Maßschneider Günter Adam in im Frühjahr 2016 in seinem Atelier – kurz bevor der damals 80-Jährige in den Ruhestand ging. Foto: Thilo Rückeis
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Berlin-Charlottenburg So war es einst am Ku'damm – Promi-Schneider Günter Adam erinnert sich

Günter Adam
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Fünf Jahrzehnte lang schneiderte Günter Adam seine Maßanzüge an der Meinekestraße, rund um den Ku'damm lernte er Künstler und andere Prominente kennen. Hier blickt Adam auf das Gesellschaftsleben im Berliner Westen zurück.

51 Jahre lang fertigte Schneidermeister Günter Adam seine Maßanzüge im „Atelier Adam“ an der Wilmersdorfer Meinekestraße an. Erst im Alter von 81 Jahren schloss er den Laden im Mai 2016. Zur Kundschaft gehörten viele Prominente darunter die Sänger Max Raabe und Udo Lindenberg, der Bariton Thomas Quasthoff, der Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach, die Journalistin Nina Ruge sowie die Schauspieler Mario Adorf, Meret Becker, Bruno Ganz, Harvey Keitel, Günter Pfitzmann und Wolfgang Völz. In folgendem Brief an den Tagesspiegel schreibt Adam über alte Zeiten, in denen der „Ku’damm noch Kurfürstendamm hieß“.

Die Treffpunkte der 1960er Jahre

Es war 1965, als ich meinen Laden eröffnete, in der Meinekestraße, und das war gut so, denn man konnte auch die Miete bezahlen. Damals waren es der Drugstore, Old Vienna, das Kopenhagen, Ricci und Heinz Holl, die das alte West-Berlin anzogen. Es waren Institutionen, wie auch die Wölffer-Bühnen und das Ciao Ciao von Franco Francucci. Fedele war dort der Chef, er parkte seinen Lamborghini auf dem Bürgersteig, die Polizei kam und wollte kassieren, er holte einen 1000-DM-Schein raus, der Polizist fragte: Haben Sie kein deutsches Geld?

Herr Rupp von Kroko (Lederwaren) hatte ein gutes Geschäft und auch ein gutes Herz. Er spendete 50.000 DM für die Sanierung der Gedächtniskirche. Es war eine Aktion von Reni Walther. Sie rief in der Presse zu Spenden auf, und die Berliner spendeten. Am Abend gab es für die Spender in der Oper eine Gala mit Künstlern von Rang.

Das Café Schilling: Es war die Wende, Herr Pfennig, der Besitzer, stürzte raus und sagte: Ich brauche Luft, die vielen Menschen, ja sie stürmten auch den Kurfürstendamm. Im Café Schilling feierte auch der Maler Jürgen Wölke seine ersten Erfolge, als es zu klein wurde, zog er in die Spielbank – und später waren seine Vernissagen gar im Hotel Steigenberger.

Ja, die Meinekestraße, es war eine sehr ruhige Straße, man sah kaum ein Auto; auch meine Kunden fanden immer einen Parkplatz. Das Zlata Praha war schon da, als ich kam. Roschi Biro verkaufte die Debreziner Röllchen für 3,25 Euro, ein sehr guter Preis. Ihr Sohn Gerhard hatte für seine Gäste immer ein Glas „Barack“ (Marillenschnaps) in der Jacke unter der Achsel. In der Straße residierte auch Henry Levy mit Berlins Spitzenrestaurant Maître.

Alte Zeiten. Roswitha und Wolfgang Völz, Günter Adam und Monika Diepgen (v.l.n.r.) im Maßatelier an der Meinekestraße. Foto: privat
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Peter Handke und Edward Kienholz als Hausnachbarn

Im Haus Meinekestraße 6, wo ich meinen Laden hatte, lebten auch zwei alte Damen, sie waren Dolmetscherinnen bei der Potsdamer Konferenz gewesen. Im Vorderhaus wohnte Peter Handke mit seiner Libgart Schwarz (Schaubühne), der Prinz von Preußen, und auch Ed Kienholz residierte dort mit der Werkstatt für seine Kunstwerke, die später in der Nationalgalerie und im Centre Pompidou zu sehen waren. Nina Ruge kaufte sich eine Beletage über zwei Etagen, zog aber nicht ein, es wurde vermietet. Wahrscheinlich fehlte ihr der Fahrstuhl, was ich gut verstehen kann, wohnte ich doch selbst im vierten Stock ohne Aufzug. Nun hat Max Raabe mit seinem Palastorchester an gleicher Stelle sein Büro.

Vis-à-vis von meinem Laden aus war ein riesiger Parkplatz, man konnte bis zur Joachimsthaler Straße sehen. Dort sammelte sich die Polizei, auch die berittene, um gegen den Mob, der sich Apo nannte, auf dem Kurfürstendamm vorzugehen. Eines Abends saßen wir am Kurfürstendamm / Ecke Meinekestraße in der ersten Etage im Journalistenclub auf dem Balkon, und unter uns jubelte und grölte, was sich Apo nannte. Es fuhren keine Autos oder Busse mehr, es eskalierte. Meine damals noch kleine Tochter hatte Angst und fragte: Papa, ist jetzt Krieg? Es war ein Höllenlärm. Was der Kurfürstendamm so alles mitmachte oder mitmachen musste...

Die Zeit verging und die Apo auch, es kam dann die Ölkrise mit der Folge, dass der Kurfürstendamm teilweise autofrei wurde. Es wurde Energie gespart. Eine weitere Erinnerung habe ich noch an die Jubelstürme im Jahr 2006 – das große Fußball–Sommermärchen mit Poldi, Schweini und Löw. Auch da stand der Verkehr still.

Wolfgang Spier, Günter Adam und Wolfgang Völz feiern im April 1995 das 30. Jubiläum des Schneiderateliers. Foto: privat
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Das böhmische Restaurant Zlata Praha war in den 70er und 80er Jahren „in“. Man traf dort Vico Torriani, Willy Birgel, Bernhard Minetti und auch Kanzler Helmut Kohl. Und einmal saßen wir mit Wolfgang Staudte zusammen an einem Tisch. Er sagte zu seiner hübschen Begleitung: Hier steht Krebsschwänze mit Artischockenherzen, warum nicht Artischockenschwänze mit Krebsherzen. Er hatte Esprit. Walter Giller lud mich ins Zlata ein. Nach Drehschluss von Karschunke & Sohn. Seine Frau Nadja aß sehr gesund und diszipliniert, kein Wunder: Diese Schönheit ist ihr im Alter anzusehen.

Das einstige italienische Restaurant Ricci im Gebäude der späteren Schaubühne am Lehniner Platz. Foto: privat
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Bei Ricci hatte der Maler und Boulevardier Reinhold W. Timm, genannt Timmy, sogar einen Briefkasten für seine Fanpost. Er hatte auch jedes Jahr eine Ausstellung im Hotel Kempinski, einst Flaggschiff auf unserem Boulevard – und nach einigen Aufs und Abs noch heute eine gute Adresse. Besonders beliebt: das „Kempi Grill“, wo bis vor Kurzem noch jedem Gast, wenn er Platz genommen hatte, eine feuchte Serviette per Pinzette gereicht wurde zum „Wohle der Hände“.

Ja, Timmy war eine der prägenden Gestalten auf dem Kurfürstendamm, wie auch Juliane Bartel (SFB). Sie saß meistens mit ihrem Clan bei Franco Francucci, man hörte sie schon von Weitem. Aber auch Persönlichkeiten wie Heinz Holl, Rolf Eden, Baron von Lepel, Ursula von Bentheim, Ulrike von Möllendorff, sogar Strohhut-Emil und andere prägten die Gegend.

Der Ku'damm bleibt Berlins berühmter Boulevard

Der Kurfürstendamm lebte und war oder ist wieder der Boulevard Berlins – dank Cumberland-Haus, dem Kaffeehaus Grosz, dem Restaurant Reinhard’s, nicht zu vergessen die Wölffer-Bühnen. Noch stehen sie nach jahrelangem Tam Tam. Harald Juhnke sagte mir einmal: „Na, eene würde mir ooch reichen!“

Eine Vernissage im Hotel Kempinski mit dem Maler Reinhold W. Timm (Mitte) und dem Gastronomen Heinz "Heini" Holl (rechts). Foto: privat
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