Helga und Gertrud Kirsch in Berlin in den späten Zwanzigerjahren. Foto: Familienarchiv Lemer/Anders, London
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Holocaust-Erinnerung in Berlin Die Flucht vor den Nazis gelang nicht mehr

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Ein Stolperstein in Berlin und ein Stapel Briefe in London: Die Geschichte einer gescheiterten Flucht aus Deutschland.

"Wenn Du nach Shanghai schreibst, sie sollen sich unbedingt bei mir melden.“ Mit dem Satz endet der letzte erhaltene Brief von Gertrud Kirsch an ihre Tochter Helga vom 27. Oktober 1941. Zwei Jahre zuvor hatte die Mutter, 46, Witwe, Jüdin, ihre 18-jährige Tochter in Sicherheit nach London geschickt. Sie selbst musste in Berlin bleiben, erhielt keine Einreisegenehmigung für Großbritannien. Ihre Briefe von der Tochter aufbewahrt, erzählen von Sehnsucht, von Sorge, vom Überlebenswillen, vom Alltag einer Berliner Jüdin in der Nazizeit. Es ist die Geschichte einer verhinderten Flucht aus Deutschland.

Gertrud Kirschs letzte dokumentierte Worte, eines davon: „Shanghai“, klingen noch nach Hoffnung. Dorthin geflohene Verwandte und Freunde sollten sich bei der in Berlin verbliebenen Frau melden. Vielleicht ließe sich ihre Flucht ja doch noch arrangieren ...? Was ist das Shanghai, der Hoffnungsklang, der heutigen Flüchtlinge? London? Stockholm? Berlin?

Nach Shanghai waren damals viele Juden vor den Nazis geflohen, in die ferne Stadt, die zu dieser Zeit schon mehr als drei Millionen Einwohner hatte. Rund 20 000 Juden überlebten im Ghetto von Shanghai. Die Schriftstellerin Ursula Krechel ist den Schicksalen der nach China geflüchteten Juden in ihrem Roman „Shanghai fern von wo“ nachgegangen.

„Es hatten sich wohl nur Großstädter getraut, nach Shanghai zu reisen, um der provinziellen Erschütterung und Erbitterung der Nazis zu entgehen, das war auch eine Erfahrung, eine niederschmetternde Erfahrung. Um sie zu machen, musste eine weite und teure Schiffspassage gebucht werden.“ (Ursula Krechel, „Shanghai fern von wo“)

„Hoffnung“ ist ein wichtiges Wort in Krechels Buch: die Hoffnung, es doch noch raus aus Deutschland zu schaffen, aber auch die Hoffnung, aus dem „Wartesaal Shanghai“ irgendwann wieder fortzukommen, nicht zuletzt, weil die mit Deutschland verbündeten Japaner dort im November 1937 einmarschiert waren.

Die Hoffnung London

Der Berlinerin Gertrud Kirsch, die in der Güntzelstraße im Bayerischen Viertel eine Pension führt, bleibt zuletzt noch die Hoffnung Shanghai. Verwandten und Freunden ist die Flucht gelungen. „Abgefahren“ seien sie, so die Wortwahl für die erzwungene Emigration in den Briefen.

„Habe übrigens gehört, daß man in London ohne weiteres eine Pension aufmachen kann, erkundige dich doch einmal? – Vielleicht sprichst du darüber einmal mit Dr. Worms, aus Amerika hört man augenblicklich geschäftlich nicht so günstiges, Cläre G. hat wieder sehr gestöhnt. – Du mein Mütterchen kannst dir nicht denken, alles geht nach London, direkt zweites Berlin, also am 17. d. Mts. gehe ich wieder zum Konsulat. Großen Zweck wird es nicht haben.“ (Gertrud Kirsch an Helga Kirsch, 11. Juli 1939)

45 Briefe erhält Helga Kirsch, von Gertrud Kirsch zärtlich „Mütterchen“, „Kleine“ oder „Helgalein“ genannt, von 1939 bis 1941. Immer wieder geht es zu Beginn ums Konsulat, das britische, und dessen „Permitt“. Von Besuchen dort ist die Rede, von ausbleibenden, unauffindbaren Papieren, vom deutschen Arbeitsamt und dessen Gutachten, von Fürsprache durch den jüdischen Hilfsverein, von Bürokratie, die nicht in die Gänge kommt. „Ulkig“ findet das Gertrud Kirsch mehr als einmal.

Gertrud Kirsch wurde 1942 im Alter von 47 Jahren von den Nazis ermordet. Im April 2013 wurde zu ihrem Gedenken ein Stolperstein vor der Güntzelstraße 62 verlegt. Foto: Familienarchiv Lemer/Anders, London
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Einige Englischstunden sind absolviert, von „Money“, das in England mit einer Pension verdient werden soll, wird geträumt. Doch mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 und der darauffolgenden Kriegserklärung der Briten an den deutschen Aggressor zerschlägt sich die Hoffnung London. Schon vorher waren auch andere Ziele im teils kritischen Blick. „In Amerika ist alles nicht so einfach“, schreibt Gertrud Kirsch. „Ich würde auch sofort nach Neu-Seeland gehen.“

Ein Brief an die Tochter, der auf den ersten Tag des Krieges datiert ist, lässt einen zweifelnden Unterton in dem ansonsten so bewusst – oder gezwungen – optimistisch wirkenden Schreibfluss zu.

„Mein geliebtes Helgalein! Ich war heute wieder überglücklich, von Dir Nachricht gehabt zu haben, wer weiß, wie lange noch. Mütterchen, ich freue mich, daß Du solch netten Bekannten hast, hoffentlich kann man sich bald über alles persönlich und in Freuden erzählen.“ (Gertrud Kirsch an Helga Kirsch, 1. September 1939)

Im März 1940 schildert Gertrud Kirsch ihre Geburtstagsfeier mit ihren „sämtlichen Pensionären“. Sie habe erst „um halb drei Uhr im Bett gelegen, also kannst Du Dir vorstellen, wie nett es war. Hoffentlich feiern wir diesen Tag im nächsten Jahr zusammen“. Dann wieder der Schwenk zum schützenden Alltäglichen, der Eile, in der sie sei: „Du weißt mein geliebtes Kind, ich habe ein Geschäft.“

Der Kreis in Berlin wird immer kleiner

Bald wird der Ton dringlicher. „Nun mein Kind würde ich Dich bitten, unbedingt zu sehen, ob nicht jemand irgendwo für mich garantieren könnte, Schweiz könnte ich auch abwarten, Du siehst doch, mit USA rückt und rührt sich nichts“, heißt es im April 1940. Um sie herum in Berlin „wird der Kreis immer kleiner“. Einer nach dem anderen „fährt ab“.

Gertrud Kirsch, deren Mann Felix 1937 an einer Blutvergiftung gestorben war, betreibt weiterhin ihre Pension in der Güntzelstraße, worauf sie mit stolzem Unterton verweist und ihre jüdischen Pensionäre bis zum Ende als an ihrem Leben teilhabende Zeitgenossen schildert.

„Deine Briefe bringen mich stets in einen Glücksrausch, meine ganzen Pensionäre nehmen stets daran Anteil. (...) Ja geliebte Kleine, wenn wir zusammen wären, dann wäre gewiß alles anders, Du kannst aber ganz beruhigt sein, ich habe noch genau so schwarzes Haar wie früher.“ (Gertrud Kirsch an Helga Kirsch, 27. Oktober 1941)

Der Stolperstein für Gertrud Kirsch in der Wilmersdorfer Güntzelstraße 62. Foto: F. Siebold/berlin.de
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Auch heute ist dort, wo Gertrud Kirsch lebte, im Haus Nummer 62, eine Pension. Davor auf dem Gehweg ist ein Stolperstein verlegt, den Helga Lemer, geborene Kirsch, mit ihren Kindern Barbara Anders und Robin Lemer gestiftet hat. „Hier wohnte Gertrud Kirsch, geb. Löwenberg, Jg. 1895“, steht darauf. „Deportiert 15.8.1942, Riga, ermordet 18.8.1942.“

„Wir verlegen Stolpersteine, weil wir das Erinnern an dieses entsetzliche deutsche Verbrechen wachhalten wollen. Ein Nebeneffekt dieser von dem Künstler Gunter Demnig erfundenen Gedenksteine ist: Wer die Namen lesen will, muss sich vor ihnen verneigen! Jeder Stolperstein ist ein von Hand hergestelltes Kunstwerk. Jeder ist ein Einzelstück. Ein kleines Denkmal für Menschen, die keine Gräber haben. Die Nazis haben ihre Existenzen vernichtet und wollten ihre Namen auslöschen. Wir holen die Namen der Ermordeten an die Orte zurück, wo sie zuletzt freiwillig gewohnt und gelebt haben. (Helmut Lölhöffel, Stolperstein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf)

Wie viele Juden erkennt die Familie Kirsch die tatsächliche Bedrohung durch die Nazis erst in der Pogromnacht vom 9. November 1938. Ein Onkel wird ins KZ gesperrt. Nach seiner Entlassung ist er entschlossen, die Familie außer Landes zu bringen, solange noch die Möglichkeit dazu besteht. „Er sagte meiner Mutter, sie müsse mich wegschicken, dass es für mich kein Leben in Deutschland mehr gebe“, erinnert sich Helga Lemer, 95-jährig, bei einem Besuch am Stolperstein in Berlin.

Mutter und Tochter in Hamburg

Nach Monaten kommt Gertrud Kirsch an die notwendigen Dokumente und ein Ticket für die Schiffsreise nach England für ihre Tochter. Helga Kirsch muss Deutschland allein verlassen, mit wenig Gepäck und noch weniger Geld. „Es war schrecklich“, erzählt sie. „Meine Mutter kam mit mir nach Hamburg. Wir konnten noch nicht einmal irgendwo etwas essen, weil überall die Plakate hingen, auf denen stand ,Juden verboten‘.“ Es ist der 19. April 1939 – ein Tag vor dem 50. Geburtstag Adolf Hitlers. Helga sieht ihre Mutter nie wieder.

In London arbeitet sie dann zunächst als Dienstmädchen. Mit ihrer Mutter hält sie über die Briefe Kontakt. „Sie konnte darin nicht viel schreiben“, sagt Helga Lemer. „Sie wusste, dass die Behörden die Briefe öffneten und lasen. Dass meine Mutter von den Nazis abgeholt worden war, hat mir dann die Mutter einer Freundin gesagt. Die Einzelheiten habe ich erst nach dem Krieg erfahren.“

„In Ergänzung der Ihnen bereits mit Erlaß vom 24.I.39 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung zuzuführen, beauftrage ich Sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa. (...) Ich beauftrage Sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen.“ (Göring an Heydrich, Juli 1941)

Die ersten drei Berliner Deportationszüge verlassen den Bahnhof Grunewald im Oktober 1941. Mehr als 3000 Menschen werden nach Lodz ins Ghetto deportiert. Hermann Göring, „Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches, Beauftragter für den Vierjahresplan, Vorsitzender des Ministerrats für die Reichsverteidigung“, hatte Reinhard Heydrich, „Chef der Sicherheitspolizei und des SD, SS-Gruppenführer“, seinen Auftrag erteilt.

Alltägliche Schikanen durch die Nazis

Am 23. Oktober tritt ein Auswanderungsverbot für Juden in Deutschland in Kraft. Viele Berliner Juden müssen zu diesem Zeitpunkt bereits in so genannten Judenhäusern in überfüllten Wohnungen leben. An der Ecke Güntzelstraße/Bamberger Straße, nur ein paar Häuser entfernt von Gertrud Kirschs Pension, musste die spätere Journalistin Inge Deutschkron wohnen. In dem Buch „Ich trug den gelben Stern“ und ihrer Bundestagsrede zum 80. Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten schildert sie die alltäglichen Schikanen durch die Nazis, über die Gertrud Kirsch in ihren Briefen nicht schreiben konnte.

„In ein so genanntes Judenhaus eingewiesen, mussten sich immer zwei Personen ein Zimmer teilen. Um unsere Ausgrenzung perfekt zu machen, wurden die Telefonkabel durchschnitten, nahm man uns die Radioapparate weg. Der Gang zum Friseur wurde verboten, sowie das Waschen unserer Wäsche in einem Salon. Seife durfte uns nicht verkauft werden. Auch Eier und Kuchen nicht. Das Einkaufen der wenigen uns zugeteilten Lebensmittel war nur zwischen 16 und 17 Uhr erlaubt.“ (Inge Deutschkron am 30. Januar 2013 im Deutschen Bundestag)

Im Bayerischen Viertel ist die Drangsalierung der Juden bis hin zu Deportation und Mord heute auf Schildern im öffentlichen Raum, zum Beispiel an Laternenpfählen, dokumentiert. Etwa: „Juden dürfen am Bayerischen Platz nur die gelb markierten Sitzbänke benutzen“ (1939). Oder: „Juden dürfen öffentliche Verkehrsmittel nur noch auf dem Weg zur Arbeit benutzen“ (1941). Renata Stih und Frieder Schnock haben das Kunstwerk „Orte des Erinnerns“ 1993 geschaffen.

Die Gestapo kommt in die Güntzelstraße

„Also geliebte Kleine, ich überlasse Dir Deine Herzensangelegenheit ganz allein, hoffentlich können wir die Verlobung zusammen feiern“, schreibt Gertrud Kirsch im letzten erhaltenen Brief. Tochter Helga hatte sich in England verliebt. Die Briefe, die auf der Insel ankommen, sind ein dauernder Balanceakt zwischen der Sehnsucht, Deutschland zu verlassen und, und dem Willen, zu zeigen, dass es der Mutter in Berlin an nichts fehle, sich alles zum Guten wenden würde.

Am 15. August 1942 kommt die Gestapo in die Güntzelstraße. Mit 1003 weiteren Menschen wird Gertrud Kirsch mit dem Zug nach Riga gebracht. Dort werden die Deportierten in den Wald geführt und erschossen.

„Ich wäre glücklich, ich wäre bei Dir, trotzdem ich hier alles habe“, schreibt Gertrud Kirsch im ersten Brief vom 13. Mai 1939, knapp einen Monat, nachdem Helga Kirsch die Schiffsreise nach England angetreten hat. Helga Kirsch sollte sich keine Sorgen machen, von Beginn an bis zuletzt. Mit den nach Shanghai geflohenen Verwandten kann sie erst nach dem Krieg wieder Kontakt aufnehmen.

Mitarbeit: Josie Le Blond. Den vollständigen Bericht der Kollegin über Helga Lemers Berlinbesuch und das Gedenken am Stolperstein für Gertrud Kirsch finden Sie hier. Ein Interview mit Gedenkstättenleiter Johannes Tuchel zum Thema Stolpersteine und Erinnerung lesen Sie hier. Und das Porträt eines Stolpersteinfotografen finden Sie hier.

Wohnen Sie im Bayerischen Viertel oder interessieren Sie sich für diesen besonderen Berliner Kiez? Unseren Kiezblog zum Bayerischen Viertel finden Sie hier. Der Kiezblog hat hier seine eigene Facebook-Seite und twittert hier unter @BayViertel. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #bayviertel


Sütterlin-Handschrift: Persönlicher Dank für das Entziffern der Briefe

Im Treppenhaus unserer Kita hing im Schaukasten ein Zettel, den ich fast übersehen hätte. Alle Nachbarn seien eingeladen, Gertrud Kirschs zu gedenken, am Stolperstein vor der Haustür. Es reise auch deren Tochter Helga Lemer, geborene Kirsch, aus London an, die einst mit der Mutter in dem Haus in der Güntzelstraße wohnte, sowie Helga Lemers Kinder Barbara Anders und Robin Lemer.

Man trifft sich auf dem Bürgersteig, meine Kollegin Josie Le Blond interviewt die Familie für Tagesspiegel.de. Ich erzähle, dass ich oft und gern in London bin. Helga Lemer sagt, dass ich sie dort doch mal besuchen solle.

In London erwähnt Helga Lemer fast beiläufig die Briefe ihrer Mutter, die sie aufbewahrt hat und die sie so gern noch einmal lesen würde. Die Briefe sind in kleiner, schwer leserlicher Handschrift verfasst, dazu größtenteils in Sütterlin. Ich biete an, Kopien mit nach Berlin zu nehmen, damit wir sie dort abtippen und per E-Mail zurück an die Familie schicken können. Ja, ich darf Kopien machen und auch für den Tagesspiegel aus den Briefen zitieren.

Doch die Briefe abzutippen, ist gar nicht so einfach. Sie sind teils in Sütterlin-Handschrift verfasst und wer kann die schon noch entziffern? Auch die Texterfassung beim Tagesspiegel ist überfordert. Einmal mehr hilft Christiane Timper, Bezirksverordnete in Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich für Erinnerung im Kiez starkmacht. Zum Beispiel, als es um eine Gedenktafel für Marcel Reich-Ranickis Berliner Jahre ging. Ihre Mutter Anne Timper kann Sütterlin lesen und ist bereit, den Wortlaut der Briefe auf Band zu sprechen, damit diese für Helga Lemer abgetippt werden können. Vielen Dank dafür! Markus Hesselmann

P.S. Barbara Anders hat die Briefe ins Englische übersetzt, damit Verwandte und Freunde auf der Insel sie auch lesen können.

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