden, den alle Beteiligten akzeptierten. Auf der letzten Eigentümerversammlung ging es nun endlich auch um Design. Konkret: Es ging um die Gestaltung der Fassade.

Eine Fassade im schwarz-blauen Kontrast

„Es gibt Menschen, die lieben Beton und solche, die ihn hassen“, sagt Britta Jürgens, die sich nicht fotografieren lassen möchte. Sie sei zu abgearbeitet und außerdem: Sie möchte sich nicht exponieren, ist Teil des entstehenden Gesamtkunstwerkes. „Alle Bauherren wollten ein starkes Gebäude“, sagt sie: „Das Ding ist ja auch nicht zu übersehen.“ In der Tat kommt das Gebäude mit seinen Mini-Lofts und den weiteren Gewerbeeinheiten massiv daher. Warum den monolithischen Charakter nicht einfach noch etwas betonen?

Der Pionierbau „Frizz23“ soll dem Mangel an kleinteiligen Gewerbeflächen in der Stadt abhelfen. Grafiken: promop

Angestrebt wird derzeit eine nachhaltige Fassade im schwarz-blauen Kontrast. Die Oberfläche soll aus verbranntem Holz und aus Aluminiumplatten in Blau sein. Ob es eher ein schwarzes Blau wird, oder eher ein blaues Schwarz, das ist noch die Frage. Es gibt Muster. Wenn es kommt, wie es kommen soll, wird der Bau Aufsehen erregen. Zumal zum Blau einige Geschichten passen: Auf dem Grundstück von „Frizz23“ stand einst die nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel ab 1832 errichtete Berliner Sternwarte, die weltweite Bekanntheit erlangte. Vor hier aus wurde nämlich 1846 der Planet Neptun erspäht. Und der ist – scheinbar – blau. Auch Wilhelm Julius Foerster, der deutsche Astronom, war hier tätig und sein zweigeborener Sohn Karl Foerster, der bedeutende deutsche Gärtner, Staudenzüchter, Gartenschriftsteller und Gartenphilosoph, züchtete mit einer seiner zahlreichen Vorlieben Sorten des Rittersporns, vor allem blaue.

Die Lage in Kreuzberg. Grafik: Gitta Pieper-Meyer / Tspp

Die einzelnen Einheiten sind zwischen 30 und 400 Quadratmeter groß. Platz für die Kreativwirtschaft ist vor allem im mittleren Bereich des Gebäuderiegels. Im östlichen Gebäudeteil wollen Jürgens und Griffin weitere Minilofts einrichten. Heute ist dies eine immer größer und lukrativer werdende Nische in der Immobilienlandschaft.

Damals gab es noch keinen Hype

Als Jürgens und Griffin vor zwölf Jahren ihre ersten Minilofts in Mitte errichteten, konnte von Hype noch keine Rede sein. „Damals gab es ein Überangebot an Wohnungen und auch an Büros“, sagt Jürgens, die 1981 nach Berlin kam. „Doch wir als Architekten wollten bauen und so haben wir vor 15 Jahren – wohl als die ersten in Berlin – mit diesem Ferienwohnungskonzept angefangen: Bed&Breakfast ohne Breakfast.“ Das habe sofort eingeschlagen. Zudem wurde ihr Gebäude Hessische Straße 5 mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet. Heute kommt den Betreibern der Minilofts das Zweckentfremdungsverbotsgesetz entgegen. In einer Stadt, die gegen private Ferienapartments kämpft, sind Betreiber legaler Unterkünfte für kleine Familien im Vorteil. „Wir können hier nun weitere 14 Ferienwohnungen anbieten, ein ganz legaler Beherbergungsbetrieb, der niemandem die Wohnung wegnimmt und keiner internationalen Hotelkette gehört“, sagt Jürgens.

Ein schönes neues Stück altes Kreuzberg. Innovativ auf verschiedenen Ebenen: Simulation: promop

Das Architektenehepaar ist also wieder zur rechten Zeit am rechten Ort. Doch es geht ihm nicht um das Finanzielle und das Gestalterische allein. „Wir wollten zeigen, dass man auch als Architekt ein Projekt selbst entwickeln kann“, sagt Jürgens. „Man braucht keine ausländischen Investoren.“ Es gehe darum, „Stadt selber zu machen, kleinteilig, nach den natürlichen Bedürfnissen.“ Im Projekt „Frizz23“ bauen sich Menschen ihre Arbeitsräume gemeinsam.

15 Prozent Kurzzeitwohnen

Die Überlegungen trafen sich mit den Vorstellungen des Landes. Denn das Baufeld im Umfeld des ehemaligen Blumenmarktes wollte die landeseigene Berliner Großmarkt GmbH nicht an Meistbietend auf dem Markt verhökern. Vielmehr sollte die Qualität des Konzeptes den Ausschlag geben. Also wurde nicht zum Höchstpreis verkauft. In Folge des Dialogverfahrens wurde ein Nutzungsmix festgeschrieben. Ausgehend von den Wünschen der Anlieger. Sie wünschten sich ein Hotel, ein Gasthaus und Kultur vor Ort. Der Nutzungsmix gilt für zehn Jahre und ist im Grundstücksvertrag festgeschrieben:  Rund 32 Prozent Bildung, 22 Prozent Kreativwirtschaft, 15 Prozent Einzelhandel, 15 Prozent Kurzzeitwohnen, 12 Prozent Kultur. So soll verhindert werden, dass der schnöde Mammon Oberhand gewinnt und Eigentümer auf die Idee kommen, in ihren Ateliers und Werkstätten Wohnungen einzurichten.

Die „Deadline Architekten“ sind sich bewusst, dass die vielschichtige Eigentümerstruktur riskant ist. „Frizz23“ ist keine Genossenschaft, sondern eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). „Allein die Verträge auszuhandeln, das hat Monate gedauert“, sagt die Architektin. Gerne würde sie noch weiter über das Projekt sprechen und darüber, wie sich eine Stadt aus eigener Kraft neu baut. Doch irgendjemand muss jetzt rasch noch die Sanitäreinrichtung bestellen. Nur keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran.

Weitere Informationen finden Sie unter diesem Link: www.pxb.ag