Teofila und Marcel Reich-Ranicki mit ihrem Sohn Andrew 1957 in Warschau. Das Foto hat der berühmte Warschauer Fotograf Benedykt Dorys gemacht, wie Teofila und Marcel Reich-Ranicki ein Überlebender des Warschauer Gettos. "Er war ein Meister der Retusche", schreibt Andrew Ranicki selbstironisch auf seiner Internetseite, auf der er Bild- und Textdokumente über seine Familie sammelt. "Niemand von uns sah im wahren Leben so gut aus wie hier auf dem Foto!" Foto: Benedykt Dorys
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Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki "Es war sein Traum, wieder in Berlin zu leben"

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Berlin ehrt Marcel Reich-Ranicki mit einer Gedenktafel in der Güntzelstraße, die am ersten Todestag enthüllt wird. Andrew Ranicki erinnert an seinen Vater, den großen Literaturkritiker.

Der Sohn des großen Literaturkritikers meldet sich bald: Die Reaktion der Frau vom Bezirksamt hätte seinem Vater gefallen, schreibt Andrew Ranicki im sozialen Netzwerk Google+. Im Internet hat er den Tagesspiegel-Text über unsere Anfrage bei der bezirklichen Gedenktafelkommission gelesen. Ob es denn eine Plakette für Marcel Reich-Ranicki an seinem früheren Berliner Wohnhaus in der Güntzelstraße geben werde, hatten wir wissen wollen. Die Frage wurde im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf – „gute Idee!“ – gleich als Anregung verstanden sowie prompte Umsetzung in Aussicht gestellt.

„Dass eine Beamtin sofort selbst so engagiert ist, statt nach Regeln vorzugehen, das hätte mein Vater gemocht“, erklärt Andrew Ranicki später am Telefon. Er ist Mathematikprofessor an der Universität Edinburgh und pflegt die Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki, der vor fünf Monaten starb, mit Bild- und Textdokumenten auf seiner Internetseite.

Auch Christine Fischer-Defoy hat sich beim Tagesspiegel gemeldet: Eine Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki sei „längst in Arbeit und wird anlässlich des ersten Todestages am 18. 9. 2014 angebracht“, schreibt die Vorsitzende des „Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin“. Der Senat habe das Museum mit dem Programm „Berliner Gedenktafeln“ betraut. Inzwischen wurde die Enthüllung der Tafel auf den 12. September um 10.30 Uhr terminiert.

Die gute Idee ist also längst auf dem Weg in die Wirklichkeit. Und es ist offenbar nichts Ungewöhnliches, dass die Bezirke nicht sofort über solche Pläne informiert werden. Zumal noch nicht ganz klar war, in welchem Bezirk die Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki denn enthüllt werden soll. Es kommt eine Reihe von Adressen in Frage, Christine Fischer-Defoy listet auf: Die frühere Roonstraße 2 in Tiergarten, wo er 1929 als fast Neunjähriger aus Polen in Berlin ankam. Die Apostel-Paulus-Straße 19 in Schöneberg, von der aus er auf das Werner-von-Siemens-Realgymnasium im Bayerischen Viertel ging. Die Güntzelstraße 53 in Wilmersdorf, von der aus er das Fichte-Gymnasium in der Emser Straße besuchte. Oder seine letzte Berliner Adresse in der früheren Wohnung von Bertolt Brecht und Helene Weigel in der Spichernstraße 16, ebenfalls in Wilmersdorf, wo er als polnischer Staatsbürger am 28. Oktober 1938 während der „Polenaktion“ der Nazis verhaftet und nach Polen deportiert wurde.

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„Erstaunlich, was die alles behalten haben“, sagt Andrew Ranicki zu dieser Adressenliste und dass so etwas in Großbritannien schwierig wäre, weil es dort keine Meldepflicht gibt. Als wir telefonieren, hat er sich mit einer Bitte schon selbst an die Gedenktafelplaner gewandt: „Von den möglichen Adressen würde ich bestimmt die Günzelstraße 53 empfehlen“, schreibt er an Christine Fischer-Defoy. Das sei die Berliner Adresse, die für seinen Vater „zweifellos am wichtigsten“ war. „Zum Beispiel als meine Mutter und ich 1963 zusammen in (West)-Berlin waren, haben wir deswegen die Güntzelstraße besichtigt.“ Er hoffe, bei der Enthüllung der Tafel in Berlin dabei sein zu können. Christine Fischer-Defoy sagt ihm daraufhin zu, dass sie sich gern nach seiner Empfehlung richtet.

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Am Telefon erzählt Andrew Ranicki, der 1948 in London geboren wurde, wie sehr sein Vater Berlin gemocht habe. In seiner Autobiografie „Mein Leben“ beschreibt Marcel Reich-Ranicki seine Übersiedlung nach Berlin als Beginn des entscheidenden Abschnitts seines Lebens, der Hinwendung zur deutschen Kultur und insbesondere Literatur. Sonst wäre er kein Kritiker geworden, sagte er 2007 in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („FAZ"). Bei seinem ersten Besuch nach dem Krieg im Jahre 1946 habe er angesichts der zerstörten Stadt keine Genugtuung empfunden. Und das obwohl die Nazis seine Eltern und seinen Bruder ermordet hatten. Marcel Reich-Ranicki selbst war nach seiner Deportation dem Transport ins Vernichtungslager mit seiner Frau Teofila nur knapp entgangen.

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„Es war sein Traum, wieder in Berlin zu leben“, sagt Andrew Ranicki über seinen Vater. Doch wegen dessen Arbeit bei der „Zeit“ und der „FAZ“ seien Hamburg und Frankfurt doch praktischer gewesen. „Berlin war damals etwas abseits.“

Weitere Erinnerungen Andrew Ranickis an seinen Vater und seine Familie lesen Sie in unserer Bildergalerie "Marcel Reich-Ranicki und seine Familie". Wir danken Andrew Ranicki dafür, dass wir Fotos aus seinem Archiv verwenden durften. Andrew Ranickis Website finden sie hier.

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